„BAUERNHOCHZEITEN“ UND FASCHINGSOPERN IM BAROCKEN WIEN

Johannes Lingelbach: Carneval in Rom (Ausschnitt), um 1650/1651, Kunsthistorisches Museum Wien / ©KHM-Museumsverband.Johannes Lingelbach: Carneval in Rom (Ausschnitt), um 1650/1651, Kunsthistorisches Museum Wien / ©KHM-Museumsverband.

„Am letzten Faschings-Tag wurde am Kaiserl. Hof die jährlich gewöhnliche Wirtschaft, dabey Ihre Majestät der Kaiser, unser Allergnädigster Herr, einen Wirt, Ihre Majestät die Regierende Kaiserin aber eine Wirtin zum Schwarzen Adler (…) vorgestellet, gehalten.“ Es waren Kaiser Karl VI. und Kaiserin Elisabeth Christine, die sich (wie das „Wienerische Diarium“ am 14.2.1725 berichtete) als Wirt und Wirtin verkleidet hatten, um so als Gastgeber bei einer „Bauernhochzeit“ zu fungieren. Diese Art der auch als „Wirtschaft“ bezeichneten Feste gehörten im späten 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu den traditionellen Karnevalsvergnügungen am Wiener Kaiserhof. Die Säle, in denen die „Bauernhochzeit“ stattfand, wurden für den Anlass „Gasthof zum Schwarzen Adler“ benannt. Angehörige des Hofes und Mitglieder adeliger Familien verkleideten sich als Bäuerinnen, Bauern, Knechte, Mägde; aber auch Dorfrichter, Schulmeister, Geistliche und andere Personen aus dem ländlichen Leben waren auf diesem großen Kostümfest vertreten, wobei die jeweiligen Rollen durch Losentscheid zugeteilt wurden.

Rollenverteilung bei der „Bauernhochzeit“ des Faschings 1727 (Ausschnitt, Wienerisches Diarium, 26.2.1727)

Rollenverteilung bei der „Bauernhochzeit“ des Faschings 1727 (Ausschnitt, Wienerisches Diarium, 26.2.1727)

Zu den Höhepunkten des Karnevalsgeschehens am Wiener Hof gehörte auch die Aufführung einer „Faschingsoper“. Während der Regierungszeit von Karl VI. wurde fast jedes Jahr eine neue derartige Komposition in Auftrag gegeben. Diese meist als „Tragicommedia“ bezeichneten Werke gingen in ihrer Handlung oft von antiken – tragischen – Stoffen aus, die dann aber durch allerlei Verwicklungen und Verwirrungen komisch endeten und die auch musikalisch von humoristischen Elementen geprägt waren. Wie das klang, ist auf der CD „Commedia dell‘ Austria“ nachzuhören. Das auf Barockmusik spezialisierte Ensemble „Accentus Austria“ präsentiert darauf unter anderem Ausschnitte aus jenen Faschingsopern, die der Hofkomponist Francesco Bartolomeo Conti für die Aufführungen in den Jahren 1714, 1719 und 1723 geschaffen hatte. Aber auch zu den höfischen „Bauernhochzeiten“ gab es, wie zeitgenössischen Berichten zu entnehmen ist, die passende Musik – und auch dafür sind einige Beispiele auf der CD zu finden.

CD-Cover

CD-Cover

Zwar delektierte sich die adelige Gesellschaft an der Vorstellung einer „verkehrten Welt“ – in der Realität aber waren auch im Karneval die verschiedenen sozialen Gruppen strikt voneinander getrennt. In bürgerlichen und bäuerlichen Kreisen hatte man seine eigenen Vergnügungen, die jedoch immer wieder obrigkeitlichen Einschränkungen ausgesetzt waren. So etwa gab es in den Straßen Wiens bis ins 17. Jahrhundert während des Faschings ein buntes Maskentreiben – ähnlich jenem, das heutzutage in historisierender Form in Venedig zu finden ist. Allerdings wurde das Maskentragen zunehmend als Sicherheitsrisiko gewertet und daher mehr und mehr reglementiert. 1634 etwa wurde, in einer öffentlichen Kundmachung, verfügt, „daß man bey höchster straff diese Faschingszeit über weder bey Tag noch nacht nit in der Mascara in dieser Statt Wien auf der Gassen weder gehen reiten noch fahren soll.“ Ähnliche Verbote folgten in den nächsten Jahren und Jahrzehnten.

Cornelis de Wael: Die Maskerade, um 1630/1648, Rijksmuseum Amsterdam.

Cornelis de Wael: Die Maskerade, um 1630/1648, Rijksmuseum Amsterdam.

Die Faschingsvergnügungen verlagerten sich allmählich immer mehr von den Straßen und Plätzen ins Innere. Aber auch da griff die Obrigkeit wiederholt mit Disziplinierungsmaßnahmen ein (von denen allerdings die Hofgesellschaft ausgenommen wurde). 1689 etwa wurde sogar untersagt, „in den heusern in den Mascara zu gehen“; und als gegen Ende der Barockzeit der „Langaus“, ein schneller, dem späteren Walzer ähnlicher Tanz populär wurde, wollte man auch dagegen – wegen vermeintlicher Unsittlichkeit – mit Verboten einzuschreiten. Beim Langaus aber setzten sich die Behörden nicht durch, er blieb noch längere Zeit im Ball-Repertoire und war auch dem Wiener Schriftsteller Joseph Richter in dessen „Eipeldauer-Briefen“ eine Beschreibung wert. Die Langaus-Tanzenden glichen, so meinte Richter, einer „Herde von Böcken und Geißen, die im Frühjahr das erste Mal auf die Weide gelassen werden.“ Wie die Musik dazu geklungen hat, ist ebenfalls auf der CD „Commedia dell‘ Austria“ zu hören, die nicht nur eine anspruchsvolle Sammlung barocker Kompositionen ist, sondern die auch inspiriert, sich mit den Faschingsbräuchen im „alten“ Wien näher zu beschäftigen.

Accentus Austria: Commedia dell‘ Austria, dhm / Sony Music 2016. Auf der Website von Accentus Austria sind einige Musikbeispiele aus der CD zu hören.