DIE ROSSKASTANIE: VIEL MEHR ALS NUR EIN SCHATTENSPENDER

Rosskastanien. Foto: Anton NedomaFoto: Anton Nedoma

Die Rosskastanie: als Alleebaum, in Parks und vor allem in vielen Gastgärten ist sie ein willkommener Schattenspender, im Frühjahr beeindruckt sie durch ihre großen, kerzenförmigen Blüten, und im Herbst liefert sie mit ihren kugeligen, braunglänzenden Samen ein beliebtes Bastelmaterial. Hans Magnus Enzensberger widmete ihr das Gedicht „Aesculus hippocastanum“, bei Johann Wolfgang von Goethe findet sie sich, unter dem Titel „An vollen Büschelzweigen“, bei den Liebesgedichten des „Westöstlichen Divans“, und als „narrischer“ – weil verspätet blühender – Kastanienbaum schaffte sie es auch ins Wienerlied.

Dass die Rosskastanie nichts mit der Edelkastanie zu tun hat, ist bekannt. Die Edelkastanie gehört zur Familie der Buchengewächse und bietet mit ihren Früchten eine in vielfältiger Form zubereite Delikatesse – von heißen Maroni und süßem Kastanienreis bis zur leckeren Bratenfülle. Die Rosskastanie taugt im „kulinarischen“ Bereich im Allgemeinen nur als Tierfutter. Dafür aber hat sie andere und durchaus bemerkenswerte Qualitäten. Einen ersten Hinweis darauf gibt ihr „Familienname“, gehört sie doch zu den Seifenbaumgewächsen (so wie etwa auch die Waschnuss) – und tatsächlich ist die Rosskastanie ein sehr wirkvolles Reinigungsmittel. Wie sie anzuwenden ist und was sich alles mit Rosskastanien waschen lässt, ist Thema des Buches „Naturwaschmittel Rosskastanie. Die heimische Waschnuss als ökologische Alternative“.  Verfasst hat den 100-Seiten starken Band Gabriela Nedoma, die als Autorin, Vortragende und Seminarleiterin zu den im deutschsprachigen Raum führenden ExpertInnen im Bereich der Natur- und Kräuterpädagogik zählt. Genau und anschaulich erklärt sie, wie aus Rosskastanien die verschiedensten Arten von Waschmitteln hergestellt werden können, wobei die Sache, folgt man den Anleitungen, eigentlich sehr einfach ist: Kastanien sammeln, zerkleinern, trocknen – und dann entweder als Pulver verwenden oder, versetzt mit Wasser beziehungsweise Alkohol, als Flüssigwaschmittel, dem dann auch noch Zusätze wie ätherische Öle, Essig, Zitrone und so manches andere beigefügt werden können. Reinigen lässt sich damit, so versichert Gabriela Nedoma, fast alles: von Wäsche und Geschirr bis zu Fenstern und Böden, und auch zur Hautpflege eignet sich die Rosskastanie.

Rosskastanien. Foto: Anton Nedoma

Foto: Anton Nedoma

Die Rosskastanie kann bis zu 30 Meter hoch und bis zu 300 Jahre alt werden und setzt mit ihren bis zu fünf Zentimeter langen Knospen einen Rekord unter den heimischen Bäumen. Zwar war sie schon vor der Eiszeit auch in West- und Mitteleuropa weit verbreitet, verschwand von da aber dann aufgrund der Kälte und kehrte erst zu Beginn der Neuzeit wieder zurück. Eine wesentliche Rolle bei der Wiederansiedelung spielte übrigens der niederländische Gelehrte Carolus Clusius (1526–1609), der eine Zeitlang als kaiserlicher Hofbotaniker in Wien tätig war und dort die Kultivierung des bis heute für diese Stadt so typischen Baum initiierte. Diese und zahlreiche weitere interessante Details zur Geschichte und Botanik, zur pharmazeutischen Verwendung und zur ökologischen Bedeutung der Rosskastanie liefert Gabriela Nedoma in den einleitenden Kapiteln ihres reich bebilderten Buches.

Buchcover

Lesenswert ist vor allem das Kapitel über die indische Waschnuss, die ein ähnliches Wirkungsspektrum wie die Rosskastanie hat und die ja bereits seit geraumer Zeit als alternatives Waschmittel sehr gefragt ist. Allerdings ist sie neuerdings auch vermehrt in die Kritik gekommen. Dies nicht nur, weil die langen Transportwege ökologisch fragwürdig sind, sondern auch, weil sich der internationale Öko-Boom negativ auf die Umweltsituation in den asiatischen Herkunftsländern der Waschnuss auswirkt. Denn die gesteigerte Nachfrage trieb in den letzten Jahren die Preise derart in die Höhe, dass sich die lokale Bevölkerung dieses traditionelle Waschmittel kaum mehr leisten kann, sondern vielmehr gezwungen ist, chemikalienbasierte Mittel zu verwenden. Da aber Kläranlagen vielfach fehlen, gelangen mehr und mehr Waschsubstanzen unfiltriert in die Gewässer und stellen eine Verschärfung der Umweltbelastung dar. „Diese Verkettungen zeigen die möglichen Konsequenzen eines grünen Lebensstils in der globalisierten Welt. Entlastet die Waschnuss auf der einen Seite der Welt die Natur, verlagert ihre intensive Vermarktung die Waschproblematik nach Asien. Anders gesagt: es gibt nicht weniger ‚Schmutzwäsche‘, sie wird einfach nur woanders gewaschen“, schreibt dazu Gabriela Nedoma. Mit ihrem lesenswerten Buch gelingt es ihr, die Rosskastanie als überzeugende Alternative zu präsentieren.

Gabriela Nedoma: Naturwaschmittel Rosskastanie. Die heimische Waschnuss als ökologische Alternative. Aesculus Verlag 2015. Erhältlich ist das Buch über Amazon.
Gabriela Nedomas Website zum Thema „Grüne Kosmetik“.