GEMALTE SCHUHE

Ausschnitt aus: Louis-Michel van Loo (1707-1771) "Portrait des Marquis von Marigny und seiner Frau". Foto: Lois Lammerhuber/Edition LammerhuberAusschnitt aus: Louis-Michel van Loo (1707-1771) "Portrait des Marquis von Marigny und seiner Frau". Foto: Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

Die elfenbeinfarbigen Satinpumps der Marquise de Marigny wären auch heutzutage durchaus braut- oder ballkleidtauglich. Zu bewundern sind sie und noch viele weitere exquisite Modelle in dem großformatigen Bildband „Musée du Louvre – Gemalte Schuhe“. Von mittelalterlichen Altarbildern und Szenen aus dem Alltagsleben, festgehalten von Pieter Brueghel dem Älteren, Samuel van Hoogstraten oder Pieter de Hooch, über Porträts der adeligen Gesellschaft, gemalt von Goya, Thomas Gainsborough oder Hyacinthe Rigaud, bis hin zu Werken wie Tiepolos „Karneval in Venedig“, Ingres‘ „Badende von Valpincon“ und Watteaus „Gilles“ reicht der Bogen jener Kunstwerke aus dem Pariser Louvre, auf die der Fotograf Lois Lammerhuber seine Kamera gerichtet hat.

Lois Lammerhuber, geboren 1952 in Niederösterreich, begann seine Karriere als Fotograf 1984 durch die Zusammenarbeit mit der Zeitschrift GEO, deren optisches Erscheinungsbild bis heute wesentlich von ihm geprägt ist. Lammerhuber hat bisher mehrere tausend Zeitschriften- und Buchpublikationen fotografisch gestaltet, und er wurde mehrfach mit dem „Graphis Photo Award“ für die weltweit beste Reportage des Jahres ausgezeichnet. Für den Band „Gemalte Schuhe“, der in Lammerhubers eigenem Verlag, der 1996 gegründeten „Edition Lammerhuber“, erschienen ist, hat er seinen fotografischen Blick auf ein ganz spezielles Motiv gerichtet, nämlich auf die Füße – und damit auf einen Bereich, in dem neben den Schuhen auch viele weitere, oft wenig beachtete Details zu entdecken sind.

Ausschnitt aus: Jan Steen (um 1626-1679) „La mauvaise compagnie“, Foto: Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

Ausschnitt aus: Jan Steen (um 1626-1679) „La mauvaise compagnie“, Foto: Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

Zu sehen sind auf den Bildern die unterschiedlichsten Arten von Fußbekleidung – von zarten Pantoffeln bis zu schweren Stiefeln, aber auch Füße ohne Schuhe und Schuhe ohne Füße. Und manchmal sind Füße und Schuhe nur zu erahnen, verdeckt durch Kleiderstoffe, Draperien und allerlei Geräte. Oder auch durch Männerbeine – sind doch die „fußlosen“ Wesen durchwegs Frauen. Denn, wie die Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin Margo Glantz in ihrem Begleitessay zum Buch darlegt, jahrhundertelang waren die Füße im europäischen Kulturkreis – ebenso wie im Orient – einer der Tabubereiche des weiblichen Körpers. Der Fuß – beschuht oder nackt – war eindeutig erotisch konnotiert, die „anständige“ Frau hatte die Extremitäten tunlichst zu verstecken.

Das Schuhwerk hat sich, das zeigen die Bilder, im Laufe der Jahrhunderte in Form und Gestaltung bei weitem nicht so stark verändert wie andere Bekleidungsteile. Allerdings sind in dem Band „Gemalte Schuhe“ auch einige Kuriositäten und historische Modetorheiten zu finden – wodurch das Buch zu einer interessanten kulturgeschichtlichen Dokumentation wird. So etwa bekleidete der so genannte „Meister der Ursulalegende“, ein anonymer flämischer Maler des späten 15. Jahrhunderts, in einer der von ihm gemalten Szenen aus dem Leben der heiligen Ursula eine der Personen mit Schnabelschuhen.

Meister der Ursulalegende: Le roi paien fait demander en mariage Saint Ursule. Foto: Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

Meister der Ursulalegende: Le roi paien fait demander en mariage Saint Ursule. Foto: Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

Es ist ein König, dessen Status im Bild des flämischen Meisters durch diese damals höchst exklusiven – aber auch überaus unpraktischen – Schuhe betont wird; die den König umgebenden Personen müssen sich mit einfacheren – aber vermutlich wesentlich bequemeren – Pantoffeln begnügen.

Um die aus Stoff genähten Schnabelschuhe zu schützen und um überhaupt einigermaßen sauber durch die oft stark von Abfällen und Kot verschmutzten mittelalterlichen Straßen zu kommen, aber auch, um sich im Winter vor der Kälte der Steinböden zu schützen, schnallte man sich Unterschuhe aus Holz (so genannte Trippen) an die Füße – so wie sie der „Meister der heiligen Sippe“, ein deutscher Maler, der um 1500 in Köln tätig war, in seinem Bild „Die Anbetung der Könige“ dargestellt hat.

Meister der heiligen Sippe: Die Anbetung der Könige. Foto: Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

Meister der heiligen Sippe: Die Anbetung der Könige. Foto: Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

Insgesamt sind es 122 Kunstwerke aus den Sammlungen des Louvre, bei denen Lois Lammerhuber das Schuhwerk in den Fokus nahm. Es sind diese speziellen Bildausschnitte, die er in dem aufwändig gestalteten, durchgehend vielfarbigen Buch jeweils ganzseitig in den Mittelpunkt stellt. Die zu den Schuhen gehörenden Gesamtansichten finden sich, in kleinem Format, im Anhang. Der Band „Gemalte Schuhe“, dessen Begleittext viersprachig – französisch, englisch, spanisch und deutsch – abgefasst ist, liefert vielfältiges Anschauungsmaterial zur Kunst- und Kulturgeschichte – und vor allem regt er auch dazu an, Bilder einmal aus einer etwas anderen Perspektive zu betrachten, sich mit den kleinen Details zu beschäftigen und damit ganz neue Sichtweisen zu gewinnen.

Musée du Louvre. Chaussures Peintes. Painted Shoes. Calzados pintados. Gemalte Schuhe. Redaktion: Catherine Belanger. 256 Seiten mit 160 Fotos von Lois Lammerhuber. Baden, Edition Lammerhuber, 2011.