DIE MONSTER VON BOMARZO

Der Drache des „Sacro Bosco“. Alle Fotos © B. DenscherDer Drache des „Sacro Bosco“. Alle Fotos © B. Denscher

Ein mit Löwen kämpfender Drache, ein weit das Maul aufreißender Wal, eine riesenhafte Schildkröte, ein Pegasus, ein dreiköpfiger Zerberus, Sphinxe, Giganten und zahlreiche andere bizarre Figuren bevölkern den „Sacro Bosco“. Dieser „Heilige Wald“, der oft auch – durchaus passend – „Parco dei Mostri“, „Park der Ungeheuer“, genannt wird, ist ein verwunschen wirkendes Wäldchen unweit der kleinen Stadt Bomarzo, rund achtzig Kilometer nördlich von Rom. Der im 16. Jahrhundert entstandene Skulpturenhain ist ein groteskes Kunstwerk, das in seiner Symbolik und seinen mythologischen und historischen Bezügen bis heute viele Rätsel aufgibt.

Nahe dem Eingang zum „Park der Ungeheuer“ befindet sich dieser Kopf des Meeresgottes Glaukos.

Nahe dem Eingang zum „Park der Ungeheuer“ befindet sich dieser Kopf des Meeresgottes Glaukos.

Es war Vicino Orsini (1523–1585), Spross einer einflussreichen römischen Adelsfamilie, der den „Sacro Bosco“ anlegen ließ. Orsini war eine schillernde Persönlichkeit (was später dann den argentinischen Schriftsteller Manuel Mujica Láinez zu dem 1962 erschienenen Roman „Bomarzo“ inspirieren sollte). In seiner intellektuellen Haltung war Orsini einerseits beeinflusst vom liberalen Geist Venedigs, wo er einige Zeit zugebracht und enge Kontakte zu Dichtern und Philosophen geknüpft hatte – und andererseits geprägt von jenen Erfahrungen, die er im politischen Umfeld des Papstes machte. Denn dort herrschten Machtgier, Intrigen und Nepotismus, was für Orsini derart abstoßend war, dass sich der knapp über Dreißigjährige desillusioniert in seinen ererbten Palazzo in Bomarzo zurückzog.

Der Palazzo Orsini

Der Palazzo Orsini

Der „Sacro Bosco“ liegt in einem Tal unterhalb des auf einem Hügel errichteten Palazzo Orsini. Die Gestaltung des Parks begann in den 1550er Jahren, und bis in die 1580er wurde die Anlage immer wieder erweitert und verändert. Vicino Orsini war bis zu seinem Lebensende intensiv damit beschäftigt – nirgendwo sonst habe er sich wohlgefühlt, notierte er wenige Jahre vor seinem Tod sinngemäß in seinem Tagebuch: „Et nun mi resta altro refrigerio, che non il mio boschetto“.
Bis heute ist sich die Fachwelt nicht darin einig, wer die Architekten, Bildhauer und Steinmetze waren, die Orsinis Ideen in diesem Kunst- und Wundergarten umsetzten. Fest steht, dass die Anlage mit ihren grotesken, irritierenden und oft aller logischen Ordnung widersprechenden Elementen eines der bedeutendsten Beispiele für die Stilrichtung des Manierismus ist.

Das Schiefe Haus

Das Schiefe Haus

Zu den Kuriositäten im Park des Fürsten Orsini gehört die „Casa Pendente“, das „Schiefe Haus“, das, von außen gesehen, nach hinten kippt und in dem alle Wände und alle Böden schief sind, was beim Besuch im Inneren des Gebäudes unweigerlich den Gleichgewichtssinn verwirrt und Schwindelgefühle hervorruft. Diese Reaktion ist beabsichtigt – denn in einem derartigen Zustand ließe sich, so meinte Vicino Orsini, der sonderbare Garten am besten ergründen.

Der Gott Neptun

Der Gott Neptun

Die Vorherrschaft des Exzentrischen, Fantastischen und Geheimnisvollen im „Sacro Bosco“ war eine Rebellion gegen allen nüchternen Rationalismus. Mit der Betonung vorchristlicher Symbole und den Skulpturen antiker Gottheiten wollte Vicino Orsini, so wird es vielfach interpretiert, auch seine Abkehr vom römischen Papsttum deutlich machen. Vor allem aber ging es ihm darum, die Besucher des Parks in Staunen und Verwunderung zu versetzen. Darauf verweisen auch die Inschriften, die er an zahlreichen Skulpturen anbringen ließ – so etwa an der sogenannten „Etruskischen Bank“: „Voi che pel mondo gite errando vaghi / di veder maraviglie alte et stupende / venite qua dove son faccie horrende / elefanti, leoni, orsi, orchi et draghi“ – „Ihr, die ihr durch die Welt irrt, begierig / große und staunenswerte Wunder zu sehen, / kommt hierher, wo es schaurige Gesichter gibt, / Elefanten, Löwen, Bären, Orken [Götter der Unterwelt] und Drachen“.

Die Etruskische Bank. Die Benennung ist ein Verweis darauf, dass die Stadt Bomarzo auf eine etruskische Ansiedlung zurückgeht.

Die Etruskische Bank. Die Benennung ist ein Verweis darauf, dass die Stadt Bomarzo auf eine etruskische Ansiedlung zurückgeht.

Nach dem Tod von Vicino Orsini geriet der Park in Vergessenheit, die Skulpturen wurden von Pflanzen überwuchert, die Anlage verwilderte. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der „Sacro Bosco“ wiederentdeckt. Zu den ersten prominenten Besuchern zählten der Maler Salvador Dalí, den die Anlage mit ihren monströsen Skulpturen ebenso inspirierte wie den Schriftsteller André Breton. Beide empfanden die Gestaltung des Parks und die Skulpturen als Vorläufer ihrer eigenen surrealistischen Kunst. Wie der „Sacro Bosco“ zu jener Zeit aussah, zeigt die 1950 von Michelangelo Antonioni gedrehte, knapp zehn Minuten lange Dokumentation „La villa dei mostri“ (im Internet zu finden).
Auch die Bildhauerin und Malerin Niki de Saint Phalle besuchte Bomarzo und bekannte, dass „das Träumerische der Gärten“ auf ihr Werk „abgefärbt“ habe, und der Schriftsteller Günter Kunert gab einem 1978 erschienenen Band von Reisegedichten den Titel „Verlangen nach Bomarzo“.

Der Orkus, durch dessen Schlund gemäß der römischen Mythologie der Weg in die Unterwelt führt.

Der Orkus, durch dessen Schlund gemäß der römischen Mythologie der Weg in die Unterwelt führt.

„Der Heilige Wald von Bomarzo ist ein ausgeklügeltes Wahnsystem im besten Sinne des Wortes. Nach dem Willen seines Schöpfers Vicino Orsini vereinigt es die Weisheit der ganzen Welt und kann also wirklich mit ‚nur sich selbst und nichts anderem‘ verglichen werden, ein Anspruch, der gleichsam zwangsläufig darauf hinausläuft, dass sich an diesem Ort Weisheit und Wahnsinn kongenial vereinen.“ Das schreibt die Wiener Kunsthistorikerin Renate Vergeiner in der Einleitung zu ihrem Buch „Bomarzo. Ein Garten gegen Gott und die Welt“. Der reich bebilderte Band, erschienen 2017 im Birkhäuser Verlag, ist eine detailreiche Studie über den „Sacro Bosco“ und dessen Schöpfer und kann als Standardwerk zum Thema empfohlen werden.

Kampf der Giganten

Kampf der Giganten

Informationen zur Lage des Parks, zu den Öffnungszeiten und den diversen touristischen Einrichtungen finden sich auf der Website des „Sacro Bosco“.