KUNSTHALLE MANNHEIM: ÜBERRASCHENDE KONSTELLATIONEN

Alle Fotos © B. Denscher

Mannheim wird oft als „die Quadratestadt“ bezeichnet. Denn das historische Zentrum ist schachbrettartig angelegt, mit blockförmiger Bebauung und parallelen, einander rechtwinkelig kreuzenden Straßenzügen. Diese aus dem 17. Jahrhundert stammende Struktur wurde nun in ein Mannheimer Architekturprojekt des 21. Jahrhunderts übernommen – nämlich in den Erweiterungsbau der Kunsthalle. Auch dieser basiert auf einem streng geometrischen Konzept: Sieben sogenannte „Ausstellungshäuser“, bei denen es sich um untereinander durch „Gassen“, „Brücken“ und „Terrassen“ verbundene Gebäudeblöcke handelt, sind um einen „Marktplatz“ – das Atrium – angeordnet und bilden so eine „Kunst-Stadt in der Stadt“. Verbunden ist der Erweiterungsbau mit jenem Jugendstilgebäude aus braunrotem Sandstein, das 1907 (zum 300-Jahre Stadtjubiläum von Mannheim) errichtet worden war.

Der Architekt des neuen Erweiterungsbaus der Mannheimer Kunsthalle ist Nikolaus Goetze vom Hamburger Architekturbüro gmp (Gerkan, Marg und Partner). Von außen besehen ist das spektakulärste Gestaltungselement das vorhangartige Kleid aus bronziertem Edelstahl, von dem die gesamte Fassade umhüllt ist. Im Inneren führte Goetze das dominierende geometrische Prinzip weiter und untergliederte den Bau in unterschiedlich große Kuben: „Sobald die Besucher aus diesen Ausstellungs-Kuben hervortreten, erhalten sie immer wieder einen Blick auf die Stadt. So entsteht ein Wechselspiel zwischen der Kunst, die in den geschlossenen Kuben ausgestellt wird und der Stadt, die von den zwischen den Ausstellungsbereichen befindlichen gläsernen Foyers erfahrbar ist“, so Nikolaus Goetze.

Gekostet hat das in rund dreijähriger Bauzeit fertiggestellte Projekt 68,3 Millionen Euro, womit das vorgegebene Budget eingehalten wurde. Insgesamt war die Finanzierung kaum Thema größerer Debatten – denn immerhin konnte man auf eine private Spende von 50 Millionen Euro zurückgreifen, zur Verfügung gestellt vom Mitbegründer des Softwareunternehmens SAP, Hans-Werner Hector. Wesentlich mehr Diskussionen gab es über die Frage „Sanierung oder Neubau“. Denn durchaus nicht alle Mannheimerinnen und Mannheimer waren damit einverstanden gewesen, dass der Vorgängerbau, errichtet in den 1980er Jahren, abgerissen werden sollte. Allerdings war das Gebäude, das über einem Kriegsbunker errichtet worden war, in einem baulich schlechten Zustand und entsprach nicht den modernen museumstechnischen Anforderungen, weshalb schließlich von der „Stiftung Kunsthalle Mannheim“ zugunsten eines neuen, zeitgemäßen Baus entschieden wurde.

Das Zentrum der Kunsthalle ist das Atrium, ein imposanter, 22 Meter hoher Raum von rund 700 Quadratmetern Größe. An einer Wand ist ein monumentales Bleirelief von Anselm Kiefer angebracht, und von der Objektkünstlerin Alicja Kwade stammt jene übergroße Uhr, die, mit einem mächtigen Steinbrocken als Gegengewicht, beständig über den Köpfen der Besucherinnen und Besucher kreist. Diese können sich an der großen „Collection Wall“ genauer über die Schätze des Hauses informieren. An der über Gesten steuerbaren Wall können Details zu mehr als eintausend Kunstwerken abgerufen und am eigenen Smartphone gespeichert werden. Zur „digitalen Strategie“ des Hauses gehören unter anderem auch eine Multimedia App, ein interaktiver elektronischer Grafiktisch und die Möglichkeit, sich über ein „Creative Lab“ einen individuellen Museumskatalog zu erstellen. „Für das Publikum der Zukunft, das ein jüngeres, dynamisches Publikum sein wird, nutzen wir neue Kommunikationskanäle, um Kontakt aufzunehmen und anhaltendes Interesse zu erzeugen. Mittels digitaler Instrumente, die systematisch ineinandergreifen, wollen wir Wahrnehmung schärfen, Achtsamkeit entwickeln, Kreativität entzünden“, betont die Direktorin der Kunsthalle Ulrike Lorenz.

Insgesamt beherbergt die Kunsthalle Mannheim rund 2.000 Gemälde, 800 Skulpturen, 30.000 Grafiken und 800 Arbeiten aus dem Bereich der Werkkunst. Noch ist nicht alles digitalisiert, und natürlich ist nur ein Teil der Sammlung (die Werke von Käthe Kollwitz bis Francis Bacon, von Auguste Rodin bis Constantin Brâncuși, von Ernst Barlach bis Henry Moore und von vielen anderen umfasst) aktuell ausgestellt. Aber: „Wir hängen nicht für die Ewigkeit“, betont Museumsdirektorin Ulrike Lorenz. Und daher gibt es keine „Dauerausstellung“ im traditionellen Sinn, sondern die Präsentation der Bestände wird möglichst oft („ein bis zwei Mal pro Jahr“) verändert und erneuert – und durch Sonderausstellungen ergänzt.

Überraschende Konstellationen zu schaffen ist das Grundprinzip der Sammlungspräsentation. Soll heißen: Werke unterschiedlicher Epochen werden einander gegenübergestellt und damit in ein Spanungsfeld gebracht, aus dem sich neue und unkonventionelle Sichtweisen ergeben. So etwa ist Kubus 6 ausschließlich zwei Werken gewidmet: dem monumentalen, dreiteiligen Berg-Wolken-Panorama „Essence – Eksistence“ von Anselm Kiefer und dem kleinen Gemälde „Abend“ von Caspar David Friedrich.

In Kubus 3 ist das wohl berühmteste Werk der Sammlung zu finden, nämlich Édouard Manets „Die Erschießung Kaiser Maximilians“. Ihm gegenüber ist die raumgreifende Sitzskulptur „Arena“ der Installationskünstlerin Rita McBride wie eine Art Zuschauertribüne platziert. Ziel ist es, so Ulrike Lorenz (die auf der Tribüne Platz genommen hat), Manets historisches Ereignisbild „nutzbar für unsere eigene Gegenwart“ zu machen: „Durch McBrides Installation verändern wir den Blickwinkel auf Manet, plötzlich wird man zum Gegenüber der Voyeure hinter der Friedhofsmauer, die ihrerseits Zeugen werden eines historischen Moments. Wir versuchen damit, dieses Bild wieder ins Gespräch zu bringen.“ Die Konstellation Manet – McBride werde wohl mancherorts für Kritik sorgen, so Ulrike Lorenz, aber, so meint sie: „Das können wir aushalten. Denn wir sind nicht die Nationalgalerie, wir sind kein Tempel der Kunst, wir sind ein Ort für Debatten.“

Jene extreme Reduktion, die in Kubus 3 und Kubus 6 vorherrscht, wird in ein paar Räume weiter von überbordender Ästhetik abgelöst: Kubus 5 ist für die Werkkunst bestimmt, also für jene umfangreiche Sammlung angewandter Kunst, die bisher noch nie in größerem Umfang zu sehen war. Derzeit sind in den vom Designer Axel Kufus entworfenen Regalen 260 Keramikobjekte ausgestellt.

Kubus 8 beherbergt das Schaudepot, das einen Querschnitt durch den Gesamtbestand der Kunsthalle gibt und die Vielfalt der Sammlung deutlich macht. Hier sind Werke aus allen Epochen und allen Genres so wie im eigentlichen Depot neben-, über- und untereinander platziert, international Bekanntes findet sich da ebenso wie Arbeiten regionaler Künstlerinnen und Künstler, und man zeigt auch Werke, die restauriert werden müssen (und für die man auf die Finanzierung durch Bildpatenschaften hofft).

Zur Eröffnung des Neubaus zeigt die Kunsthalle Mannheim eine große Sonderausstellung mit Werken des kanadischen Fotokünstlers Jeff Wall, sowie, im Jugendstilbau, drei Präsentationen, deren Motto „Erinnern und Wiederentdecken“ lautet. Im Mittelpunkt steht dabei die Geschichte des Hauses, in dem übrigens ein kunsthistorischer Begriff geprägt wurde: Denn die 1925 hier gezeigte Ausstellung „Die Neue Sachlichkeit“ gab einer ganzen Stilrichtung ihren Namen.

Alle Informationen über die Kunsthalle Mannheim, zur Geschichte des Hauses, zum Neubau, zur Sammlung und zu aktuellen Ausstellungen finden sich auf der Website der Kunsthalle.