FRAUEN SCHREIBEN ÜBERS KOCHEN

Detail aus dem von Pascal Möhlmann gestalteten Umschlagbild von Elisabeth Bronfens Buch „Besessen“Detail aus dem von Pascal Möhlmann gestalteten Umschlagbild zu Elisabeth Bronfens Buch „Besessen“

Frauen standen immer schon am Herd und tun dies natürlich auch heutzutage. Die einschlägigen Fernseh-Sendungen aber sind bis auf eine Ausnahme – Sarah Wiener – fest in männlicher Hand. Dieses Bild soll hier mit Büchern zurechtgerückt werden, es wird davon die Rede sein, wie Frauen es schaffen, aus all dem, was da rund um den Herd passiert, Literatur zu machen, aber auch Sachbücher zu verfassen und Kunstbücher zu gestalten. Hier und jetzt eine französische Literatin, eine deutsche Kulturwissenschaftlerin und eine holländische Galeristin.

Den Anfang macht die Französin Marie NDiaye: Die 1967 Geborene veröffentlicht seit ihrem 18. Lebensjahr literarische Werke – und das mit anhaltend großem Erfolg: 2001 bekam sie den Prix Femina, 2009 den Prix Goncourt, den wohl wichtigsten französischen Literaturpreis – und weil ihre Theaterstücke auch auf deutschen Bühnen gespielt werden, ihre Romane auch in deutscher Sprache erscheinen, erhielt sie 2015 den Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund. Somit ist klar, dass man in ihrem neuesten Buch „Die Chefin“, das den Untertitel „Roman einer Köchin“ trägt, keine Rezeptsammlung vorfindet, sondern dass es vielmehr um das Leben einer Frau geht, die Köchin sein wollte und nichts anders. NDiaye bringt eine Hymne, einen Lobgesang. Weil man so etwas aber in unseren Tagen wohl einer Autorin ganz und gar nicht abnehmen würde, verwendet sie einen Kunstgriff. Ein ehemaliger Jungkoch, einer der Mitarbeiter der Chefin und dieser in hoffnungsloser Liebe ergeben und verfallen, erzählt das Leben der Chefin einem Unbekannten – oder uns, den LeserInnen. Er darf schwärmen und loben. Nebenbei erfährt man in kleinen Zwischeneinstellungen auch einiges von dem, was in seinem Leben seit damals passiert ist und jetzt – zur Zeit seines Vor-sich-hin-Redens – gerade geschieht. Da kann man gar nicht oft genug das Geschick der Autorin bewundern, wie sie es schafft, sich in diesen Mann hineinzudenken. Dennoch dient er ihr hauptsächlich dazu, das zu vermitteln, worum es ihr geht, eben die Geschichte jener ganz besonderen Frau, die als Dienstmädchen begann, deren große Stunde schlug, als die Köchin wegging und sie von jetzt auf gleich einspringen musste. Das ist überhaupt eine der schönsten Szenen in dem Buch, weil man das Glück der 16-Jährigen spürt, endlich das machen zu dürfen, wozu sie sich schon längst berufen fühlt. Sie wird dann als Köchin in Restaurants arbeiten, in Bordeaux ein eigenes Lokal aufmachen und berühmt werden. Es ist ganz klar, dass in der Beschreibung dieses Lebenslaufs auch die Speisen vorkommen, die die Chefin kreiert. Da, und besonders da, wenn man dabei sein darf in den nächtlichen Stunden in der stillen Küche, teilnehmen an der reinen Freude des in sich selbst zurückgezogenen Schaffens, da kann es schon sein, dass beim Lesen dieses Glück übergreift und einen die Lust überkommt, es doch auch wieder einmal zu versuchen. Klar ist, dass es im Leben der Chefin auch das Unglück geben muss, faszinierend ist es mitzuerleben, wie Marie NDiaye die Schicksale von agierender Frau und erzählendem Mann in diesem Unglück noch einmal verbindet, daraus aber – in der Schlussszene – Hoffnung auf einen neuen Anfang schöpfen lässt.

Buchumschlag

Elisabeth Bronfen ist eine umfassend tätige Kultur- und Literaturwissenschaftlerin. Die Professorin für Anglistik und Lehrstuhlinhaberin am Englischen Seminar der Universität Zürich verfasste – unter anderen – Werke über Kino, Diven, den Liebestod und Kriegsreporterinnen. Hier und jetzt geht es aber um „Besessen“, um Bronfens Kochmemoiren, an denen sie drei Jahre lang gearbeitet hat. Sie wollte immer schon ein Kochbuch schreiben, hat es „als Geschenk an sich selber“ verfasst und auch deswegen, „weil sie andere Leute wieder in deren Küche lotsen möchte“. Denn für sie – und da möchte ich ihr voll und ganz zustimmen – wirkt Kochen deswegen entspannend, „weil es im besten Fall den Alltag gründlich ausblendet.“ Was kocht sie? Alltagsküche, die aber mit „guten, teilweise sogar auserlesenen (und somit nicht immer ganz billigen) Produkten“, um so der vertrauten Hausmannskost „neue und unerwartete aromatische Noten“ hinzuzufügen. Gleichzeitig aber propagiert Elisabeth Bronfen eine gewisse Souveränität beim Austausch der Produkte, denn ihr ist es wichtiger, die Idee eines Rezeptes zu verstehen, als sich genau an Zeit- und Mengenangaben zu halten. Was auf jeden Fall überzeugt, ist die Struktur des Buches. Sie beginnt mit Rohem und knapp Gekochtem, setzt mit Gerichten, die schnell in der Pfanne zubereitet werden, fort. Dann kommt das Kochen im Topf, das Backen und Rösten im Ofen. Bronfen ist immens eloquent, erzählt in den Einleitungen zu den einzelnen Kapiteln und Gerichten viel Interessantes und natürlich auch Persönliches, beschreibt das, was zu tun ist, haargenau, sodass man sich voll und ganz auf ihre Anweisungen verlassen kann. Als Einstiegskapitel in ihre Arbeit habe ich für mich ihr letztes Kapitel gewählt, da geht es um das „Für sich kochen“, um Ei, Suppe und Pasta. Da peppt sie zum Beispiel ihr Tomatensugo mit Vanille oder mit Kokosmilch auf. Elisabeth Bronfen weiß auch um die Bedeutung des begeisterten und begeisternden Servierens und zitiert am Ende Sigmund Freud, der einmal festgestellt haben soll, dass „die Beschränkung in der Möglichkeit des Genusses dessen Kostbarkeit erhöht“.

Buchumschlag

Wiebke van der Scheer leitet die Galerie Artacasa in Amsterdam, ihre Freundin Margré Mijer ist Grafikdesignerin. Gemeinsam haben die beiden das Buch „Arte in Cucina“ herausgebracht, ein Kunst-Kochbuch mit Bildern und Rezepten hauptsächlich von Galerie-Künstlern, aber auch von Freunden. Wiebke van der Scheer stellt einen im Vorwort vor die Wahl: „Erst anschauen und dann kochen oder erst kochen und dann anschauen!“ Das konnte sie so schreiben, weil sie höchstwahrscheinlich die Bilder schon kannte. Alle anderen aber werden sich vorerst einmal in die Bilderflut stürzen, sich gefangen nehmen lassen von all dem Bunten, Farbigen, was da in Zusammenhang mit Sinnlich-Kulinarischem gezeigt wird. Die Gerichte sind international, kommen aus aller Frauen und Herren Länder. Man findet Gefüllte Paprika genauso wie eine portugiesische Tintenfischsuppe oder eine Lammkeule. So folgt ein Gericht dem anderen, ein Bild wird vom nächsten überstrahlt. Am Ende holen einen die Buchmacherinnen mit Fotos der Speisen und auch ordentlichen Rezeptregistern wieder auf den Boden der Realität zurück. Das 2010 erstmals erschienene „Arte in Cucina“ ist so ein Erfolg, dass mittlerweile nicht nur eine weitere Auflage, sondern auch der Folgeband – „Arte in Cucina 2“ – und ein Buch mit dem Titel „Arte in Cucina auf Reisen“ herausgekommen sind.

Marie NDiaye: Die Chefin – Roman einer Köchin. Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Kalscheuer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. Auch als E-Book erhältlich.
Elisabeth Bronfen: Besessen. Meine Kochmemoiren. Echtzeit Verlag, Basel 2017.
Wiebke van der Scheer u. Margré Mijer: Arte in Cucina. 33 Künstler und ihre Lieblingsrezepte. Aus dem Holländischen übersetzt von Verena Kiefer. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2010.