RINGSUM SAND, VIEL SAND…

Råbjerg Mile. Alle Fotos © B. DenscherRåbjerg Mile. Alle Fotos © B. Denscher

Ein Schritt voran, zwei zurück. Immer wieder sinkt man knöcheltief im Sand ein. Eine Kuppe, noch eine Kuppe, und je höher man kommt, desto stärker bläst einem der Wind den Sand ins Gesicht. Der Aufstieg ist mühsam, aber er lohnt sich. Denn hat man endlich die höchste Kuppe erklommen, wird man durch eine imposante Aussicht belohnt. Ringsum Sand, viel Sand. Eine riesige Düne, die allmählich in eine karge Heide übergeht, dann, schon in einiger Entfernung, niedrige Wälder – und am Horizont das Meer: auf der einen Seite die Nordsee, auf der anderen die Ostsee.

Der Standort heißt Råbjerg Mile, befindet sich in Dänemark, im äußersten Norden von Jütland, und ist eine der größten Wanderdünen Europas. Rund vier Millionen Kubikmeter Sand sind es, die hier, auf der nur wenige Kilometer schmalen Landzunge Skagens Odde, eine ganz einzigartige Landschaft bilden, die oft als die „dänische Wüste“ bezeichnet wird. Seit dem Jahr 1900 steht Råbjerg Mile unter Naturschutz, und deshalb darf sie auch ungehindert wandern. Begonnen hat ihr Weg an der Westküste, doch da sie sich mit lemmingeartiger Zielgerichtetheit alljährlich durchschnittlich 15 Meter weiter nach Osten wälzt, wird sie um das Jahr 2250 in der Ostsee verschwunden sein. Vorher aber muss sie auf ihrer Wanderung die Bahnlinie und die Schnellstraße, die nach Skagen, die nördlichste Stadt Dänemarks, führen, überqueren – und damit unter sich begraben. Es sei denn, die Gleisanlagen und die Straße werden rechtzeitig verlegt. Derzeit gibt es dafür noch keine konkreten Pläne. Es hat ja noch Zeit. Und außerdem hat man hier über die Jahrhunderte lernen müssen, mit dem Sand zu leben.

An der Ostseeküste

An der Ostseeküste

Råbjerg Mile ist das Produkt einer klimatischen und ökologischen Katastrophe, die als „Den store sandflugt“ – „Der große Sandflug“ – bezeichnet wird. Die gewaltigen Sandverlagerungen, deren Auswirkungen das Landschaftsbild von vielen Teilen der Westküste und der Nordspitze Jütlands bis heute prägen, setzten Mitte des 16. Jahrhunderts ein. Damals, während der sogenannten „Kleinen Eiszeit“, sank der Meeresspiegel – da große Wassermengen durch Vereisung gebunden waren – deutlich ab, die Strände wurden breiter und dadurch wurde mehr Sand freigelegt, der dann von den an der Nordseeküste herrschenden Stürmen in immer größeren Mengen an Land geblasen wurde. Dort traf er auf wenig Widerstand, denn schon zu Wikingerzeiten hatte man begonnen, weite Teile der einst vorhandenen Wälder abzuholzen. Hatte man damals vor allem Material für den Schiffsbau gebraucht, so war während der Kleinen Eiszeit auch vermehrt Brennmaterial zum Heizen der Fischerkaten und Bauernhäuser vonnöten. Die Landschaftsschäden, die durch jahrhundertelange intensive Beweidung und durch den Torfabbau entstanden waren, taten das Übrige, und so versanken immer weitere Landstriche unter den Dünen und ganze Dörfer mussten dem Sand überlassen werden. Gestoppt werden konnte der Sandflug erst, als man gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit dem systematischen Anlegen von sogenannten Dünenplantagen begann. Dafür holte man sich zunächst Bergkiefern aus Mitteleuropa, da diese Baumart mit den harten Bedingungen am besten zurechtkam. Nach und nach fügten sich andere Gehölze ein und auch das küstentypische Buschwerk kehrte wieder zurück. Allerdings gab es auch Proteste gegen die Aufforstungen. Die sich damals formierende dänische Naturschutzbewegung wandte sich gegen die Umformung der so eigentümlichen Landschaft, die der Sand geschaffen hatte. Eine Kompromisslösung war dann die Unterschutzstellung von Råbjerg Mile.

Die versandete Kirche

Die versandete Kirche

Eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Region ist die „Tilsandede Kirke“, die versandete Kirche, die vielleicht berühmteste Kirche Dänemarks überhaupt. Doch eigentlich ist sie ja gar keine Kirche mehr, denn von dem Gebäude ist lediglich der Kirchturm übrig, von dem aber auch nur noch der obere Teil aus dem mit Heidekraut und kümmerlichen Büschen bewachsenen Boden ragt. Errichtet wurde die Kirche um 1375. Der Bauplatz etwas außerhalb etwas außerhalb von Skagen war damals ideal. Denn hier, auf einer kleinen Anhöhe oberhalb der Ostseeküste, war man vor den Überschwemmungen, von denen die Stadt so oft betroffen war, sicher, hier hatte man einen festen, flachen Boden für eine stattliche Kirche, einen Friedhof und noch ein paar weitere Gebäude. Rund 400 Jahre war das dem heiligen Laurentius geweihte Gotteshaus ein religiöses Zentrum der Region. 1775 aber wurde der Eingang zur Kirche nach einem heftigen Sturm erstmals von einer Düne versperrt. Der Eingang musste freigeschaufelt werden – und das wurde in Folge immer häufiger nötig, bis man 20 Jahre später den Kampf gegen die Naturgewalten aufgab. Das Kirchenschiff wurde zum Großteil abgerissen, geblieben sind die Grundmauern, der Kirchenboden, Teile des Altarraums und die Friedhofsgräber. All das ist mittlerweile von mehreren Metern Sand bedeckt. Der Kirchturm ließ man als Seezeichen für den Schiffsverkehr in der Ostsee stehen, und damit er auch gut sichtbar war, wurde der ursprüngliche Backsteinbau weiß getüncht.

„Sandormen“ – der „Sandwurm“ – bringt Gäste von Skagen nach Grenen

„Sandormen“ – der „Sandwurm“ – bringt Gäste von Skagen nach Grenen

In Skagen ist die Landzunge nur noch knapp drei Kilometer breit, und daher liegt die Stadt sowohl an der Nord- als auch an der Ostsee. Am Nordseeufer – der Meeresabschnitt hier wird auch Skagerrak genannt – ist es ruhiger, da findet man Einfamilienhäuser, kleine Pensionen, einige wenige ruhige Hotels. Auf der östlichen Seite, an dem als Kattegat bezeichneten Teil der Ostsee, befinden sich der Hafen und das mit seinen kleinen, meist strahlend gelb getünchten Häusern sehr fröhlich wirkende Stadtzentrum, das mit vielen Läden und Lokalen allsommerlich zahllose Besucher anlockt. Ein paar Kilometer nördlich von Skagen, an der Landspitze Grenen, treffen die beiden Meere aufeinander, was an den unterschiedlichen Farben des Wassers und an dem sich oft zu hohen Schaumkronen formierenden Aufeinanderprall der Wellen erkennbar ist. Wer mag, kann hier mit einem Fuß in der Nord- und mit dem anderen in der Ostsee stehen. Zu weit hinauswagen aber sollte man sich nicht, die Strömungen können recht tückisch sein, weshalb hier das Schwimmen verboten ist.

Dieser Text ist ein leicht adaptierter Ausschnitt aus dem Buch:
Barbara Denscher „Lesereise Dänemark. Von Wikingern und Brückenbauern“. Picus Verlag, Wien, 2017.