„EIN ALTES, ECHT ENGLISCHES VERGNÜGEN“

„A company at football“ (Aus: John Ashton, Chap-Books of the Eighteenth Century, London 1882)„A company at football“ (Aus: John Ashton, Chap-Books of the Eighteenth Century, London 1882)

Aus der Sportgeschichte ist zu erfahren, dass es schon vor mehr als 2000 Jahren in China ein dem Fußball ähnliches Spiel – Cuju genannt – gegeben hatte. Auch bei den präkolumbianischen Kulturen Mittelamerikas sind derartige Spiele nachweisbar, und in Europa waren spätestens ab dem Mittelalter Mannschaftskämpfe beliebt, bei denen es um Ballbeherrschung durch entsprechende Fußtechnik ging.

Der Ursprung des modernen Fußballsports aber liegt – darin ist man sich in Fach- und Fankreisen einig – in England. Dort formierten sich Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem im militärischen Bereich sowie an Schulen und Colleges die ersten Fußballmannschaften. 1848 wurden an der Universität Cambridge die ersten Fußballregeln formuliert, die als „Cambridge Rules“ in die Sportgeschichte eingingen und die Basis für das heute gültige Regelwerk bildeten.

Es sollte noch ein paar Jahrzehnte dauern, bis sich Fußball als die europaweit (und dann auch international) populärste Breitensportart durchgesetzt hatte. 1879 wurde der erste Schweizer Fußballverein gegründet, der „FC St. Gallen“ (der damit der älteste noch bestehende Fußballverein auf dem europäischen Festland ist). 1888 folgte mit dem „Berliner Fußball-Club Germania“ der erste deutsche Verein, 1894 mit dem „First Vienna Football-Club“ (bald nur kurz „die Vienna“ genannt) der erste österreichische.

Match der Old Etonians gegen die Blackburn Rovers (um 1870)

Match der Old Etonians gegen die Blackburn Rovers (um 1870)

Das Interesse an der „neuen“ Sportart war groß. Schon als der Fußballboom in England einsetzte, lieferten die Zeitungen entsprechende Informationen. So etwa widmete die „Wiener Zeitung“ im September 1852 dem, wie es im Übertitel hieß, „Englischen Nationalspiel“ einen eigenen Artikel, den man aus der „Kölnischen Zeitung“ übernommen hatte:

„Fußball ist ein altes, echt englisches Vergnügen und wird jetzt namentlich auch von den Soldaten in ihren Mußestunden häufig gespielt. Man bedient sich zum Spiele einer Ochsenblase, welche mit weichem, jedoch starken Leder wohl überzogen ist; diese wird aufgeblasen und auf das sorgfältigste zugenäht, sodass die Luft nicht entweichen kann und die Blase ihr volle Elastizität behält. Ein solcher Ball wird zwischen zwei Parteien, die ganz ähnlich wie beim Shinty[1] aufgestellt sind, hoch in die Luft geworfen, und das Bestreben jeder Partei ist nun, denselben über die im Rücken des Gegners befindliche Spielgrenze zu bringen; denn, wenn dieses gelungen, so ist das Spiel gewonnen.

Wie schon der Name andeutet, darf der Ball nur mit dem Fuße geschleudert werden, und es ist höchst überraschend, zu welcher Fertigkeit es selbst ganz junge Knaben im Spiele bringen; denn es kommt hier viel mehr auf Geschicklichkeit als auf physische Kräfte an. Fußball bietet fast alle Vorteile des Shinty, ohne die harschen Seiten desselben zu teilen; es ist ein Spiel höchst gemütlicher Natur, welches zu gleicher Zeit den Muskelbau der Spielenden ausbildet und ihre Gewandtheit und Schnelligkeit befördert.

Fußballmatch in England, um 1890

Fußballmatch in England (um 1890)

Es kann allerdings nur an schönen, ruhigen Tagen gespielt werden, aber dann ist es auch ein Hauptvergnügen und die Unterhaltung, welche es gewährt, nicht gewöhnlicher Art; und wer an einem heiteren Sommer-Nachmittage auf dem Gemeindeplatze in Greenwich oder im Hydepark von London die Soldaten im Fußballspiele beobachtet hat, wird mir beipflichten, dass das Spiel wohl verdiente, in deutsche Kasernen und Kadettenhäuser eingeführt zu werden; es zeigt sich da eine Lebendigkeit und eine Gewandtheit der Bewegung und eine Elastizität im Gange, als nur durch derlei Übungen gewonnen werden können. Ein jeder fühlt sich geistig erfrischt und körperlich gestärkt, ohne im Geringsten ermüdet zu sein. Es wird dieses Spiel auch namentlich noch auf der schottischen Grenze gespielt, wo alljährlich größere Wettkämpfe stattfinden; und es ist ein schöner Anblick, hier den leichtfüßigen Schäfer mit dem kräftigen Pflugmann um die Ehre des Tages streiten zu sehen – Gesundheit und Vergnügen strahlt aus jedem Antlitze.“

Wiener Zeitung, 25.9.1852 (Abendblatt). Der Originaltext wurde der heutigen Orthografie angepasst.

[1] Shinty ist eine Sportart keltischen Ursprungs, die v.a. in Schottland betrieben wird und als Vorform des Hockeys gilt.