OTTO WAGNER UND DIE WIENER STADTBAHN

Stadtbahnstation Schwedenplatz, um 1902 (später zerstört). Exponat aus der Otto Wagner-Ausstellung des Wien Museums, © Wien Museum.Stadtbahnstation Schwedenplatz, um 1902 (später zerstört). Exponat aus der Otto Wagner-Ausstellung des Wien Museums, © Wien Museum.

Wien feiert und feierte Otto Wagner. Heuer, 120 Jahre nach Eröffnung der Wiener Stadtbahn, und auch schon damals. So schrieb der Schriftsteller und Journalist Ludwig Hevesi 1899, dass Otto Wagner den Wienern die Baukunst verständlich gemacht habe, dass sie sich an der Stadtbahn nicht sattsehen konnten, und Hevesi konstatierte: „Die Stadtbahnbrücke über die Wienzeile hat die Einwohner der westlichen Bezirke zu ‚Wagnerianern‘ gemacht!“ Das zitiert Andreas Nierhaus in seinem Aufsatz „Architektur der Beschleunigung“ in dem Buch „Otto Wagner. Die Wiener Stadtbahn“. Der Kunsthistoriker Nierhaus ist Kurator der Architektursammlung des Wien Museums und somit sowohl Ko-Kurator der Otto-Wagner-Ausstellung dort, als auch Mitautor des gewichtigen Ausstellungsbuches.

Station Stadtpark, Foto © Nora Schoeller (a.d. Band „Otto Wagner. Die Wiener Stadtbahn“, Hatje Cantz Verlag).

Station Stadtpark, Foto © Nora Schoeller (a.d. Band „Otto Wagner. Die Wiener Stadtbahn“, Hatje Cantz Verlag).

Die Idee, ein Buch zum Thema „Otto Wagner. Die Wiener Stadtbahn“ zu machen, begeisterte allerdings im fernen Berlin. Der dort ansässige Hatje Cantz Verlag hat schon einige Bücher zu Wiener Architekturthemen herausgebracht, so etwa eines über die Wiener Secession und ein anderes über die Wiener Ringstraße. Alfred Fogarassy, der Herausgeber des letzteren, fungiert als solcher nun auch beim Otto Wagner-Buch, dessen Ziel es ist, die Einzigartigkeit der Stadtbahn darzustellen, denn: „Wagners Verkehrsbauwerk ist (…) ein selbstverständlicher Bestandteil des Wiener Alltagslebens – so selbstverständlich, dass man seine Einzigartigkeit immer wieder in Erinnerung rufen muss.“ Das ist voll und ganz gelungen: Sowohl die einzelnen Aufsätze als auch die den Baufortschritt dokumentierenden historischen Fotografien bringen immens viel von der damaligen Aufbruchsstimmung in unsere Tage. Der Architekt Hermann Czech eröffnet, macht einem mit seinen Überlegungen gleich einmal klar, dass Genialität immer eigene Wege geht: „Die durchgehende Führung in der zweiten Ebene war, gemessen an heutigen Verhältnissen, mehr ein theoretischer Programmpunkt als eine Forderung der Praxis. Für den Praktiker heutigen Zuschnitts hätte dieser Bau die Irrationalität eines Doms gehabt.“ Czech schreibt über das planerische Gesamtkunstwerk Otto Wagners, das Stadtbahnbau, Gürtelstraße, Wienfluss- und Donaukanalregulierung umfasste, vom „Adel seiner Vision“. Czech erinnert aber auch an die Irrungen und Wirrungen der Wiener Stadtplanung in den 1960er und 1970er-Jahren und meint, dass sich letztlich zwar keine Irrwege ergeben hätten, von stilistischer Vollendung aber auch keine Rede sein könne.

Wienflussüberquerung der Donaukanallinie, Foto © Nora Schoeller (a.d. Band „Otto Wagner. Die Wiener Stadtbahn“, Hatje Cantz Verlag).

Wienflussüberquerung der Donaukanallinie, Foto © Nora Schoeller (a.d. Band „Otto Wagner. Die Wiener Stadtbahn“, Hatje Cantz Verlag).

Andreas Nierhaus zeigt in seinem Aufsatz „Architektur der Beschleunigung“, wie Wagner es schaffte, vom Berater zum alles umfassenden Gestalter zu werden, wie er in den Jahren der Stadtbahnplanung die Grundlagen einer neuen, zeitgemäßen Baukunst entwickelte, und er weist besonders darauf hin, wie Otto Wagner Material und Konstruktion sichtbar machte. Johann Hödl, auch Koordinator von Kunstprojekten in der Wiener U-Bahn, schreibt über „Die Stadtbahn im Kontext der Wiener Verkehrsgeschichte“ und hält darin unter anderem fest, dass Wagner – wie übrigens auch später Roland Rainer – kein Freund einer U-Bahn war. Der Historiker Georg Riegele behandelt in einer Rehabilitierung die politischen Aspekte des Stadtbahnbaus, er weiß, dass Bürgermeister Lueger den Ausbau der Stadtbahn eher bremste als förderte, und, was jetzt noch immer lustvoll genossen werden kann: „Otto Wagners Stiegenhäuser, bzw. deren Treppen und Stufen, sind von einer Großzügigkeit und Bequemlichkeit, wie sei bei keinem späteren Wiener Verkehrsbauwerk je erreicht wurde.“ Der Kunsthistoriker und Harvard-Professor Joseph Leo Koerner schreibt über die „Stelle“ in der unbegrenzten Großstadt. Diese „Stellen“ sollten an den Kreuzungspunkten zwischen tangentialen Ringstraßen und radialen Hauptverkehrsadern „besondere Knotenpunkte menschlicher und infrastruktureller Dichte“ bilden und Folgendes umfassen: eine Stadtbahnstation, weitere Haltestellen, ein Materialdepot, Versorgungsstützpunkte für Wasser, Müllabfuhr, Gas und Strom – „und nicht zuletzt eine von Gärten umgebene Leichenhalle. Wagner ging davon aus, dass seine Stadtbahn die Leichen Wiens aus den Bezirken zum Zentralfriedhof befördern würde.“ Letztlich baute Otto Wagner keine einzige dieser von ihm geplanten Stellen. So assoziiert man die in der Ausstellung im Wien-Museum zitierte Loos-Aussage: „Man könnte vor Wut weinen, dass so viele der herrlichen Gedanken Otto Wagners nie zur Ausführung kamen.“

Bau der Stadtbahn-Pavillons am Wiener Karlsplatz, 25.April 1899, Foto Friedrich Strauß (a.d. Band „Otto Wagner. Die Wiener Stadtbahn“, Hatje Cantz Verlag).

Bau der Stadtbahn-Pavillons am Wiener Karlsplatz, 25.April 1899, Foto Friedrich Strauß (a.d. Band „Otto Wagner. Die Wiener Stadtbahn“, Hatje Cantz Verlag).

Den theoretischen Aufsätzen folgt ein detaillierter Überblick über „Die Linien der Wiener Stadtbahn“, Vororte-, Gürtel-, Wiental- und Donaukanallinie werden sowohl in ihrer Gesamtheit als auch von Station zu Station beschrieben. Im Zuge dieser Beschreibung erfährt man – an entsprechender Stelle – interessante Einzelheiten: unter anderem einiges über die gusseisernen Säulen, dass Wagner die riesigen Bahnhofshallen ablehnte und ein Perronsystem vorzog, über die Geschäfte und Werkstätten in den Stadtbahnbögen und dass die Gesamtbaukosten 138 Millionen Kronen ausgemacht hatten, was den vergleichbaren heutigen Betrag von 1,4 Milliarden Euro ausmacht. Keine geringe Faszination geht von den historischen Fotos aus, in denen man sich erst mit der Zeit zurechtfindet, so fremd scheinen die lokalen Verhältnisse von damals. Kühle Schönheit strahlen die Fotos aus, die Nora Schoeller in unseren Tagen gemacht hat.

Cover des zur Ausstellung im Wien Museum erschienenen Buches (links) und Cover des Bandes „Otto Wagner. Die Wiener Stadtbahn“ (rechts).

Cover des zur Ausstellung im Wien Museum erschienenen Buches (links) und Cover des Bandes „Otto Wagner. Die Wiener Stadtbahn“ (rechts).

Alfred Fogarassy (Hg.): Otto Wagner. Die Wiener Stadtbahn. Hatje Cantz Verlag, Berlin 2017.
Die Otto Wagner-Ausstellung im Wien Museum kann bis 7. Oktober 2018 täglich außer montags besichtigt werden. Das Buch zur Ausstellung – Andreas Nierhaus u. Eva-Maria Orosz (Hg.): Otto Wagner – ist im Residenz Verlag, Wien und Salzburg 2018, erschienen.