„DAS RECHT DES THEATERPUBLIKUMS AUF KRITIK“

Ausschnitt dem Plakat "Größte Heiterkeit im Wintergarten" von Fritz Wolff, Berlin, vor 1914Ausschnitt dem Plakat "Größte Heiterkeit im Wintergarten" von Fritz Wolff, Berlin, vor 1914

Als am 25. November 1905 im Wiener Volkstheater das Drama „Die Andere“ von Hermann Bahr Premiere hatte, kam es zu einem Theaterskandal. Das Stück missfiel einem Teil des Publikums offenbar so sehr, dass die Aufführung von Beginn an durch Zischen, Pfeifen, deplatziertes Gelächter und Zwischenrufe gestört wurde, was wiederum den lautstarken Unmut anderer Zuschauergruppen erregte. Die Zeitungen berichteten ausführlich über den tumultuösen Abend. Den Wiener „Hof- und Gerichtsadvokaten“ Moritz Singer veranlassten die Ereignisse, sich in einem Beitrag für das „Neue Wiener Tagblatt“ mit der Frage zu beschäftigen, „inwieweit dem Theaterbesucher das Recht zusteht, die gebotene künstlerische Produktion mit kritischen Äußerungen, Klatschen oder Zischen, zu begleiten“:

„Dieses dem Zuschauer unzweifelhaft zustehende Recht der theatralischen Kritik läßt sich wohl aus dem Theaterbesuchsvertrage als solchem, welchen jeder Theaterbesucher mit der Theaterleitung durch Lösung des Billets schließt, nicht ableiten; es ist aber ein schon seit dem römischen und griechischen Altertum von dem Theaterpublikum geübtes und von den Theaterunternehmungen, Schauspielern, wohl auch von den Autoren der zur Aufführung gelangenden Stücke, soweit es den Applaus betrifft, favorisiertes Recht.

Seiner juristischen Konstruktion nach erscheint das Recht dieser Kritik als eine Reflexwirkung der von dem Theaterbesucher, Schauspieler und Autor mit dem Theaterunternehmer geschlossenen Verträge. Der Autor eines Stückes, der dem Theaterunternehmer sein Stück zur Aufführung überläßt, der Schauspieler oder Sänger, der den Engagementsvertrag eingeht, vereinbart stillschweigend mit dem Theaterunternehmer, daß er sich, da es sich um eine öffentliche Aufführung handelt, der Kritik der Zuschauer unterwerfe. Diese Kritik darf aber  n u r  die künstlerische Produktion, den Schauspieler und Autor nur in ihrer Eigenschaft als Künstler, also nur ihre künstlerischen Leistungen auf der Bühne während des Spieles, nicht aber ihre private Lebensführung treffen.

Sicherlich darf aber die Betätigung der theatralischen Kritik seitens des Zuschauers nicht so weit gehen, daß durch dieselbe die Aufführung der Theaterproduktionen gestört oder gar die Beendigung derselben unmöglich gemacht würde. Eine solche über die usuelle Form hinausgehende Kritik würde vor allem eine Verletzung des Rechtes der anderen Theaterbesucher auf ungestörte und ungeschmälerte Vorführung der angekündigten Vorstellung involvieren. Allein auch der Autor des Stückes hat gemäß dem von demselben mit dem Theaterunternehmen geschlossenen Aufführungsvertrage das Recht, zu verlangen, daß sein Stück aufgeführt und daß es trotz des Widerspruchs seitens einzelner oder vieler Zuschauer zu Ende gespielt werde, und es könnte gegen den Zuschauer, der durch seine über das Maß des Usuellen hinausgehende Kritik die Aufführung des Stückes stört, die Theaterpolizei mit Erfolg angerufen werden. Die in vielen Theatern leider zum großen Verdruß des Publikums installierte Claque ist nicht zum Theaterpublikum zu zählen, und sie maßt sich ein Recht an, das nur dem Theaterpublikum als solchem zusteht.“

Neues Wiener Tagblatt, 4.12.1905, S. 15. Leicht gekürzte Fassung des Originaltextes.