DER TEPPICH VON BAYEUX – MADE IN DENMARK

Ausschnitt aus dem dänischen „Teppich von Bayeux“ (Alle Fotos: B. Denscher)Ausschnitt aus dem dänischen „Bayeux-Teppich“ (Alle Fotos: B. Denscher)

Die Frauen von der dänischen „Vikingegruppe Lindholm Høje“ hat das jüngste Aufsehen rund um den berühmten „Teppich von Bayeux“, den der französische Präsident Macron als Ausstellungsstück nach Großbritannien verleihen will, vermutlich nicht sonderlich berührt – denn sie haben ja ihren eigenen Bayeux-Teppich…

Haupthaus von Kloster Børglum

Das Hauptgebäude von Kloster Børglum

Auf einem der wenigen Hügel im flachen Nordjütland thront Kloster Børglum. Es ist ein recht stattlicher Gebäudekomplex, dessen Geschichte bis ins frühe Mittelalter zurückreicht. Das einst bedeutende Kloster wurde allerdings schon Mitte des 16. Jahrhunderts, im Zuge der Reformation, in einen Gutshof umgewandelt wurde. Heutzutage dient die Anlage hauptsächlich als Ausstellungs- und Veranstaltungszentrum. Ein besonderer Anziehungspunkt ist der große Ausstellungsraum im Oberstock des ehemaligen Pferdestalls. Denn hier befindet sich der dänische Bayeux-Teppich: „Bayeux-tapetet“, eine bemerkenswerte Kopie des weltberühmten Kunstwerks.

Ausstellungsraum

Ausstellungsraum

Im Französischen spricht man von der „Tapisserie de Bayeux“, im Englischen vom „Bayeux Tapestry“ – und das entspricht der Sache weit mehr als die deutsche Bezeichnung „Teppich“. Denn es handelt sich um einen 68,8 Meter langen und rund einen halben Meter hohen Wandbehang aus Leinen, der mit Wollgarn bestickt ist. Das Original aus dem 11. Jahrhundert befindet sich im „Musée de la Tapisserie“ in Bayeux, in einem nach strengsten konservatorischen und sicherheitstechnischen Standards gestalteten Raum: unter Panzerglas, mit geringer Beleuchtung und entsprechend klimatisiert. Nur so hält das fragile Kunstwerk, das seit 2007 zum Weltdokumentenerbe der UNESCO gehört, dem Ansturm der jährlich mehr als 400.000 MuseumsbesucherInnen stand.

Thema der aus 58 Einzelszenen bestehenden Bildfolge sind die Vorgeschichte und der Verlauf der 1066 erfolgten Eroberung Englands durch die Normannen. Bei diesen folgenreichen Ereignissen der englischen Geschichte gibt es auch einen „Wikingeraspekt“: Denn der die Normannen anführende Herzog und spätere englische König Wilhelm – berühmt vor allem in der englischen Namensform als William the Conqueror – stammte aus einer Wikinger-Dynastie, die seit dem frühen 10. Jahrhundert die Normandie beherrschte. Und das machte die Sache auch für die Frauen der dänischen „Vikingegruppe Lindholm Høje“ interessant. Denn die Vereinigung widmet sich – auf Amateurbasis – der Beschäftigung mit der Wikingervergangenheit Skandinaviens. Diverse handwerkliche Aktivitäten sind dabei besonders beliebt – und dazu passte es, dass im Jahr 2000 eine Gruppe von neun Frauen beschloss, eine möglichst originalgetreue Kopie des „Teppichs von Bayeux“ anzufertigen.

Ausschnitt aus dem dänischen „Bayeux-Teppich“

Ausschnitt aus dem dänischen „Bayeux-Teppich“

Vierzehn Jahre lang arbeiteten die dänischen Frauen an ihrem „Bayeux-Teppich“ und standen dabei in Kontakt zu den Konservatoren vom „Musée de la Tapisserie“ in Bayeux. Von dort holten sie sich viele Informationen und zahlreiche Tipps, um dem Original möglichst nahe zu kommen. Nicht kopieren konnten sie die spezielle historische Patina – und daher wirkt der Wandbehang in Børglum, trotz exakter Abstimmung der acht verwendeten Garnfarben, doch bunter und frischer als jener in Bayeux.

An den Darstellungen haben die Stickerinnen von Børglum nichts verändert – und damit unterscheidet sich ihr Werk deutlich von jener Kopie des „Teppichs von Bayeux“, die Ende des 19. Jahrhunderts in England hergestellt wurde und im Museum der Stadt Reading (westlich von London) ausgestellt ist. Denn die 35 englischen Stickerinnen haben nicht nur ihre Namen eingefügt, sondern den nackten Figuren, die an ein paar Stellen des Originals zu sehen sein, Hosen aufgestickt. Das aber war wohl nicht der Grund für die große Begeisterung, mit der man in Großbritannien reagierte, als Präsident Emmanuel Macron im Jänner 2018, bei seinem ersten offiziellen Besuch in Großbritannien, erklärte, dass der originale „Teppich von Bayeux“ erstmals in der Geschichte verliehen werden dürfe – und zwar nach England. Vielfach hieß es dazu in britischen Medien, dass nun der Teppich nach fast eintausend Jahren endlich wieder „zurückkomme“. Diese Art der historischen Vereinnahmung ist allerdings fragwürdig. Denn bis heute ist nicht geklärt, wer den Wandbehang in Auftrag gab und wo er hergestellt wurde. Zwar gibt es zahlreiche Argumente, die für einen englischen Ursprungsort sprechen, aber auch viele, die auf eine Fertigung in Frankreich schließen lassen. Auf jeden Fall findet sich die erste schriftliche Erwähnung des Wandbehangs in einem Verzeichnis der Kathedrale von Bayeux aus dem Jahr 1476. Seither hat die Tapisserie nur zwei Mal die Stadt nahe dem Ärmelkanal verlassen: 1803/04 ließ sie Napoleon Bonaparte im Pariser Louvre ausstellen, und während des Zweiten Weltkriegs planten die deutschen Besatzer, das wertvolle Stück nach Berlin zu verfrachten – allerdings gelangte es nur bis nach Paris, von wo es dann 1945 wieder nach Bayeux zurückgebracht wurde.

Ausschnitt aus dem dänischen „Bayeux-Teppich“

Ausschnitt aus dem dänischen „Bayeux-Teppich“

Mit seiner Verleihzusage habe sich Präsident Macron, so schrieb der britische „Guardian“, als „modern master of the diplomatic gesture“ erwiesen. Wenig begeistert – ja vielmehr entsetzt – von dieser diplomatischen Geste der Verbundenheit zwischen Frankreich und Großbritannien ist jedoch die kunsthistorische Fachwelt. Denn um sicherzustellen, dass das wertvolle Stück den Transport und die geplante Ausstellung einigermaßen unbeschadet übersteht, werden umfangreiche und überaus kostspielige konservatorische Maßnahmen notwendig sein – viel Aufwand für eine politische Geste. Auf jeden Fall wird der „Teppich von Bayeux“ nicht vor 2023 jenseits des Ärmelkanals (vermutlich im British Museum) präsentiert werden. Genügend Zeit also, um sich vorher das Original anzusehen – und auch die durchaus gelungene Kopie im Kloster Børglum, wo den Besucherinnen und Besuchern genügend Zeit und Raum gegeben wird, um sich intensiv mit der mittelalterlichen Bildwelt auseinanderzusetzen.

Ausschnitt aus dem dänischen „Bayeux-Teppich“

Ausschnitt aus dem dänischen „Bayeux-Teppich“

Weitere Informationen:
Kloster Børglum
Bayeux, Musée de la Tapisserie
Museum von Reading