CHINA – ODER: VORSTELLUNG UND REALITÄT

Alle Fotos © Konrad HolzerAlle Fotos © Konrad Holzer

Letztlich war ein Buch ausschlaggebend. „Cox oder Der Lauf der Zeit“ von Christoph Ransmayr. Ein wenig von der atemberaubenden Schönheit Chinas, so wie er sie in diesem Roman beschreibt, wollte erlebt werden. Denn, wären da nicht diese abgehobenen Vorstellungen von fremden Ländern, was wäre dann der Grund, sich dorthin zu begeben? Die Realität ist oft anders, einiges vom Schön-Erträumten hält den Erwartungen nicht stand. Dafür überrascht und fasziniert Unbekanntes und Unerwartetes. Im Folgenden also ganz persönliche Bild-Impressionen von China mit dazu passenden Büchern. (Kein Wort wird über Politik, Wirtschaft und Soziales wird verloren, so immens wichtig das alles ist und man ja auch ununterbrochen damit konfrontiert wird).

DIE CHINESISCHE MAUER
„Reviergesang“ nennt Christoph Ransmayr in dem Band: „Atlas eines ängstlichen Mannes“ einen Text über sein Zusammentreffen mit einem „Birdwatcher“ auf der einsamen winterlichen Mauer. „Wie eine vom Wind verwehte und dann an Gipfeln und Graten hängengebliebene Girlande wand sich die Mauer hier mit ihren Zinnen, Wach- und Alarmfeuertürmen durch unbewohntes Bergland, fiel über schroffe Höhenzüge steil in menschenleere Täler ab, aus denen sie ebenso steil wieder aufstieg…“. Unserer Reiseleiterin ist es zu verdanken, dass wir vom Siegespass im Norden Pekings aus den ruhigeren Teil der Mauer erklommen, noch immer anstrengend genug, aber getragen von dem Gefühl, da zu sein, wie es einem ja oft bei weltbekannten Bauwerken so geht, davor stehend und staunend, dass sie wirklich existieren.

DER PLATZ DES HIMMLISCHEN FRIEDENS UND DIE VERBOTENE STADT
Dort auf dem Tian’anmen-Platz, mit dem man – man kommt nicht darum herum – eindeutige politische Assoziationen verbindet, wird man vorerst einmal mit dem einzigen offiziellen Mao-Bildnis in ganz China und dann mit Menschenmassen konfrontiert. Die Chinesen entdecken den Tourismus. Ihre Hauptstadt ist eines der wichtigsten Ziele. Das muss dokumentiert, muss festgehalten werden, entweder durch Profis oder durch Selfies. Wieder weiß unsere Reiseleiterin, wo die stillen Plätze dort in der verbotenen Stadt sind. Wie sie ja nach der Lektüre von Ransmayers „Cox oder der Lauf der Zeit“ erwartet waren: “…diese Fluchten aus himmelweiten Höfen und eng verzahnter Architektur, aus künstlichen Wasserläufen, flachen Steinbrücken und nahezu fliegenden Terrassen…“

XIAN
Nach Xian kommen die Touristen wegen der Terrakotta-Armee. Davor aber ist es interessant, sich im muslimischen Viertel umzusehen, die eigenartige Verbindung zu beobachten, die während vieler Jahrhunderte China und Islam dort eingegangen sind: laut, lebendig, kulinarisch am Markt mit seinen vielen Garküchen und kontemplativ besinnlich in der Großen Moschee, die äußerlich ganz im Stil chinesischer Bauten ausgeführt ist.

DIE TERRAKOTTA-ARMEE
Sie ist eine der Hauptattraktionen der Reise. Perfekt ist die Annäherung an dieses „achte Weltwunder“ organisiert. Umso ärger trifft einen dann der Lärm, die Hitze, die Finsternis in der ersten Halle mit den Wagenlenkern. Ist man durch diese Vorhölle einmal durch, öffnet sich eine große, weite, lichtdurchflutete Halle. Es ist schwer zu sagen, was mehr beeindruckt, der erste Blick auf das große Ganze oder dann die vielen einzelnen Individuen. Es sind Individuen, sie haben unterschiedliche Funktionen, Trachten, Frisuren und vor allem Gesichter. In den verschiedenen Restaurationsstufen stehen sie da: prächtig herausgeputzt und intakt, aber auch verletzt und verwundet. Viele liegen noch hilflos in ihren Gräbern.

SHANGHAI
Die boomende Millionen-Stadt hat viele Gesichter. Hier soll Gegensätzliches herausgegriffen werden: die eleganten Hochhäuser – bei Tag und bei Nacht – und das alte, ehemalige jüdische Viertel. Der Wolkenkratzer-Wahn überrascht den Touristen, diese Vielzahl hoher und höchster Häuser inmitten einer grünen Stadt.

Chinas Städte sind grün. Auf den Mittelstreifen der Autobahnen blühen Rosen, am Wochenende tummelt sich das Volk in den Parks. Prächtig ist der Bund, die Uferpromenade Shanghais mit bunten Blumen geschmückt. Bunt ist Shanghai aber auch bei Nacht.

18.000 Juden, darunter 4.000 aus Österreich, fanden vor den Nazis in Shanghai Zuflucht. Ursula Krechel erzählt in ihrem Buch „Shanghai fern von wo“ aufgrund umfangreicher Recherchen die Schicksale derer, die hoffnungsvoll dorthin aufbrachen. Freilich konnten die nicht ahnen, dass nach der Übernahme Shanghais durch die Japaner ein Ghetto errichtet werden würde. Jetzt steht dort – im Stadtteil Hongkou – ein jüdisches Flüchtlingsmuseum, in dem einem Einblicke in das damalige Leben in „Klein-Wien“ gegeben werden und – das Kaffeehaus „Zum weißen Rössl“ ist auch wieder eröffnet.

FLUSSFAHRT AM YANGZI
Das hätte – nachdem Leben und Treiben an asiatischen Flüssen während früherer Reisen so beeindruckt hat – in der Vorstellung ein Highlight der Reise werden sollen. Doch der über 600 Kilometer lang gestaute Yangzi bietet ein völlig anderes Bild als der Irrawadi in Burma, der Mekong in Laos und Vietnam oder der Siem Rap in Kambodscha. Man fährt mit dem Schiff ungefähr 80 Meter über der ursprünglichen Talsohle, man sieht keine Menschen, keine Tiere, nur Wälder und Felswände, hin und wieder ist in den Nebelschleiern noch ein Tempel oder ein verfallenes Haus zu erkennen. Der amerikanische Pulitzerpreisträger Anthony Doerr erzählt in seinem Buch „Die Tiefe“ die berührende Geschichte einer alten Frau, einer Samenhändlerin, die verzweifelt um ihr Dorf kämpft, das letztlich dann aber doch auch überflutet wird.

DIE BAODINGSHAN-GROTTEN
Eine Entschädigung – weil ganz und gar unerwartet in ihrer Schönheit – bieten die Felsskulpturen in Dazu. Vom siebenten bis zum zwölften Jahrhundert wurde die Götter- und die Menschen-, aber auch die Unterwelt dort in Stein gehauen und koloriert. Es thronen die Götter im Himmel, es leben die Menschen auf der Erde und werden in der Unterwelt Qualen ausgesetzt, die man so nur von den Bildern des Hieronymus Bosch kennt. Auch dieses phantastische Erlebnis kann literarisch gestützt werden: „Die Reise in den Westen“ heißt einer der klassischen Romane Chinas und erzählt von der Reise, die vier Pilger von China nach Indien machten und was sie dabei nicht nur mit Menschen – vom Kaiser bis zu Räubern – sondern auch mit Dämonen und Ungeheuern erlebten. Die Sinologin Eva Lüdi-Kong erhielt für ihre Übersetzung 2017 den Preis der Leipziger Buchmesse.

GUILIN UND YANGSHUO
„Guilins Landschaft ist die schönste der Welt, Yangshuos Landschaft ist die schönste in Guilin“. So lautet ein Sprichwort, dem man zustimmen kann. Guilin ist eines der Zentren des chinesischen Tourismus, mit allen Vor- und Nachteilen, die wir auch aus Europa kennen. Atemberaubend ist auf jeden Fall die Landschaft, sind die spitzen, bewachsenen Karstberge, am schönsten bietet sich ihr Anblick von einem Boot am Li-Fluss aus dar. Am Flussufer macht man bei kleinen Heiligtümern und alten Dörfern, die revitalisiert wurden, halt. Dort kehrt dann die Stille ein, die man in den Orten vermisst.

Atemberaubend ist dann wieder die Show „Illusion“ des chinesischen Regisseurs Zhang Yimou, die einem am Abend dort am Flussufer geboten wird. Zhang Yimou wurde weltweit durch die Inszenierung sowohl der Eröffnungs- als auch der Abschlussfeierlichkeiten im Rahmen der Olympischen Spiele in Peking bekannt. In der Freiluftarena am Li-Fluss zwischen den Bergen in Yangshuo wirken Hunderte von Menschen mit, Tausende sind im Publikum und lassen sich staunend von den Bild- und Toneffekten verzaubern.

ABSCHLUSS IN HONGKONG
Hongkong überwältigt, diese Mischung aus europäischer und chinesischer Hektik, eingezwängt auf minimalstem Raum setzt der Reise einen spektakulären Schlusspunkt: Meer und Hafen, Hochhäuser und Berge, kleine Geschäfte und große Hotels. Wieder einmal geht man als Mitteleuropäer staunend durch eine Weltstadt. Und zieht sich zu Laozi und seinem Daodejing zurück. „Klein sei das Land, wenige Bewohner darin, Beamte für kleine und große Bezirke, aber sie sollen nichts machen.“

Literatur:
Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit.  S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016.
Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2012.
Ursula Krechel: Shanghai fern von wo. btb Verlag, München 2010.
Die Reise in den Westen. Übersetzt und kommentiert von Eva Lüdi Kong. Reclam Verlag, Ditzingen 2017.
Anthony Doerr: Die Tiefe. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Verlag C. H. Beck, München 2017.
Laozi: Daodejing. Eine Übertragung von Jan Philipp Reemtsma. Verlag C. H. Beck, München 2017.