DER „KAUFMANNSHAFEN“: BOOTSFAHRT DURCH KOPENHAGEN

Alle Fotos: B. Denscher

Bei der Sturmbrücke wird es ein wenig schwierig mit dem Navigieren. Das hat allerdings nichts damit zu tun, dass der Wind hier, am Frederiksholms Kanal, stärker wehen würde als sonst wo in Kopenhagen. Ihren Namen hat die Stormbro von der schwedischen Belagerung im Jahr 1659. Damals versuchten die Angreifer, im Gebiet rund um die heutige Brücke die Stadt zu erstürmen, was aber misslang. Aufpassen müssen die Kapitäne der kleinen Rundfahrtboote hier deshalb, weil die Passage unter der zweibogigen, niedrigen Steinbrücke hindurch sehr eng ist – „Kopf einziehen und Hände nicht über den Bootsrand strecken“, heißt es da – und weil unmittelbar nach der Brücke der schmale Kanal seine Richtung ändert und damit einen neunzig-Grad-Schwenk des Bootes notwendig macht. Das erfordert einiges Hin- und Her-Manövrieren – und gibt den Passagieren Zeit, die bunten, alten Häuser am Kanal zu bewundern.

Es lohnt sich, an einer der Kanal- und Hafenrundfahrten teilzunehmen, die in Kopenhagen nahezu das ganze Jahr über angeboten werden. Denn die Stadt wird dabei aus einer anderen Perspektive erlebbar, und vor allem bekommt man ein Gefühl dafür, wie sehr die Geschichte Kopenhagens seit jeher von der Lage am Wasser bestimmt ist. Darauf verweist auch der Name der Stadt: In den ältesten erhaltenen Erwähnungen, die aus dem späten 12. Jahrhundert stammen, ist von einem Fischerdorf die Rede, das als „Hafn“ – Hafen – bezeichnet wird. Diese Hafenansiedlung scheint rasch angewachsen zu sein, denn ein paar Jahrzehnte später, wird bereits von einer Stadt und einer Burg berichtet. Als Name ist nun „Køpmannæhafn“ – „Kaufmannshafen“ – angegeben. Daraus hat sich der heutige dänische Stadtname „København“ entwickelt, und auch die deutsche Form „Kopenhagen“ leitet sich, vermittelt durch das Niederdeutsche, vom Kaufmannshafen her.

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Ein weiteres vorsichtiges Manövrieren ist bei der Rundfahrt durch Kopenhagen im Nyhavn Kanal nötig, wo das Boot umdrehen muss. Denn die Wasserstraße endet am Kongens Nytorv, dem größten Platz der Kopenhagener Innenstadt. Der Stichkanal wurde Ende des 17. Jahrhunderts ausgehoben, um einen direkten Zugang vom Meer zum Zentrum zu haben. Für die drei Jahre lang dauernden Bauarbeiten wurden viele jener schwedischen Soldaten herangezogen, die nach dem missglückten Sturm auf Kopenhagen in dänische Gefangenschaft geraten waren. Berühmt ist Nyhavn, der „neue Hafen“, durch die bunten Häuser auf beiden Seiten des Kanals – das älteste, Nyhavn 9 stammt aus dem Jahr 1681. Sie und die vielen malerischen alten Schiffe, die hier verankert sind, machen Nyhavn zu einem der meistbesuchten Touristenzielen Kopenhagens, und es gibt hier – unübersehbar – die die höchste Lokaldichte der Stadt.

Kopenhagen Nyhavn

Lange Zeit galt die südliche Seite von Nyhavn als die „anständige“ und die nördliche als die weniger anständige. Denn hier, auf der milliardenfach fotografierten Sonnenseite, befanden sich die Seemannskneipen und die Stundenhotels, in den Kellerlokalen wurde mit allem Möglichen – und viel Verbotenem – gehandelt und Tätowierer boten dort ihre Dienste an. Historiker erklären diesen Gegensatz zwischen den beiden Kanalseiten damit, dass die südliche Seite lange Zeit unter königlicher Verwaltung stand, während die nördliche zum Kopenhagener Magistrat gehörte – und der war offenbar eher bereit, ein Auge zuzudrücken. In den letzten Jahrzehnten aber haben sich Nord und Süd mehr und mehr einander angeglichen, beide Seiten präsentieren sich, nach vielen Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten, durchaus „anständig“. Vom Nyhavn Kanal geht es im Rundfahrtboot hinüber auf die andere Seite des großen Kopenhagener Hafenbeckens.

Bei der Überfahrt wird deutlich, wie sehr sich die Stadt in letzter Zeit verändert hat. Gleich bei der Ausfahrt aus dem Nyhavn Kanal taucht linker Hand das 2008 eröffnete Schauspielhaus auf. Rechter Hand dominieren die vielen neuen Wohnblocks, die auf früheren Hafen- und Fabrikarealen entstanden sind, das Bild. Ein Stück weiter im Süden befindet sich der „Sorte Diamant“, der „Schwarze Diamant“, wie die Kopenhagener den 1999 fertiggestellten extravaganten Anbau der Königlichen Bibliothek nennen. Es sind zwei riesige, durch mehrere Übergänge miteinander verbundene Gebäudeblöcke, die direkt am Ufer stehen. Die sich nach vorne, zum Wasser hin neigende Fassade besteht aus tiefschwarzem, polierten Granit und dunklem Glas – eine Materialkombination, die bei Sonnenschein das Gebäude zum Glitzern bringt.

Noch bleibt, bei der Hafendurchquerung, Zeit für einen Blick in den Norden, wo im „Nordhavn“ ein weiteres riesiges Wohnbaugebiet entsteht. Dann aber ist die andere Seite des Hafens erreicht, der Stadtteil Holmen, der aus fünf nahe beieinander liegenden Inseln besteht, die durch eine Reihe von Brücken untereinander verbunden sind. Hier, wo heute schicke Reihenhäuser – oft mit privatem Bootssteg – die Hafenkante und die Kanäle säumen, befand sich bis 1993 der Hauptstützpunkt der dänischen Marine, der 300 Jahre lang der größte Arbeitsplatz des Landes war.

Oper

Der spektakulärste Neubau auf Holmen ist die Oper – ein monumentaler Kubus aus Naturstein, Glas und Stahl, überdeckt von einem breiten, weit auskragenden Flugdach. Entworfen wurde das 2005 eröffnete Haus vom dänischen Architekten Henning Larsen (1925–2013). Aber nicht er stand im Mittelpunkt der vielen Debatten, die es von Anfang an um das Gebäude gab, sondern der Bauherr: Arnold Mærsk Mc-Kinney Møller (1913–2012). Der Unternehmer und Vorsitzende der größten Containerreederei der Welt war der reichste Mann Dänemarks, der es sich mit seinem Vermögen – 2010 wurde es auf zirka 17 Milliarden Euro geschätzt – leisten konnte, seinem Heimatland ein ganz besonderes Geschenk zu machen: ein neues Opernhaus.

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Es war ein Geschenk, das sich niemand so recht gewünscht hatte, das man aber auch nicht ablehnen wollte – auch wenn der Reeder auf zwei Bedingungen bestand: sowohl den Architekten als auch den Bauplatz werde er selbst bestimmen. Obwohl der von ihm auserkorene Henning Larsen nicht nur in Dänemark höchste Anerkennung genoss, sondern seit langem zur internationalen Architekten-Spitzenklasse gerechnet wurde, erregte die autoritäre Wahl einiges an Missmut. Mindestens ebenso heftig waren die Diskussionen um den Standort der Oper. Herr Møller, wie der Reeder von den Dänen meist kurz und bündig genannt wurde, hatte für den Bau eine ganze Insel gekauft: Dokøen, jene Holmen-Insel, die direkt gegenüber vom königlichen Schloss Amalienborg liegt. Damit, so empörten sich viele, wolle Herr Møller, der sich immer wieder auch bei politischen Fragen sehr entschieden zu Wort meldete, wohl ein für alle Mal deutlich machen, wer der wahre Regent sei. Aus dem Kaufmannshafen war die Stadt vollends zum Hafen des Kaufmanns geworden.

Der Text ist ein Ausschnitt aus dem Buch:
Barbara Denscher „Lesereise Kopenhagen. Der Philosoph und die Meerjungfrau“. Picus Verlag, Wien.