DAS GRÖSSTE BAUHAUS-FREILICHTMUSEUM DER WELT

Tel Aviv, GebäudedetailAlle Fotos © Konrad Holzer

Unter all den Großstädten rund ums Mittelmeer ist Tel Aviv wahrscheinlich die jüngste. 1909 wurde sie als kleine Gartenvorstadt von Jaffa gegründet, „Frühlingshügel“ bedeutet ihr Name auf Deutsch. Und dennoch: trotzdem die Stadt so jung ist, findet man kein einziges Haus aus dieser Gründungszeit. 1925 wurde der schottische Stadtplaner Sir Patrick Geddes (1854–1932)  beauftragt, dem immer größeren Wachstum der Stadt eine Ordnung zu geben.

Der deutsche Architekturkritiker Julius Posener (1904–1996) schrieb: „Tel Aviv war für kleine Häuser gebaut. Da es sich aber rapid entwickelte, wurden aus den Häusern Mietshäuser, welche den ganzen bebaubaren Teil des Grundstücks besetzten.“ Und lobt weiters die Tätigkeit des „Chug“, eines Kreises von Architekten im Lande Israel, die, so Posener, den Haustyp nicht mehr ändern konnten, aber doch bessere Häuser bauten: „So hoben sie den Eingangsteil der Häuser vom Boden ab, stellten ihn auf Säulen und man betrat das Haus durch einen überdeckten Vorgarten. Die Pflanzen gediehen unter den Häusern besser als in Paris.“ Dazu kam, dass in den 1930er Jahren jüdische Architekten aus Deutschland und Österreich in das damalige Palästina emigrierten und den „Stil des Neuen Bauens“, den „BauHausStil“, oder auch „Internationalen Stil“ nach Tel Aviv brachten. Und diese Architekten bauten einige tausend Häuser, so dass die Stadt zum größten Bauhaus-Freilichtmuseum der Welt wurde.

  • Tel Aviv, Hausfassade

Der Kulturwissenschaftler Joachim Schlör beschreibt in seinem Buch „Tel Aviv: Vom Traum zur Stadt“ die Motive an den Häusern: „Balkonbrüstungen, als ‚Schürzen‘ weit nach unten verlängert, um Schatten zu geben; Balkon- und Fensterbänder, künstlich verlängert oft, um den klaren Eindruck wenigstens ein ornamentales Element abzuringen: Gesimsbänder, Dachpergolen; Bullaugenfenster und andere Anklänge an die Schiffsarchitektur“. Dazu kommen noch die abgerundeten Ecken und die flachen Sonnendächer. Natürlich verfielen zahlreiche der rund viertausend Häuser, das schwül-feuchte Klima der Stadt am Meer tat das Seine dazu.

  • Tel Aviv, Hausfassade

1994 aber nahm Tel Aviv dieses Erbe im großen Bauhaus-Kongress bewusst an, 2000 wurde das Bauhaus Center gegründet, es befindet sich ganz nahe vom Dizengoff-Platz, einem einzigartigen Bauhaus-Traum. In diesem Center kann man Führungen buchen, die in sechs Sprachen abgehalten werden und an die zwei Stunden dauern. Es wird aber auch ein Audio-Guide angeboten, so dass man sich selbständig durch die Straßen bewegen kann. Überhaupt ist dieser Teil der Stadt leicht zu Fuß zu bewältigen. Seit 2003 gehört die Weiße Stadt von Tel Aviv zum UNESCO-Welterbe. 2008 wurde das Bauhaus-Museum eröffnet, ein kleines Boutique-Museum, das eine Auswahl an Bauhaus-Möbeln, Grafiken, Leuchten, Glas- und Porzellanwaren präsentiert, die von bekannten Bauhaus-Künstlern geschaffen wurden.

Das Restaurieren der mittlerweile rund 80 Jahre alten Häuser ist kostspielig, so dass viele Hausgemeinschaften die Dachterrassen verkaufen. Der Käufer muss das Haus restaurieren, darf aber im Gegenzug zwei Stockwerke – auf die sonst üblichen drei – aufsetzen. Aber auch bei neu gebauten Häusern findet man immer wieder Elemente des Bauhaus-Stils.

  • Tel Aviv, Balkongestaltungen

Es ist auch ein optisches Vergnügen, durch die Straßen von Tel Aviv zu schlendern, von den glatten weißen Fassaden  hebt sich das Grün der Schatten spendenden Bäume ab, Farbtupfer kommen von den in vielen Farben blühenden Hibiskusbüschen. Tel Aviv ist eine Stadt zum Flanieren. Es gibt kaum etwas Schöneres als am späteren Nachmittag die großzügig ausgebaute Strandpromenade nach Jaffa zu gehen. Von der Mündung der Gordon-Street in den Strand ausgehend – linkerhand noch einmal ein wunderschönes Beispiel des Bauhaus-Stils – immer mit Blick zum Meer in die untergehende Sonne eine Stunde lang immer nach Süden.

  • Tel Aviv