VON STOCKWERK ZU STOCKWERK

Paternoster im Wiener Rathaus (Foto B. Denscher)Paternoster im Wiener Rathaus (Foto B. Denscher)

„Und so fahr‘ ich mit dem Paternoster aufi in den dritten Stock, vierten Stock, wieder mit dem Paternoster obi in den zweiten Stock, ersten Stock, wieder mit dem Paternoster aufi in den dritten Stock, vierten Stock, und nach allen diesen Laufereien, krieg‘ ich endlich meinen Schein.“ So besang der populäre Wiener Klavierhumorist Hermann Leopoldi in seinem 1957 publizierten Lied „Der Krankenkassenpatient“ die vielen Wege, die nötig sind, um im Haus der Krankenkasse jenes Büro zu finden, in dem man einen Zuweisungsschein für eine Zahnbehandlung erhält. Die im Lied – das rasch zum Schlager wurde – beschriebenen bürokratischen Hürden waren dem zeitgenössischen Publikum vermutlich vertraut – und auch den Paternoster kannten wohl viele. Der Umlaufaufzug (so der korrekte technische Fachbegriff) befand sich im Hauptgebäude der „Wiener Gebietskrankenkasse“ in der Wipplingerstraße 28.

Für Hermann Leopoldi und für Hans Haller, der den Text zum „Krankenkassenpatienten“ verfasst hatte, war das gleichmäßige, ununterbrochene – und damit scheinbar unentrinnbare – Auf und Ab des Paternosters auch ein ironisch gefasster Ausdruck für das Ausgeliefertsein an behördliche Willkür. Die Symboltauglichkeit des Paternosters wurde auch von anderen Autoren genutzt: So etwa von Hans Erich Nossack in der Miniatur „Paternoster“, von Heinrich Böll in der Satire „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ und von Günter Grass in dem Roman „Ein weites Feld“. Allerdings werden für künftige Lesende dazu vermutlich einige Erklärungen nötig sein, denn der Umlaufaufzug ist ein Auslaufmodell. Aufgrund der Verschärfung der Sicherheitsbestimmungen dürfen in vielen Ländern keine neuen Paternoster mehr eingebaut werden, und die bestehenden werden nach und nach außer Betrieb genommen. So es etwa sind von den mehr als vierzig Umlaufaufzügen, die es in Wien in den 1990er Jahren gab, mittlerweile nur noch sieben in Betrieb – dabei war Wien lange Zeit eine Art „Paternostermetropole“ gewesen.

Wie es dazu kam, dass der Ende des 19. Jahrhunderts in Großbritannien entwickelte „Cyclic Elevator“ gerade in Wien so beliebt wurde, erläutert der Historiker und Stadtforscher Peter Payer in seinem vor kurzem erschienenen Buch „Auf und Ab. Eine Kulturgeschichte des Aufzugs in Wien“. Neben vielen technischen und historischen Details liefert er dabei auch eine Erklärung dafür, warum der Umlaufaufzug in zahlreichen Sprachen „Paternoster“ genannt wird. Dies sei „abgeleitet vom katholischen Ritus des Rosenkranzbetens und der dabei verwendeten Zahlkette, die zehn kleine Kugeln für das Ave Maria sowie eine für das Vaterunser (lat. Paternoster) enthält.“

Aufzug aus dem Jahr 1911 in Wien-Margareten (Foto © Christian Tauss)

Aufzug aus dem Jahr 1911 in Wien-Margareten (Foto © Christian Tauss)

Payers klug und sorgfältig illustriertes Buch handelt aber durchaus nicht nur vom Paternoster, sondern ist eine interessante Geschichte der „vertikalen Transportmittel“. Zwar liegt der Schwerpunkt dabei auf der Entwicklung in Wien, doch werden auch viele internationale Fakten und Beispiele miteinbezogen. So etwa, wenn Payer davon erzählt, dass in der Aufzugsgeschichte zunächst die Beförderung von Waren im Mittelpunkt stand, bis dann ab den 1860er Jahren vor allem Hotels und Geschäftshäuser mehr und mehr Personenaufzüge installiert wurden: „Als der französische Ingenieur Léon Edoux auf der Pariser Weltausstellung 1867 erstmals einen Hydraulikaufzug präsentiere, war dies die Sensation schlechthin. Zwei Kabinen mit je 16 Passagieren wurden mit Hilfe von Wasserdruck in 21 Meter Höhe befördert. Kurz danach konnte Edoux die Fahrhöhe sogar auf 62 Meter steigern. Die Technik bewährte sich und wurde sogleich in einigen noblen Pariser Hotels installiert und auch in die USA exportiert. Dort, in New York, befanden sich schon bald zahlreiche ‚elevator buildings‘, wie die bis zu zehngeschoßigen Gebäude mittlerweile genannt wurden. Die Nachfrage hatte sich endgültig von den Waren- zu den Personenlifts verlagert.“

Wohl kaum bewusst ist man sich heutzutage der Tatsache, dass sich durch den Einbau von Aufzügen in Wohnhäusern das Prestige der einzelnen Stockwerke markant veränderte: Hatten zuvor die oberen Stockwerke wegen ihrer mühevollen Erreichbarkeit über viele Treppen einen nur sehr geringen Stellenwert, so wurden sie durch den Aufzug zum begehrten Wohnbereich, während die sogenannte Beletage (bei der es sich meist um den ersten Stock handelte) ihren Status als bevorzugtes Geschoß, das wohlhabenden Bewohnern vorbehalten war, verlor. „Bequemlichkeit, bisher ein Privileg der oberen Klassen, wurde demokratisiert“, schreibt dazu Peter Payer.

Aufzug in Wiener Wohnhaus (Foto © Christian Tauss)

Aufzug in Wiener Wohnhaus (Foto © Christian Tauss)

Mit einem Aufzug zu fahren – heute eine alltägliche Sache – war einst ein ganz besonderes Erlebnis, von dem etwa die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach im November 1887 in ihrem Tagebuch Notizen machte, und der Dramatiker Arthur Schnitzler berichtete im Dezember 1901 in einem Brief von seiner ersten Liftfahrt. Wenig begeistert vom Aufzugfahren hingegen gab sich der Schriftsteller Peter Altenberg: „Mir ist der Lift immer noch ein ‚Mysterium‘“, schrieb er in der 1906 publizierten Prosaskizze „Lift“. Vor allem irritierten Altenberg die Mitbenutzer der Aufzugskabine: „Gräßlich ist es, mit einem fremden Menschen hinaufzufahren. Man glaubt die Verpflichtung zu haben, ein Gespräch zu entrieren, und überlegt es sich krampfhaft von einem Stockwerke zum anderen. Es ist eine verlegene Spannung wie bei der Maturitätsprüfung. Das Gesicht nimmt einen starren glotzenden Ausdruck an. Endlich sagt man: ‚Ich empfehle mich!‘, mit einer Betonung, wie wenn man eine Freundschaft fürs Leben geschlossen hätte. Deshalb, um allen diesen Unannehmlichkeiten auszuweichen, komme ich immer erst um 6 Uhr morgens nach Hause. Da darf der Lift noch nicht funktionieren.“

Peter Payer: Auf und Ab. Eine Kulturgeschichte des Aufzugs in Wien. Brandstätter Verlag, Wien 2018.