ARSEN UND …

Tapetenmuster

Nein, nicht „Arsen und Spitzenhäubchen“, denn hier geht es nicht um schwarzen Humor im Kino, sondern um ein Buch, in dem sich alles um das Gift dreht. Damit ist gleich auch das Wort „Gefährlich“ im Buchtitel erklärt – denn der lautet: „Gefährlich schön“. Und schön? Dieses bibliophile Kunstwerk entwickelt sich zu einer Art wunderbar buntem Fiebertraum: Hunderte Tapetenmuster (genau genommen sind es 275) oft einseitig, dann aber auch überbordend, sodass das Auge beim Betrachten kaum mehr mitkommt, mehrere auf einer Seite.

Buchcover

Die Bildtafeln mit den Mustern sind in Abschnitte unterteilt, wobei jeweils eine Farbe dominiert, die aber wieder in verschiedenen Varianten aufscheint: So etwa ist der erste Abschnitt dem Rot gewidmet, und da findet man sowohl Tapeten in rubin- und scharlachrot, als auch lachsfarbene. Die Farbe Grün überwiegt. Und das erinnert an das grüne Zimmer in „Katie“, dem Buch von Christine Wunnicke, das vor nicht allzu langer Zeit hier, in der FLANEURIN als „Lesenswert“ empfohlen wurde. In diesem Buch, dem Roman, der im 19. Jahrhundert zumeist in London spielt, wird das Medium Florence im Haus des Wissenschaftlers Crookes untergebracht, weil der ihre spiritistischen Fähigkeiten näher untersuchen will. Die Hausfrau, die grün – vor allem das Pariser Grün – liebt, staffierte den Raum sehr grün und modisch aus, natürlich auch mit grünen Tapeten. Allerdings war Crookes „plötzlich auf den Einfall gekommen, Farbproben von den Wänden zu kratzen, und hatte danach beschlossen, dass all das Arsenik für seine Lieben zu gefährlich sei.“ Und nun grübelt er, warum seine Frau das arme Mädchen dort „beim Arsenik“ untergebracht hatte. Soweit Christine Wunnicke in „Katie“.

Tapetenmuster

Nun aber zu Lucinda Hawksley, der Autorin von „Gefährlich schön“. Die Expertin für die Kunst der Präraffaeliten und des Ästhetizismus ist eine Nachfahrin von Charles Dickens und in ihrer englischen Heimat als Biografin, Autorin im Bereich der Sozial- und Kunstgeschichte und Reiseschriftstellerin bekannt. In der Einleitung zu ihrem Buch geht sie auf die Giftigkeit des Arsens ein, auf seine Verwendung in der Medizin und kommt dann zum Hauptthema: „Für die Hersteller von Farben und Färbemitteln war Arsenik ein billiger Rohstoff, der die Brillanz und Haltbarkeit der Pigmente steigerte, besonders auf Tapeten“. Hawksley erkundet, in sieben Kapiteln, die Geschichte des Arsens als Mordinstrument, Haushaltsgift, Heilmittel und Leuchtkraftverstärker von Farben. Die 275 Originaltapeten aus dem 19. Jahrhundert, die sie in dem Buch zeigt, sind „kürzlich in den Laboren des britischen Nationalarchivs positiv auf Arsen getestet worden.“

Tapetenmuster

Hier noch eine Bemerkung zur Gestaltung des Buches: Die Abschnitte mit den Texten sind ebenfalls bibliophil gestaltet, aber nur halb so breit wie die Tapetenmuster, sie geben die Designer und Gestalter der dann in der Folge gezeigten Tapeten an und halten auch in einer dreiteiligen Skala die Toxizität der Originaltapeten von „möglich“ über „wahrscheinlich“ bis „höchstwahrscheinlich“ fest. Ein Schuber aus Pappe schützt die Tapetenmuster im Buch, Arsen-Gefahr geht von ihnen keine aus.

Tapetenmuster

Die Autorin hat vieles und viel Verschiedenes zum Thema Arsen zusammengetragen, sie schreibt über Arsen als von Frauen bevorzugtes Gift, über die nationalen Vorlieben bei Tapetenmustern, dann auch über die Designer und die zwielichtige Rolle, die einer ihrer prominentesten, nämlich William Morris, spielte – und so fort. Eigenartig mutet es an, dass die wohlhabenden englischen Bürger aus ihren mit arsenhaltigen Tapeten geschmückten Wohnungen in Heilbäder reisten, deren Wasser wieder Arsen enthielt, wenn auch in viel geringerer Konzentration. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzten sich, nachdem in ganz Europa das Arsen aus den Tapeten verbannt worden war, die modernen, arsenfreien Tapeten auch in Großbritannien durch – „… und so bargen ihre Wände schließlich kein tödliches Geheimnis mehr.“

Tapetenmuster

Lucinda Hawksley: Gefährlich schön. Giftige Tapeten im 19. Jahrhundert. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2018.