VON OSTERPUTZ UND OSTERHASEN

Die Abbildungen dieses Beitrags basieren auf Originalen aus der Zeit um 1900 aus der Sammlung Easter greetings der New York Public Library.Die Abbildungen dieses Beitrags basieren auf Originalen aus der Zeit um 1900 aus der Sammlung „Easter greetings“ der New York Public Library.

Ein Fundstück aus dem Zeitungsarchiv: In der Osterausgabe des Jahres 1885 beschäftigte sich das Wochenblatt „Wiener Presse“ mit den im Haushalt üblichen Vorbereitungen für das Osterfest – und mit dem Osterhasen.

„Wien hat Ostertoilette gemacht! Die Feiertage haben ihren Einzug gehalten. Die lebensgefährliche Scheuerwoche ist Gott sei Dank zu Ende; der Winterstaub und Winterschmutz ist gründlich hinausgeräumt; vivat sequens! Dem Unbefangenen wenigstens musste es so scheinen, als ob die Hausfrauen nur auf den Beginn der Festwoche gewartet hätten, um den winterlichen Augiasstall zu reinigen. Wer immer in der sogenannten stillen Woche so unglücklich war, jemanden in dem sonst so traulichen Heim aufzusuchen, der stolperte über zusammengerollte Teppiche, schlug sich über pyramidenartig zusammengestellte Möbelstücke den Kopf wund; die Hausfrau bekam man gar nicht zu Gesicht, aus leicht begreiflichen Gründen, den Hausherrn aber fand man in Verzweiflung, denn der hatte in seiner ganzen Wohnung nicht einen Quadratfuß Raum, wo er hätte in Ruhe seinen Namen schreiben können.

Straßen und Plätze waren unsicher durch die diversen Kammer- und Küchengrazien, die in beträchtlicher Höhe mit Wasser und Wischlappen hantierten und jeden Augenblick Miene machten, dem harmlosen Spaziergänger auf die Nase zu fallen, was unangenehmer sein soll, als wenn sothane[1] Töchter des zweischwänzigen Löwen[2] einem glücklichen Sterblichen in die Arme sinken. Die Sicherheitswachmänner hatten sich in lauter Astronomen verwandelt; jeden Augenblick stolperte man über ein in die Höhe gerichtetes Auge des Gesetzes, welches, bewaffnet oder unbewaffnet, strengen Ausguck hielt, ob die leichtbeschwingten Vögel in den Fenstern auch mit dem polizeilich vorgeschriebenen Sicherheitsgürtel versehen sind. Es ist ein wahres Glück, dass die Herren Diebe und Einbrecher die anderweitigen Obliegenheiten der Männer der öffentlichen Ordnung in dieser Woche respektierten, sonst wäre es schlimm um uns bestellt gewesen.

Der schmutzigen Wäsche folgte dann eine andere schwere Sorge – die Sorge für den Magen. Man sollte gar nicht glauben, was so ein feiertäglicher Magen zur höheren Ehre Gottes in sich aufzunehmen vermag. Und darin lassen die Phäaken an der Donau ihren alten Ruf nicht spotten, wenn sie auch dann in die traurige Lage kommen, die vierzigtägige Fasten nach Ostern in einer zweiten, verschärften Auflage erscheinen zu lassen. (…)

Neben dem Osterlamm spielt auch der Osterhase eine große Rolle, denn der Osterhase legt die Ostereier. Wer von uns hat nicht schon die lieben Kleinen mit dem Osterhasen gequält und sich des Lichtes unserer aufgeklärten Zeit erfreut, wenn so ein kleiner Knirps uns (…) vordozierte, dass ein Hase nun und nimmer Eier legen kann, sintemalen er lebendige Junge zur Welt bringt. Nun, unsere Altvorderen (…) wussten gar wohl, dass der Hase keine Eier lege. Nichtsdestoweniger hat der Hase mit den ihm ‚untergeschobenen‘ Eiern seine richtige Bedeutung. Mit dem Frühling wird die Erde fruchtbar. Ihre Personifikation ist die wahrscheinlich von den Kelten stammende Nehalennia, die Göttin der Fruchtbarkeit; ihr Symbol sind die Eier, die, zum Zeichen der Freude über den zu erwartenden Segen, rot gefärbt werden; aber noch einmal soll die Fruchtbarkeit hervorgehoben werden, indem der Hase, das fruchtbarste Tier, sie gelegt haben muss. So sind in unseren Ostern altheidnische und christliche Vorstellungen bis zur Unkennbarkeit verquickt. Das tut aber dem fröhlichen Frühlingsfeste keinen Eintrag! Möge heller Sonnenschein über den Feiertagen walten und ein blauer Himmel auf frohe Menschenkinder herabschauen“.

Wiener Presse, 6.4.1885, S. 1. Gekürzte und der heutigen Orthografie angepasste Fassung des mit „Ostern!“ betitelten Originaltextes.

[1] sothan = solch

[2] Der zweischwänzige Löwe war das Wappentier Böhmens (und ist heute ein Teil des Wappens der Republik Tschechien). Die Formulierung „sothane Töchter des zweischwänzigen Löwen“ verweist darauf, dass viele in Wien beschäftigte weibliche Hausangestellte aus Böhmen stammten.