FREUNDINNEN

William-Adolphe Bouguereau (1825–1905): Die NusssammlerinnenWilliam-Adolphe Bouguereau (1825–1905), Die Nusssammlerinnen

Frauenfreundschaften sind ein Thema, das interessiert. Man denke an Erfolgsromane wie etwa Elena Ferrantes vierteilige „Neapolitanische Saga“ oder an Zadie Smiths „Swing Time“. Die US-amerikanische Genderforscherin Marilyn Yalom hat mit Koautorin Theresa Donovan Brown einen höchst interessanten Band verfasst, der im Original den Titel „The Social Sex: A History of Female Friendship“ trägt und in der deutschsprachigen Übersetzung „Freundinnen. Eine Kulturgeschichte“ heißt; und die Schweizer Sachbuchautorin Susann Sitzler beschäftigt sich ebenfalls unter dem Titel „Freundinnen“ mit der Frage „Was Frauen einander bedeuten“. In Film und Fernsehen sind Frauenfreundschaften ohnehin schon längst ein sicherer Quotenbringer – vom „Club der Teufelinnen“ bis zu „Desperate Housewives“ und „Vorstadtweibern“.

Ein weiterer Beitrag zum Thema ist nun im Thiele Verlag herausgekommen. Wieder lautet der Titel „Freundinnen“, Autorin des 160 Seiten-Buches ist Dörthe Binkert. Was beim ersten Durchblättern besticht, ist die großzügige Ausstattung mit mehr als einhundert Farbillustrationen. Neben Gemälden von Edgar Degas, Edvard Munch, Claude Monet, Gustav Klimt, Pablo Picasso, Pierre-Auguste Renoir, Egon Schiele und Henri de Toulouse-Lautrec finden sich zahlreiche Arbeiten von nicht so bekannten oder weniger anerkannten Künstlern – und auch von Künstlerinnen. Diese allerdings sind in der absoluten Minderzahl, denn jenen mehr als sechzig Malern, die in dem Band vertreten sind, stehen gerade einmal sechs Malerinnen gegenüber: Mary Cassatt, Laura Knight, Tamara de Lempicka, Dorothea Sharp, Suzanne Valadon und Jessie Willcox-Smith.

Mary Cassatt (1844–1926), Die Tasse Tee (Museum of Fine Arts, Boston. www.mfa.org)

Mary Cassatt (1844–1926), Die Tasse Tee (Museum of Fine Arts, Boston. www.mfa.org)

Die in dem Buch so offensichtliche Dominanz des „männlichen Blicks“ wird nicht weiter kommentiert, Dörthe Binkert verweist lediglich darauf, dass die Darstellung befreundeter Frauen früher vor allem in der Genremalerei beliebt gewesen sei und sie den Malern die Gelegenheit gegeben habe, „erotische Phantasien auf die Leinwand zu zaubern“. Das lässt allerdings die Frage nach den Kriterien der Bildauswahl für den vorliegenden Band unbeantwortet. Die – an sich durchaus erfreuliche – Menge der Abbildungen und ihre vielfach seitenfüllende Präsentation macht die Illustrationen zu einem wesentlichen und Element des Buches. Warum also rund zehnmal so viele Werke von Männern wie von Frauen – was doch gerade bei einem „Frauenthema“ unpassend erscheint?

Dörthe Binkert, die Germanistik, Politologie und Kunstgeschichte studiert hat und in Verlagen als Lektorin und Programmleiterin fungierte, ist seit einiger Zeit als freie Schriftstellerin tätig. Im Thiele Verlag hat sie bereits zwei Bücher herausgebracht, die ähnlich wie der „Freundinnen“-Band gestaltet waren: „Frauen und Rosen“ (2012) und „Frauen und ihre Katzen“ (2013). Auch diese beiden Publikationen beeindruckten mit vielen Illustrationen, und da wie dort hatte Binkert Texte geliefert, die sich – in leichtem Erzählton gehalten – mit den verschiedenen Aspekten des jeweiligen Themas beschäftigen. Bei beiden Büchern hatten prominente Autorinnen Vorworte geschrieben: für das Rosen-Buch Elke Heidenreich und für das Katzen-Buch Eva Demski. Den „Freundinnen“-Band leitet nun die renommierte Psychologin Verena Kast mit einem klugen Essay ein. Aus ihrer beruflichen Praxis weiß sie unter anderem zu berichten, dass Gespräche von Freundinnen durchaus eine Art „therapeutische Qualität“ haben können. Und sie verweist darauf, dass kaum eine Frau nur eine „beste Freundin“ habe, sondern „mehrere beste, die jeweils verschiedene Lebens- und Persönlichkeitsbereiche abdecken.“

Joaquín Sorolla (1863–1923), Strandspaziergang

Joaquín Sorolla (1863–1923), Strandspaziergang

Dörthe Binkert beschäftigt sich in ihrem Text mit den unterschiedlichen Rollen, die den Freundinnen im Verlauf des Lebens einer Frau zukommen. Das reicht von der frühesten Kindheit, in der durch die Beziehung zur ersten Freundin ein Schritt hinaus aus dem mütterlichen Schutzbereich getan wird, bis ins Alter, in dem Freundinnen verloren gegangene familiäre Beziehungen ersetzen, für Aktivität und psychische Stabilität sorgen können: „Die Jahre vergehen, gute Freundinnen bleiben. Sie teilen die Geschichte unseres Lebens. Fast immer mit Unterbrechungen, das ist unvermeidlich, aber doch am Ende unverbrüchlich.“ Die durchgehende „Wir“-Perspektive, aus der Binkert in ihren Text spricht, macht die Identifikation für die Leserin leicht, sie fühlt sich angesprochen, wird zum Nachdenken über die eigene Situation angeregt und manchmal auch zum Widerspruch gereizt.

Nochmals zu den Abbildungen, die sowohl ein Plus als auch ein Minus dieses lesens- und verschenkenswerten (an Freundinnen, natürlich) Buches sind. Ein Plus, weil sie in ihrer Fülle und Präsentation viel zur sehr ansprechenden ästhetischen Qualität des Bandes beitragen. Ein Minus wegen des schon erwähnten dominanten „männlichen Blicks“ – und weil sie bisweilen nicht wohlüberlegte ergänzende Illustration, sondern vielmehr rein zufällige Bebilderung zu sein scheinen. In den ersten Kapiteln des Buches verweist Dörthe Binkert noch des Öfteren auf die Abbildungen, die beschriebene Situationen und Beziehungen damit noch deutlicher machen. Im Verlauf des Textes aber werden diese Verweise immer seltener, und einige der Abbildungen sind – bei näherer Betrachtung – nicht unbedingt ideal platziert.

Michael Ancher (1849–1927), Spaziergang am Strand

Michael Ancher (1849–1927), Spaziergang am Strand

So etwa beschäftigt sich Dörthe Binkert in einem Abschnitt mit den „Grenzen der Einmischung“, die bei jeder Freundschaft zu respektieren seien, sie betont, dass Freundinnen abweichende Meinungen zugestanden werden müssen und dass „ein gewisser Abstand förderlich für die Freundschaft“ sei. Oberhalb des Textes, fast über die gesamte Breite der Doppelseite, ist Michael Anchers „Spaziergang am Strand“ platziert. Das Bild scheint wunderbar zum Text zu passen: Die junge Frau, die alleine vorangeht, ist diejenige, die hier ein wenig Abstand von den anderen nötig hat – möchte man meinen. Nur: bei dieser Darstellung, die kunstgeschichtlich gut dokumentiert ist, verhält es sich ein wenig anders. Denn hier wandern vier Schwestern den Strand im norddänischen Skagen entlang. Man kennt ihre Namen, es sind die Schwestern Holst, allen voran, alleine spazierend, Ida Holst. Nur die rotblonde Frau in der Bildmitte, die dritte von links, gehört nicht zur Familie, sie – Elisabeth Bang – ist die Freundin der rosagekleideten Anna Holst. Das Gemälde wäre also eine passende Illustration zu einem Beitrag über Schwesterbeziehungen – ein Thema, das allerdings im Buch nicht vorkommt.

James Leblanc Stewart (1855–1919), Sarah Bernhardt und Christine Nilsson

James Leblanc Stewart (1855–1919), Sarah Bernhardt und Christine Nilsson

Zum Bild „Sarah Bernhardt und Christine Nilsson“ schreibt Dörthe Binkert: „Die berühmte Schauspielerin Sarah Bernhardt liest auf dem Bild von James Leblanc Stewart nicht nur in einem Gedichtband, um sich die Zeit zu vertreiben. Wir dürfen annehmen, dass sie sich mit einer Rolle beschäftigt, und dass die junge Frau neben ihr auf dem Sofa mit ihr probt.“ Diese Annahme wäre zu hinterfragen: Denn Christine Nilsson, ein Jahr älter als Sarah Bernhardt, war, als James Leblanc Stewart 1883 das Bild malte, eine der weltweit berühmtesten Opernsängerinnen. Stewart ging es darum, ein Doppelporträt von zwei Diven zu malen – ob aber die beiden Stars wirklich Freundinnen waren und miteinander Rollen probten, wäre noch zu recherchieren.

Buchcover: Lawton S. Parker (1868–1954), Al Fresco Tea.

Buchcover: Lawton S. Parker (1868–1954), Al Fresco Tea.

Fazit: der Band „Freundinnen“ bietet eine leichte, inspirierende Lektüre in einem ästhetisch ansprechenden Buch – nur hätte man sich ein wenig mehr inhaltliche Sorgfalt bei der Bildauswahl gewünscht.

Dörthe Binkert: Freundinnen. Thiele Verlag, München u. Wien 2018.