DIE FARBEN BARCELONAS

Lichteffekte in der Kathedrale Sagrada Família (Alle Fotos K. Holzer)Lichteffekte in der Kathedrale Sagrada Família (Alle Fotos K. Holzer)

Die Menschenmassen, die sich durch die Fußgängerzone  wälzen, besonders durch die Ramblas (von der Placa de Catalunya bis zum alten Hafen) lassen den Barcelona-Neuling  vorerst einmal auf die Hop-On-Hop-Off-Busse ausweichen. Diese fahren auf mehreren Routen durch die Stadt, gewähren vom Deck des Fahrzeugs aus ganz spezielle Ein- und Aussichten und vermitteln – via Kopfhörer – auch touristisch einiges Interessantes. An einem sonnigen Tag ist das ein ganz besonderes Erlebnis, die Stadt vom ersten Stock aus zu betrachten: Man sitzt und schaut und staunt, wird an den Sehenswürdigkeiten in den diversen Stadtvierteln vorbeigeführt, die später dann zu Fuß genauer erkundet werden könnten. Eine der ersten Stationen auf der Rundfahrt ist Barceloneta, früher ein altes Fischerdorf, nunmehr ein „Stilgewitter moderner Architektur“.


Der letzte Verteidiger dieses schläfrig-schäbigen Viertels war übrigens der Krimi-Autor Manuel Vázquez Montalbán, der – nachdem man die alten Häuser geschliffen hatte – aus lauter Trotz seinen Helden Carvalho nicht mehr in Barcelona ermitteln ließ, sondern in die weite Welt hinaus schickte. Wie auch immer, zum Schauen und Staunen gibt es in Barceloneta genug.


Natürlich führt die Bus-Route auch an der Sagrada Família vorbei, dem Bauwerk, das sein Schöpfer Antoni Gaudí nicht mehr vollenden konnte. Seine Pläne für die überdimensionierte Kathedrale liegen aber vor, und so gehen die Arbeiten an dieser gigantischen Baustelle weiter, so dass man hofft, das imposante Bauwerk bis 2026, also hundert Jahre nachdem sein Schöpfer 74jährig starb, vollenden zu können. Gaudís Kathedrale muss man auch von innen sehen. Das, was sich einem da bietet, kann durch Bilder nur sehr schwer vermittelt werden: der Altarraum, die Unzahl der Säulen und Treppen, die Fenster, durch die das Licht an den verschiedenen Tageszeiten die Kathedrale in jeweils andere Farbtöne taucht.


Gaudí baute aber nicht nur die Sagrada Família, er ließ seiner architektonischen Phantasie  auch im Park Güell freien Lauf.


Barcelona wird ganz stark durch den Jugendstil, der hier Modernisme heißt, geprägt. Einige der schönsten Wohnhäuser können auch besichtigt werden, so die Casa Milà, das letzte Wohnhaus, das Gaudí entwarf , im Volksmund La Pedrera – der Steinbruch – genannt. Und dann – viel privater und intimer – die Casa Lleo Morera, beide am Passeig de Gràcia.


Will man die Stadt von oben sehen, kann man mit einer Seilbahn hinauf auf den Montjuïc, den Mont Jovis – also den Jupiterberg – fahren und dann in einer abenteuerlichen Fahrt quer über die Stadt wieder hinab zum Hafen gleiten.


Die Altstadt Barcelonas, und da besonders das gotische Viertel, kann man wohl nur zu Fuß kennenlernen. Die kleinen Plätze vor den gotischen Kirchen haben eine ganz besondere Stimmung, es lohnt sich, dort eine Pause einzulegen. Die Bars und Restaurants bieten jede Menge kulinarischer Abwechslung. Dieses gotische Viertel entwickelt in der Nacht einen ganz besonderen Reiz. Manche Hotels bieten nächtliche Führungen an, bei denen einem das Historische und das Gegenwärtige ganz nahe gebracht werden, gruselig und unheimlich das eine, recht kritisch das andere.


Eine Möglichkeit, literarisch in das historische Barcelona einzutauchen, bietet Albert Sánchez Piñol in seinem Roman „Der Untergang Barcelonas“. Der Autor, ein katalanischer Anthropologe, taucht  lustvoll ins Geschehen hinein. Da wird gekämpft, intrigiert und gemordet, da dampft Pulver und krachen Kanonen, man erfährt einiges über die Zeit des spanischen Erbfolgekrieges. Und natürlich steht das alte Barcelona im Zentrum des Geschehens, hat doch der Ich-Erzähler bei der Schlacht um seine Heimatstadt sein halbes Gesicht verloren. Wie gesagt, Piñol ist nicht zimperlich in seinen Mitteln. „Das Barcelona vor 1714 erweckte den Eindruck, dass die Stadt von einem zügellosen, freisinnigen, verschwenderischen Chaos regiert wurde. Die Leute arbeiteten sich tot, und sie vergnügten sich zu Tode.“

Literatur:
Manuel Vázquez Montalbáns Barcelona-Krimis rund um den Detektiv Carvalho werden vom Wagenbach Verlag, Berlin, als Taschenbücher und als E-Books angeboten.
Der Roman „Der Untergang Barcelonas“ von Albert Sánchez Piñol ist im Verlag S. Fischer, Frankfurt, erschienen und auch als E-Book erhältlich.