KÜNSTLERIN UND GESCHÄFTSFRAU: ANGELIKA KAUFFMANN

Angelika Kauffmann: Selbstporträt von 1784 (Ausschnitt), Neue Pinakothek, MünchenAngelika Kauffmann: Selbstporträt von 1784 (Ausschnitt), Neue Pinakothek, München

Der Preis für „Historienbilder mit Figuren in Lebensgröße“ betrug „120 Zechinen für jede einzelne Hauptfigur“. Begnügte man sich mit Figuren in halber Lebensgröße, so kam man mit „60 Zechinen für jede Hauptfigur“ um die Hälfte billiger davon. Wer ein Bild von sich selbst malen lassen wollte, hatte für ein „ganzfiguriges Portrait in Lebensgröße“ 120 Zechinen zu bezahlen. Preisgünstiger war „ein Porträt des Kopfes allein, lebensgroß, ohne Hände“, das 40 Zechinen kostete. Zu zahlen war – und auch das war auf der Preisliste, die Angelika Kauffmann in ihrem Atelier in Rom aufliegen hatte, genau festgelegt – die eine Hälfte des Honorars bei der ersten Sitzung, „und die andere Hälfte, wenn das Portrait abgeschlossen ist.“

Angelika Kauffmann war nicht nur die berühmteste Malerin ihrer Zeit, sondern sie war auch eine überaus genaue Geschäftsfrau. Sehr klug verstand sie es, ihr bald beträchtliches Vermögen zu verwalten und zu vermehren, und sie war damit in einer Zeit, in der wenige Frauen ökonomisch unabhängig und eigenverantwortlich agierten, eine absolute Ausnahmeerscheinung. Wer in der begüterten Gesellschaft der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts etwas auf sich hielt, ließ sich von Angelika Kauffmann porträtieren. Die im schweizerischen Chur geborene Malerin, die zunächst in Rom, dann fünfzehn Jahre lang in London und später wieder in Rom repräsentative Ateliers führte, malte Königinnen und Fürsten, Wissenschaftler, Schauspieler, Schriftsteller und Malerkollegen. Porträtsitzungen bei ihr waren ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem immer auch Zuschauer anwesend waren. Jeder wollte die gutaussehende Künstlerin, die von ihren begeisterten englischen Fans „Miss Angel“ genannt wurde, kennenlernen. Man schwärmte vom Charme und der Klugheit der Malerin, die sehr belesen war, vier Sprachen – Deutsch, Italienisch, Französisch und Englisch – beherrschte und auch als hervorragende Sängerin galt.

Angelika Kauffmann: Drei Sängerinnen (1795). Bündner Kunstmuseum

Angelika Kauffmann: Drei Sängerinnen (1795). Bündner Kunstmuseum

Doch obwohl Angelika Kauffmann die, wie der Schriftsteller Johann Gottfried Herder meinte, „wohl kultivierteste Frau in Europa“ war, gab es auch genügend Vorbehalte gegen die Künstlerin, die nicht ins Schema der gängigen Rollenzuweisungen passte. Das klingt auch in jenem oft zitierten Urteil an, das Johann Wolfgang von Goethe über die Kauffmann fällte. Der Schriftsteller hatte sie während seiner Italienreise 1786 in Rom kennengelernt, war sehr oft zu Gast in ihrem Atelier, ließ sich von ihr porträtieren und meinte über die Malerin: „Sie hat ein unglaubliches und als Weib wirklich ungeheures Talent.“ Goethe wollte also die Fähigkeiten seiner „besten Bekanntschaft hier in Rom“ durchaus mit Einschränkungen sehen: ein ungeheures Talent, aber eben nur „als Weib“ – nicht zu vergleichen mit einem Mann.

Wesentlich schärfer als Goethe formulierte August Wilhelm Schlegel sein Urteil über Angelika Kauffmann: „Ihren Jünglingen sieht es aus den Augen, dass sie gar zu gern einen Mädchenbusen hätten, wo möglich auch solche Hüften“, ätzte der deutsche Philosoph, dem es offenbar nicht leicht fiel, die künstlerischen Fähigkeiten der Malerin anzuerkennen. Zwar meinte er, dass die „zarte Weiblichkeit“ in ihren Bildern durchaus anziehend sei, männliche Themen – und damit auch die Darstellung von Männern – jedoch lägen jenseits der „Grenze ihres Talentes“.

Mit solchen Vorbehalten waren Schlegel und Goethe unter den Zeitgenossen durchaus nicht alleine. Denn Frauen, so war man(n) überzeugt, hätten nicht das Zeug zum Künstlertum, Malerei wäre für sie kaum viel mehr als ein Zeitvertreib, bestenfalls könnten sie mit romantischen Blumenbildern oder kleinen Porträts reüssieren, niemals aber mit Männern konkurrieren. Doch genau dies tat Angelika Kauffmann – und war dabei so erfolgreich, dass sie 1768 in den Kreis der 34 Gründungsmitglieder der „Royal Academy of Arts“ in London aufgenommen wurde. Diese Anerkennung wurde nur zwei Frauen zuteil: der Malerin Mary Moser, deren Vater George Michael Moser dem Direktorium der Akademie angehörte, und eben Angelika Kauffmann.  Als der aus Deutschland stammende Maler Johann Zoffany, der 1769 in die Akademie aufgenommen wurde, mit dem Gemälde „The Academicians of the Royal Academy“ eine erste repräsentative Selbstdarstellung des illustren Künstlerkreises schuf, waren Mary Moser und Angelika Kauffmann dabei allerdings nur in Form von Porträts an der Wand präsent. Zoffany hatte für sein Bild die Künstlerschar im Aktsaal der Royal Academy platziert – und damit Moser und Kauffmann bewusst von der Versammlung ausgeschlossen. Denn der Aktsaal war für Frauen tabu, das Aktstudium war ihnen verboten.

Johann Zoffany: The Academicians of the Royal Academy (1771/72). The Royal Collection

Johann Zoffany: The Academicians of the Royal Academy (1771/72). The Royal Collection

Angelika Kauffmann aber verstand es, sich über alle Vorbehalte, Beschränkungen und Behinderungen hinwegzusetzen und sich mit einem hohen Maß an Ehrgeiz und Durchsetzungsvermögen ihren Platz in der zeitgenössischen Kunstszene zu erkämpfen. Vor allem war sie, wie vielen zeitgenössischen Berichten zu entnehmen ist, ungeheuer fleißig. „Man kann viel von ihr lernen, besonders arbeiten, denn es ist unglaublich was sie alles endigt“, vermerkte Johann Wolfgang von Goethe.

Die prägende Persönlichkeit im Leben von Angelika Kauffmann war wohl vor allem ihr Vater. Johann Joseph Kauffmann (1707-1782) war ebenfalls Maler, er schuf Porträts und Landschaftsbilder und war hauptsächlich mit Wandmalereien in Schlössern und Kirchen beschäftigt. Sehr früh erkannte Kauffmann das künstlerische Talent seiner Tochter, förderte sie in jeder ihm möglichen Weise und widmete sich sein Leben lang ihrer Karriere. Von ihm erhielt sie den allerersten Zeichen- und Malunterricht, und er „lehrte seine Tochter den geschickten Umgang mit einer geistlichen und weltlichen Oberschicht zum Zwecke des Geldverdienens. Seine ständige Anwesenheit war der bestmögliche Schutz vor männlichen Übergriffen“. Bis zu seinem Tod lebte Johann Joseph Kauffmann bei seiner Tochter, die – vermutlich auf seinen Rat hin – 1781, als 40-jährige, den um einiges älteren venezianischen Maler Antonio Zucchi (1726-1795) heiratete.

Angelika Kauffmann: Selbstporträt in Bregenzerwälder Tracht (1781). Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum

Angelika Kauffmann: Selbstporträt in Bregenzerwälder Tracht (1781). Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum

Angelika Kauffmann – oder, wie sie mit vollem Namen hieß: Anna Maria Angelika Katherina Kauffmann – wurde am 30. Oktober 1741 in Chur geboren, woher ihre Mutter stammte und wo ihr Vater damals als fürsterzbischöflicher Hofmaler tätig war. Später lebte die Familie in Morbegno bei Sondrio, dann in Como und in Mailand. Angelika, die bereits als 12-jährige mit einem Porträt des Bischofs von Como von sich reden gemacht hatte, war bald weithin als „Wunderkind“ bekannt. 1757 starb die Mutter, und Angelika Kauffmann übersiedelte mit dem Vater in dessen Geburtsort, nach Schwarzenberg im Bregenzerwald. Gemeinsam übernahmen die beiden die Ausmalung der Pfarrkirche, wobei die 16-jährige Angelika die zwölf Aposteldarstellungen schuf. Es folgten weitere Aufträge im Bodenseeraum, bis Tochter und Vater 1760 wieder nach Italien zogen.

„Wie offt bin ich in gedanken im vatterland und wie sehr wünsche ich selbes wieder zu sehen“, schrieb Angelika Kauffmann später einmal in einem Brief. Ihr Leben lang blieb Schwarzenberg, in das sie nur noch ein Mal für kurze Zeit zurückkehrte, ihr Sehnsuchtsort und immer wieder bezeichnete sie den kleinen Ort im Bregenzerwald als ihre eigentliche Heimat. Über Jahrzehnte hinweg erhielt die Verwandtschaft in Schwarzenberg von ihr finanzielle Unterstützung, und als Angelika Kauffmann am 5. November 1807 in Rom starb, ging der Hauptteil ihres beträchtlichen Vermögens testamentarisch an die Familie im Bregenzerwald. In Schwarzenberg erinnern heute ein nach Angelika Kauffmann benannter Konzertsaal und vor allem das Angelika Kaufmann-Museum an die Künstlerin.