ZENTRALFIGUREN DER WIENER MODERNE

Ausschnitt aus der Ausstellungsankündigung auf der Website des Wiener Literaturmuseums.Ausschnitt aus der Ausstellungsankündigung auf der Website des Wiener Literaturmuseums.

„Schönheit und Abgrund“ ist das Motto, unter dem Wien 2018 das 100-Jahr-Jubiläum der Wiener Moderne feiert. Zahlreiche Ausstellungen und Veranstaltungen sind dem Thema gewidmet. So auch im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek, das in seiner Schau „Berg, Wittgenstein, Zuckerkandl“ ausgehend von drei „Zentralfiguren der Wiener Moderne“ – Alban Berg, Ludwig Wittgenstein und Berta Zuckerkandl – die vielfältigen Verbindungslinien zwischen Kunst, Literatur, Musik, Architektur und Philosophie offenlegt.

Alban Berg, Foto: Atelier d’Ora-Benda, 1924, © Österreichische Nationalbibliothek.

Alban Berg, Foto: Atelier d’Ora-Benda, 1924, © Österreichische Nationalbibliothek.

So etwa war Alban Berg sowohl Komponist als auch Musikschriftsteller, mit der Vertonung der Lieder von Peter Altenberg, Büchners „Woyzeck“ und des Wedekind-Dramas „Die Büchse der Pandora“ in der unvollendeten „Lulu“ bewies er seinen literarischen Geschmack. Seine Fähigkeiten als Musikschriftsteller können in der Schau überprüft werden, wenn man die dort ausgestellte Entwurfsfassung seines Aufsatzes „Warum ist Schönbergs Musik so schwer verständlich?“ nachliest. Ein Kapitel in dem die Ausstellung begleitenden Katalog trägt die Überschrift „…und ich empfand eine orgiastische Freude dabei, so für unsere gute Sache zu kämpfen“, da schreibt Thomas Leibnitz, der Direktor der Musiksammlung der Nationalbibliothek, über Alban Berg als Musikschriftsteller. Der Philosoph Theodor W. Adorno wieder war – um einen kleinen Zweig dieses Netzwerks weiter zu verfolgen – ein Freund und Schüler Bergs, das Arbeitsheft zu seinem späteren musikphilosophischen Klassiker „Berg. Der Meister des kleinsten Übergangs“ ist im Original ausgestellt. Im Musikraum der Ausstellung sind Auszüge aus dem „Wozzeck“ und den „Altenberg-Liedern“ zu hören.

Mit Ludwig Wittgenstein assoziiert man sofort den „Tractatus logico-philosophicus“. Zwei Originaltyposkripte des vor einhundert Jahren fertiggestellten „Tractatus“ aus dem Besitz der Österreichischen Nationalbibliothek sind in der Schau zu sehen. Der Kurator der Ausstellung und Direktor des Literaturarchivs der Nationalbibliothek, Bernhard Fetz, begründet die Präsenz Wittgensteins im Literaturmuseum damit, dass der von der Karl Kraus’schen Sprache Beeinflusste eine Verbindung von Logik, Stil und Ethik gesucht habe und meinte: „Philosophie soll man dichten!“

Ludwig und Paul Wittgenstein Noten studierend, Foto: Carl Pietzner, 1909, © Österreichische Nationalbibliothek

Ludwig und Paul Wittgenstein Noten studierend, Foto: Carl Pietzner, 1909, © Österreichische Nationalbibliothek.

Es ist ja beim Begehen einer Ausstellung immer so, dass das eine übersehen wird, das andere aber ins Auge springt – und in der Schau im Literaturmuseum sind es immerhin mehr als 250 Originalobjekte, wie etwa Manuskripte, Fotos, Zeichnungen, Bücher, Notenblätter, Briefe und Tagebücher, die jene drei Zentralfiguren der Wiener Moderne – und die Netzwerke rund um sie – sichtbar machen. Da hängt also ein Satz von Ludwig Wittgenstein aus seinen privaten Aufzeichnungen an einer der Wände, der – meiner Meinung nach – sehr wohl diese intensive Verbindung von Philosophie und Literatur bei Wittgenstein aufzeigt: „Das gute Österreichische (Grillparzer, Lenau, Bruckner, Labor) ist besonders schwer zu verstehen. Es ist in gewissem Sinne subtiler als alles andere, und seine Wahrheit ist nie auf Seiten der Wahrscheinlichkeit.“ Das wiederholt man nun einige Male für sich – „seine Wahrheit ist nie auf Seiten der Wahrscheinlichkeit“ – und muss einfach den bewundern, der diesen Gedanken geäußert hat. Wenn man von dieser Ausstellung nur diesen einen Satz mitnähme, dann wäre das schon sehr viel. Unter den vielen, vielen ausgestellten Briefen fallen durch ihre ganz besonders schöne Schrift jene von Ludwig Wittgensteins Bruder Paul auf, der ja im ersten Weltkrieg seinen rechten Arm verlor und seine Karriere als Pianist dennoch fortsetzte.

Berta Zuckerkandl, Foto: Atelier d’Ora, 1908, © Österreichische Nationalbibliothek.

Berta Zuckerkandl, Foto: Atelier d’Ora, 1908, © Österreichische Nationalbibliothek.

Nun kommt mit Berta Zuckerkandl endlich eine Frau ins Spiel. Der Ruhm ihres Salons hat sich bis in unsere Tage erhalten, dort verdichtete sich das Geflecht der Wiener Moderne, er war einer der Knotenpunkte in diesem einzigartigen kulturellen, geistigen und familiären Netzwerk. Berta Zuckerkandl war nicht nur Salonnière, sie war auch eine streitlustige Publizistin: Zur Neugestaltung des Wiener Karlsplatzes meinte sie, dass man die alten Gebäude, wie Musikvereinssaal und Künstlerhaus, abreißen solle, was ihr sofort die Sympathie Otto Wagners einbrachte, er hielt sie für d i e geeignete Kunstministerin. Ihrer Ansicht nach war es an der Zeit, sich vom Historismus ab- und der Wiener Moderne zuzuwenden – und da besonders Gustav Klimt, für den sie immer wieder eintrat. Sie war Headhunterin für den Wiener Zsolnay-Verlag und übersetzte französische Autoren. Ravel wandte sich an sie mit der Bitte, sich eines jungen Komponisten anzunehmen. Sie war die Lieblingsfeindin von Karl Kraus – über achtzig Mal erwähnte er sie in der „Fackel“ – und eine besondere Freundin der anderen Netzwerkerin jener Jahre, nämlich Alma Schindlers, die im Salon der Zuckerkandl ihren späteren Ehemann Gustav Mahler kennenlernte.

Es ist ein langer Raum im dritten Stock des Literaturmuseums, in dem die Schau angesiedelt ist. Hohe Kästen bilden Gänge. Man geht durch diese Gänge und schaut und liest und ist wieder einmal fasziniert davon, wie im Wien jener Jahre besonders auf dem Gebiet der Literatur Einmaliges geschaffen wurde. In der Buchreihe „Profile“ des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek hat Bernhard Fetz ein Begleitbuch zur Ausstellung herausgegeben. In Aufsätzen wird verdichtet, was in der Ausstellung angerissen wird: Themen sind etwa Alban Berg und seine Zeitgenossen, das Skandalkonzert vom März 1913, das Netzwerk Alma Mahlers, die besondere Rolle die das jüdische Bürgertum – und da besonders die Wittgensteins – innerhalb der Wiener Moderne spielte, Karl Kraus, Adolf Loos und Otto Weininger als Wittgensteins Wiener Erben und schließlich, was Berta Zuckerkandl alles war und wollte und erreichte.

„Berg, Wittgenstein, Zuckerkandl. Zentralfiguren der Wiener Moderne“. Ausstellung im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek, Grillparzerhaus, Johannesgasse 6, 1010 Wien. 
Bernhard Fetz (Hg.): Berg, Wittgenstein, Zuckerkandl. Zentralfiguren der Wiener Moderne. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2018.