DIE VILLEN VON BAD ISCHL

Rudolf von Alt: Die Esplanade in Ischl, 1840 (Ausschnitt).Rudolf von Alt: Die Esplanade in Ischl, 1840 (Ausschnitt).

„Die Salzbäder zu Ischl, einem Markte in einer der schönsten Gegenden Oberösterreichs, im Traunviertel, und zwar im Mittelpunkte des Salzkammergutes, haben sich erst in der neusten Zeit einigen Ruf erworben“, berichtete im Oktober 1824 die Wiener „Allgemeine Theaterzeitung“. Zwei Jahre zuvor sei das erste Solebad eingerichtet worden, und man könne bereits auf gute Heilerfolgen bei arthritischen und rheumatischen Beschwerden verweisen. Auch wenn die Ausstattung des Badehauses auf die „nothwendigsten Requisiten“ beschränkt sei, dürften „die guten Wirkungen der Solebäder und die ungemein reizende Lage des Badeortes“ für die Zukunft „reichlichen Besuch versprechen.“ Tatsächlich entwickelte sich Ischl (das seit 1906 Bad Ischl heißt) rasch zu einem weithin beliebten Kurort. Die Kureinrichtungen wurden erweitert, Gasthöfe und neue Hotels boten bald allen zeitgemäßen Komfort.

Mitte des 19. Jahrhunderts begann für den Ort eine wahre „Glanzzeit“. Denn Kaiser Franz Joseph, der sich 1853 in Ischl mit der späteren Kaiserin Elisabeth verlobt hatte, verbrachte fast alle Sommer hier im Salzkammergut. Damit wurde der Kurort auch für Aristokratie und Großbürgertum, für Künstlerinnen und Künstler und für diverse „Adabeis“ überaus attraktiv. Und dem Beispiel Franz Josephs folgend, der mit der „Kaiservilla“ eine fixe Sommerresidenz hatte, ließ sich, wer es sich leisten konnte, in Ischl eine Villa bauen.

Villa Seilern, Tänzlgasse 11. Alle Fotos: B. Denscher

Villa Seilern, Tänzlgasse 11. Alle Fotos: B. Denscher

Der Geschichte dieser Häuser hat die Historikerin Marie-Theres Arnbom ihr neues Buch gewidmet – Titel: „Die Villen von Bad Ischl“. Die Autorin präsentiert darin insgesamt vierzig Gebäude und nennt als ihre Auswahlkriterien „interessante Eigentümer, interessante Mieter, interessante Architektur.“ Doch, so Arnbom: „Gerade der letzte Punkt führt zu einem erstaunlichen Phänomen: Die Wiener Ringstraßengesellschaft traf sich zwar in Ischl, brachte jedoch ihre Architekten nicht mit hierher.“ Die meisten Ischler Villen wurden von lokalen Baumeistern geplant und unter deren Leitung im zeittypischen historistischen Stil – und mit wenig innovativem Anspruch – ausgeführt. Architekturgeschichtlich sind sie nur bedingt interessant, weshalb Marie-Theres Arnbom auf diesen Aspekt eher kurz eingeht. Umso mehr weiß sie über die Bewohnerinnen und Bewohner der Ischler Villen zu erzählen. Da ist Arnbom, die sich mit ihren wissenschaftlichen Arbeiten zur Bürgertumsforschung und zur Operettengeschichte einen Namen gemacht hat, in ihrem ureigensten Gebiet. Mit viel Präzision zeichnet sie die biografischen Linien der Ischler Villen-Gesellschaft nach und legt die sozialen, ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen für deren Sommerfrische-Dasein dar. Sie zeigt auf, wie sich das Ischler Gesellschaftsleben mit dem Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie wandelte, wie die Aristokratie nun von Wirtschaftstreibenden und von vielen Künstlerinnen und Künstlern – vor allem aus dem Bereich der Operette – abgelöst wurde. Ein tragisches Ende findet diese zweite Blütezeit Bad Ischls in den 1930er Jahren mit dem Nationalsozialismus: „Die Art und Weise, wie den jüdischen Villenbesitzern ihr Hab und Gut genommen wird, ist beispiellos in seiner Radikalität und Menschenverachtung“, schreibt Arnbom und verweist auch darauf, dass sich nach 1945 die Rückstellungsverfahren „zum Teil sehr langwierig“ gestalten, „die Bestohlenen werden einmal mehr als rechtlos hingestellt.“

Die Sarsteiner-Villa, Sommersitz von Emmerich Kálmán, Emmerich-Kálmán-Straße 1

Die Sarsteiner-Villa, Sommersitz von Emmerich Kálmán, Emmerich-Kálmán-Straße 1

Gegliedert hat Marie-Theres Arnbom ihr Buch in sieben Kapitel, betitelt „Entdeckungstour Eins“ bis „Entdeckungstour Sieben“. An jedem dieser klug ausgesuchten Wege finden sich eine Reihe von Villen: „Entdeckungstour Eins“ etwa führt unter anderem zur prächtigen „Villa Seilern“, von dort weiter zu jener Villa, die Johann Nestroy – wenn auch nur kurz – bewohnte, dann zur Residenz des über lange Zeit mit Ischl verbundenen Komponisten Oscar Straus und zur „Kaiservilla“. An der zweiten Tour liegt, neben anderen, die Lehár-Villa, an der vierten jene von Johann Strauss und an „Entdeckungstour Sieben“ die von Kaiser Franz Joseph für seine Freundin Katharina Schratt gemietete Villa.

Die Villa des Komponisten Franz Lehár, Lehárkai 8

Die Villa des Komponisten Franz Lehár, Lehárkai 8

Die Routen führen auch in abgelegenere und durchaus entdeckenswerte Stadtteile. Für die Wanderungen entlang der Villen-Touren sollte man sich Zeit lassen – es lohnt sich – und am besten auch das Buch mitnehmen, um vor Ort all die interessanten Details nachlesen zu können.

Marie-Theres Arnbom: Die Villen von Bad Ischl. Wenn Häuser Geschichten erzählen. Amalthea Verlag, Wien 2017.