GRAND OLD LADIES: JANE GARDAM & HILARY MANTEL

Auch in Zeiten weltweiten Vernetzseins konnte es passieren, dass zwei mit höchsten Literaturpreisen ausgezeichnete und auch beim Publikum äußerst erfolgreiche englische Autorinnen im deutschen Sprachraum lange Zeit nahezu unbekannt blieben. Die Rede ist von Jane Gardam und Hilary Mantel. Die eine begeistert mit ihrer „Old-Filth-Trilogie“, die andere haucht dem Genre des historischen Romans mit „Wölfe“ und „Falken“ neues Leben ein. Beide bieten aber auch außerhalb ihres angestammten Themenbereiches höchst Lesenswertes. Im Folgenden also Begeistertes und hoffentlich auch Begeisterndes über die beiden Schriftstellerinnen.

Jane Gardam wurde 1928 in North Yorkshire geboren, die Lust aufs Schreiben erbte sie von ihrer Mutter, setzte sie aber erst um, nachdem ihr jüngstes Kind mit dem Schulbesuch begann, weil sie Angst hatte, dass Böses geschehe, wenn sie nicht ihre volle Aufmerksamkeit den Kindern widme. So begann sie als über 40-jährige mit Kinderbüchern, bis sie dann – und das äußerst erfolgreich mit immerhin 25 Titeln in den letzten 30 Jahren – Literatur für Erwachsene schrieb. Sie ist bis jetzt die einzige Autorin, die zweimal mit dem prominenten britischen Whitbread-Preis ausgezeichnet wurde. Am meisten Aufsehen erregte sie mit den Romanen ihrer „Old-Filth-Trilogie“ („Ein untadeliger Mann“, „Eine treue Frau“ und „Letzte Freunde“), in deren Zentrum der erfolgreiche Anwalt Edward Feathers, Spitzname „Filth“, steht. Er ist ein Mann, der die Eleganz der 1920er Jahre verkörpert, geliebt, bewundert und freundlich belächelt wird, der hinter dieser beeindruckenden Fassade aber vieles verdrängt, ein Mann, der nach seinen Prinzipien lebt – ja leben muss – und daher nicht so sehr darauf achten kann, wie seine Umgebung damit fertig wird. Die Umgebung: das sind seine Frau Betty, Cousinen, Jugendlieben, einige Freunde und auch ein Feind. Eingebettet ist dieses Hin und Her zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Erinnern und Erleben, in fernöstlich-tropische und in typisch englische Landschaft. Parallel dazu verläuft der Niedergang des British Empires. Das Besondere an dieser Trilogie ist, dass es sich dabei nicht um Fortsetzungen handelt, sondern um einen Zeitraum von achtzig Jahren, der jeweils aus einem anderen Blickwinkel beschrieben wird: zuerst von Edward, dann von seiner Frau Betty und zuletzt von seinem Gegenspieler und Widersacher Terry Veneering. Die Autorin kennt und liebt ihre Figuren. Es ist alles fein und leichtgewichtig verwoben, starke Gefühle werden – bevor sie in Sentimentalität abgleiten – ironisch aufgefangen.

Nun erhoffen sich die Fans von Jane Gardam noch einen vierten Band, sozusagen als Draufgabe zur Trilogie. Vorerst aber erschien in diesen Tagen ein Erzählband mit dem Titel „Die Leute von Privilege Hill“. In diesem beweist die Autorin, dass sie auch noch andere literarische Formen beherrscht als sorgfältig ineinander verzahnte Romane, nämlich kürzere, meist 20seitige Erzählungen. Weiters beweist sie, dass sie auch andere Szenarien beschreiben kann als den Niedergang des British Empires. Wie immer bei guten Erzählungen – und diese hier sind nicht nur gut, sondern ausgezeichnet – wie immer also bei solchen Geschichten braucht man eine Weile, um aus den Gefühlswelten, die sich in ihnen auftun, aufzutauchen in unsere alltägliche Welt. Die Heldinnen dieser Erzählungen – ja, es sind primär Frauen – kommen vorwiegend aus der besseren Gesellschaft jüngst vergangener Tage, die Gefühlslage bewegt sich in mehreren Abstufungen von Heiterkeit über bissige Ironie und auch schockierendes Grauen bis hin zu herzzerbrechender Trauer. In den Erzählungen geht es oft um Mütter und Kinder und da erinnert man sich, dass die mittlerweile 89-jährige Autorin zuerst einmal ihre Kinder versorgt wissen wollte, bevor sie mit dem Schreiben begann.

Das Jahr 2012 wird in die Geschichte des Booker-Preises eingehen. Die damals 60-jährige Hilary Mantel war nicht nur die erste Frau, die diese wichtigste Auszeichnung der britischen Literatur zum zweiten Mal bekam, sie war auch die erste Autorin, der er für zwei aufeinander folgende Romane verliehen wurde. Mantel ist 1952 in Glossop, England, geboren, war nach dem Jusstudium Sozialarbeiterin, lebte fünf Jahre in Botswana und vier Jahre in Saudi-Arabien. Schon zuvor waren einige ihrer Romane in deutscher Sprache erschienen, wirklich wahrgenommen aber wurden erst 2009 der Band „Wölfe“ und dann 2012 „Falken“ Darin begibt sie sich in die Zeit Heinrichs VIII, dessen Kanzler Thomas Cromwell ist ihr Held. Sie erzählt in einer heutigen Sprache und immer in der Gegenwart. Es passiert alles im Hier und Jetzt. Das ist der eine literarische Kunstgriff, der einem hilft, hunderte Seiten durchzuhalten. Sie bedient aber auch alle einschlägigen Erwartungen, die man an Historisches herantragen mag: Sie trägt Farben auf, lässt Gerüche erahnen, stattet die handelnden Personen mit den entsprechenden Kleidern aus. Auch der unbedeutendste Diener, Musiker oder Priester, dem nur eine Szene gehört, ist in ihrer Schilderung lebendig und durchaus präsent. Im Mittelpunkt aber steht „Er“, Thomas Cromwell, einer dieser mittelalterlichen Machtmenschen: kühl und beherrscht, aber auch liebenswürdig und charmant.

Bevor nun der dritte und letzte Roman, der wohl von seinem Ende wird handeln müssen, zu uns kommt, veröffentlichte der Verlag Dumont Meisterwerke von Hilary Mantel aus früheren Jahren, darunter wieder zwei Fortsetzungsromane, nämlich „Jeder Tag ist Muttertag“ und „Im Vollbesitz des eigenen Wahns“. Dort herrscht kleinbürgerlich-trister Alltag irgendwo am Rande einer englischen Großstadt, irgendwann Mitte der 1970er Jahre. Orte der Handlung sind diese kleinen Häuser, in denen sich immer schon die fürchterlichsten Dinge abspielten. Die Heldin ist eine vorerst beschränkt vor sich hinvegetierende junge Frau, die dann im zweiten Teil zu einer Dämonin wird. Neben düsterem Trübsinn und grellen Action-Szenen macht sich Übersinnliches unheimlich breit.

Zuletzt erschien nun „Der Hilfsprediger“. Da verarbeitet Hilary Mantel ihre katholische Vergangenheit. In einem verlassenen Ort auf den englischen Inseln herrscht noch der alte Katholizismus. Ein alter Pfarrer, eine junge Nonne und eben der Titel gebende Hilfsprediger sind die Hauptfiguren. Es ist amüsant zu beobachten, wie die Autorin es schafft, ihrer Leserschaft Gefühle – sowohl Faszination als auch Abneigung – zu unterstellen. Man hält zu der jungen Frau, die den Orden verlässt, jubelt mit ihr, als am Schluss alles gut ausgeht und der dubiose Hilfsprediger – der sowohl etwas von Faust als auch Mephisto hat – verschwunden ist. Ja, es stellt sich die Frage, ob er überhaupt existiert hat. Auch die Beharrlichkeit des alten Pfarrers, der sich gegen seinen modernistischen Bischof durchsetzt, erfreut. Mit einem Wort: Lesevergnügen mit Tiefgang.

Die erwähnten Bücher von Jane Gardam – die Old-Filth-Trilogie „Ein untadeliger Mann“, „Eine treue Frau“, „Letzte Freunde“ und der Erzählband „Die Leute von Privilege Hill“ – sind, übersetzt von Isabel Bogdan, im Hanser Verlag erschienen.
Hilary Mantels Werke sind im Dumont Verlag herausgekommen, „Wölfe“ in der Übersetzung von Christine Trabant, „Falken“, „Jeder Tag ist Muttertag“, „Im Vollbesitz des eigenen Wahns“ und „Der Hilfsprediger“ übersetzt von Werner Löcher-Lawrence.