MALER, INGENIEUR UND ARCHITEKT DES KÖNIGS

Leonardo da Vinci-Büste im Schloss Clos Lucé.Leonardo da Vinci-Büste im Schloss Clos Lucé. Foto © B. Denscher

Es war ein großes Fest, das man am 12. Juli 1515 in Lyon zu Ehren des wenige Monate zuvor gekrönten französischen Königs Franz I. feierte. Spektakulärer Höhepunkt war die Präsentation eines mechanischen Löwen, der vor die staunenden Zuschauer gefahren kam und anhielt, worauf sich die Löwenbrust öffnete und daraus Lilien herausquollen. Konstruiert hatte das Wunderwerk der geniale Leonardo da Vinci, und speziell für das Fest war das künstliche Raubtier aus Italien herangekarrt worden.

Das Original des Löwen hat sich nicht erhalten, eine Rekonstruktion aber kann im Château du Clos Lucé in Amboise bewundert werden, wo Leonardo da Vinci seine letzten Lebensjahre verbrachte.

Nachbildung des von Leonardo da Vinci konstruierten mechanischen Löwen

Nachbildung des von Leonardo da Vinci konstruierten mechanischen Löwen. Foto © B. Denscher

„Premier peintre et ingènieur et architect du Roy“ – „Erster Maler und Ingenieur und Architekt des Königs“. Diesen Titel hatte der Maler Leonardo da Vinci von Franz I. erhalten. Der junge König war von dem zweiundvierzig Jahre älteren Künstler sehr beeindruckt und hatte ihn eingeladen, von Italien nach Frankreich zu übersiedeln. In dem im Loiretal gelegenen Amboise, wo Franz I. damals residierte, erhielt der Maler mit dem Château du Clos Lucé einen repräsentativen Wohnsitz, den er vermutlich im Frühjahr 1517 bezog.

Schloss Clos Lucé. Foto © Manfred Heyde

Schloss Clos Lucé. Foto © Manfred Heyde

Clos Lucé ist durch einen rund fünfhundert Meter langen, unterirdischen Gang mit dem Königsschloss verbunden, und diesen Weg soll Franz I. oft genommen haben, wenn er den Maler besuchte. Der König schätzte den Künstler als Gesprächspartner, als Organisator prunkvoller Feste und als Ideenbringer und Konstrukteur, der zahlreiche zukunftsweisende Projekte parat hatte: So etwa das Konzept eines großen Kanals zwischen den Flüssen Loire und Saône, der später als „Canal du Centre“ realisiert wurde. Oder einen Plan zur Trockenlegung des Sumpfgebietes der Sologne, östlich von Amboise. Dort sollte auch ein neues Schloss und eine nach Leonardos Vorstellungen ideale Stadt errichtet werden – eine Idee, die allerdings nicht umgesetzt wurde.

Fahrrad und Wagen, gebaut nach Leonardos Skizzen.

Fahrrad und Wagen, gebaut nach Leonardos Skizzen. Foto © B. Denscher

Am 10. Oktober 1517 erhielt Leonardo da Vinci in Clos Lucé Besuch von italienischen Kardinal Luigi d’Aragona. Dessen Sekretär Antonio de Beatis notierte dazu in seinem Tagebuch: „Der hervorragendste Maler unserer Zeit zeigte seiner Eminenz dem Kardinal drei Gemälde; eines davon war das Bildnis einer gewissen florentinischen Dame“. Die „gewisse florentinische Dame“ sollte noch weltberühmt werden, denn es war die „Mona Lisa“. Leonardo da Vinci hatte das Gemälde von Italien mit nach Amboise gebracht, dort ging es später in den Besitz von Franz I. über, blieb bis zur Französischen Revolution in den königlichen Sammlungen und kam dann in den Pariser Louvre. Die beiden anderen Werke, die Antonio de Beatis in seinem Tagebuch erwähnt, sind das Bildnis von Johannes dem Täufer und eine Darstellung von Maria, Anna und Jesuskind. Als de Beatis und Kardinal Luigi d’Aragona Leonardo besuchten, war dieser allerdings nicht mehr mit derart anspruchsvollen Werken beschäftigt. Er war gesundheitlich geschwächt, vermutlich durch einen Schlaganfall. Dazu de Beatis: „Man kann in der Tat keine weiteren guten Arbeiten mehr von ihm erwarten, da eine gewisse Lähmung seine rechte Hand unbrauchbar gemacht hat. Aber er hat einen Schüler, einen Mailänder, der ganz gut malt. Und obwohl Herr Leonardo nicht mehr in der Lage ist, mit der Sanftheit oder Lieblichkeit zu malen, die charakteristisch für ihn gewesen sind, so kann er doch noch immer grobe Skizzen entwerfen und andere instruieren.“

Tretboote, gebaut nach Plänen von Leonardo

Tretboote, gebaut nach Plänen von Leonardo. Foto © B. Denscher

Am 2. Mai 1519, starb Leonardo da Vinci im Alter von siebenundsechzig Jahren in Amboise. Sein Wohnsitz Clos Lucé ist heutzutage für die Öffentlichkeit zugänglich, Ausstellungen vermitteln einen Eindruck vom Werk dieses Universalgenies. Im Mittelpunkt der Präsentationen steht Leonardo als Erfinder und Konstrukteur, Nachbauten einiger seiner Projekte sind auch im ausgedehnten Schlossgarten zu finden.

Website des Château du Clos Lucé.

Buchtipp:
Warum konstruierte Leonardo da Vinci im 15. Jahrhundert einen Hubschrauber, ein Automobil oder ein Katapult? Wie könnten die von ihm ersonnenen Boote, Winden und Flugmaschinen funktionieren? Das fragten sich Mario Taddei und Edoardo Zanon vom Leonardo3-Museum in Mailand sowie Domenico Laurenza, der ein Spezialist für wissenschaftliche Zeichnungen der Renaissance ist. Entstanden ist auf Basis ihrer Überlegungen der opulent illustrierte Band „Leonardos Maschinen. In der Werkstatt des genialen Erfinders“, erschienen im Theiss Verlag, Darmstadt 2017.

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