ARNOLD SCHÖNBERG & JUNG-WIEN

Arnold Schönberg: Die Beiden, Text: Hugo von Hofmannsthal, 1899Arnold Schönberg: Die Beiden, Text: Hugo von Hofmannsthal, 1899

Immer schon war die Wende vom 19. zum 20.Jahrhundert in Wien ein Gegenstand begeisterter Betrachtungen. Der amerikanische Kulturhistoriker Carl E. Schorske (1915–2015) veröffentlichte 1979 das vor kurzem wieder aufgelegte Buch „Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle“, für das er 1981 den Pulitzer-Preis erhalten hatte und in dem er uns Nachgeborenen als einer der ersten vor Augen führte, wie in der Habsburger-Metropole „als Antithese zu Luegers politischem Populismus die äußerst innovative, vom assimilierten Judentum geprägte Wissenschafts- und Kunstszene, abseits der etablierten Institutionen entstand.“ Mitten in diese Szene hinein führt nun die Ausstellung „Arnold Schönberg & Jung-Wien“, die in den Räumlichkeiten des Arnold Schönberg Centers zu sehen ist. Die Musikwissenschaftlerin und Leitende Archivarin der Arnold-Schönberg-Center-Privatstiftung, Therese Muxeneder, gestaltete anlässlich des 20jährigen Bestehens dieser Institution eine räumlich konzentrierte, mit mehr als 150 Exponaten reichlich bestückte, dennoch äußerst übersichtliche Ausstellung, für die Jochen Koppensteiner die architektonischen Voraussetzungen schuf.

Blick in die Ausstellung „Arnold Schönberg & Jung-Wien“ (Foto © Hertha Hurnaus)

Blick in die Ausstellung „Arnold Schönberg & Jung-Wien“, Foto © Hertha Hurnaus

„Jung-Wien“ war ein Begriff, den Arthur Schnitzler 1890 prägte: Man kam ohne Manifest aus und ohne kulturpolitische Äußerungen, man war jung und wohnte in Wien, das reichte. Diese Literaten, die auch Journalisten waren – so genau nahm man das damals in einer noch universal gebildeten Zeit nicht – trafen sich in klischeebeladenem Ambiente, im Kaffeehaus, und zwar im „Griensteidl“. In den Kreis um Peter Altenberg, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler und Felix Salten – Mentor und Übervater war Hermann Bahr – wurde Arnold Schönberg von seinem Freund und späteren Schwager Alexander Zemlinsky eingeführt, und man kann sich das schon auch als eine Art „Eindringen“ vorstellen.

Alexander Zemlinsky und Arnold Schönberg, Foto: Atelier Schlosser & Wenisch, Prag 1917

Alexander Zemlinsky und Arnold Schönberg, Foto: Atelier Schlosser & Wenisch, Prag 1917

Was die Ausstellung im Schönberg Center perfekt zeigt, ist, wie Schönberg diese literarische Atmosphäre aufgesaugt, sie übernommen, sich angeeignet hat. Nicht nur, dass er die Gedichte der anderen vertonte, er begann auch selbst literarisch tätig zu werden. Was man so nebenbei mitbekommt: Arnold Schönberg war bei allem, was er tat, Autodidakt, und seine Schüler bezeugten, dass er ein guter Lehrer gewesen war, weil er wusste, wie das ist, wenn man sich etwas erarbeiten muss. Schönberg blieb aber nicht beim Komponieren und Dichten, er malte ja auch. Sein „Grünes Selbstporträt“ ist mittlerweile eine Ikone des Expressionismus. Es ist in der Ausstellung genauso zu sehen wie das den Raum beherrschende Porträt seiner ersten Ehefrau, Mathilde, und ein in seiner Tristesse erschütterndes Selbstporträt, eine Rückenansicht aus dem Jahr 1911, in dem er Wien verließ und nach Berlin ging.

Arnold Schönberg, Gehendes Selbstportrait, 1911, Catalogue raisonné 18, Belmont Music Publishers, Pacific Palisades

Arnold Schönberg, Gehendes Selbstportrait, 1911, Catalogue raisonné 18, Belmont Music Publishers, Pacific Palisades

Weil da schon von Bildern die Rede ist: an einer Wand sieht man Lichtdrucke von Klimt-Zeichnungen, die Webern und Berg Schönberg zum Geburtstag schenkten (Schönberg hielt Klimt für einen der allergrößten Maler aller Zeiten.) Und dann liegen auf einer imposanten Tafel Noten, Texte, Tagebücher, Skizzen, Fotografien, technische Zeichnungen und Kartenspiele, all das sind Zeugnisse der immensen Schaffenskraft Schönbergs. Hat man die Tafel umrundet, dann trifft man an deren Ende Zeugnisse der vier Männer, die Schönberg am stärksten beeinflusst haben: Karl Kraus – von ihm, so sagte Schönberg, habe er Schreiben und D e n k e n gelernt, Hermann Bahr, der bei Schönberg Unterricht nehmen wollte, Adolf Loos und schließlich Gustav Mahler. Mit dem Tod Mahlers, 1911, wurde auch das musikalische Jung-Wien zu Grabe getragen. Natürlich sind im „Hörraum“ ausgewählte Kompositionen Schönbergs in einem repräsentativen stilistischen Querschnitt zu hören und eine „Timeline“ informiert über Schönbergs Leben und die Entstehungsgeschichte seiner Werke.

Blick in die Ausstellung (mit Schönbergs Porträt von Mathilde Schönberg), Foto © Hertha Hurnaus

Blick in die Ausstellung (mit Schönbergs Porträt von Mathilde Schönberg), Foto © Hertha Hurnaus

Soweit ein kurzer Überblick über die Ausstellung „Arnold Schönberg & Jung-Wien“. Nun hat Therese Muxeneder aber auch ein höchst bibliophil gestaltetes Buch zum Thema vorgelegt, das Jung-Wien aus dem Blickwinkel der Musik betrachtet und „die kulturgeschichtliche Epoche durch Querverweise auf ihren Exponenten Arnold Schönberg einkreist“. Das sind „wissenschaftliche Aufsätze auf dem Stand der heutigen Forschung und historische Texte von Schönberg und seinen Zeitgenossen“. Da geht es natürlich um die Jung-Wiener Musiker, um Jung-Wiener Theater und Konzert, um Schönberg und seine Beziehungen zu Kraus, Loos und Bahr („die Lebensgeschichte Arnold Schönbergs gründet auf Begegnungen“), aber auch um eine höchst skurrile „literarische Kaffeehausprügelei“ und um „eine Metropole des Antisemitismus“ (mit dem brutalen Antisemitismus – vor allem im zweiten Wiener Bezirk – konfrontiert, traten nahezu alle Mitglieder von Jung-Wien zum Protestantismus über.)

Die Ausstellung „Arnold Schönberg & Jung-Wien“ im Arnold Schönberg Center kann bis zum 29.Juni 2018 besichtigt werden.
Therese Muxeneders Buch „Arnold Schönberg & Jung-Wien“ (zweisprachig deutsch/englisch, mit Stadtplan Arnold Schönberg in Wien) ist im Eigenverlag der Arnold Schönberg Center Privatstiftung erschienen.