SCHRITT FÜR SCHRITT

Ausschnitt aus dem Plakat „Salamander“ von Ernst Deutsch-Dryden, 1912Ausschnitt aus dem Plakat „Salamander“ von Ernst Deutsch-Dryden, 1912

Da haben sich in jüngster Zeit Bücher angesammelt, in denen es mehr oder weniger darum geht, wie man sich in der Stadt und in der Natur mit klarem Kopf – oder wie auch sonst immer – mehr oder weniger flanierend weiterbewegt. Die Herangehensweise schwankt zwischen lebenshelfendem Zureden, knappen literarischen Stadtstücken, einer Erzählung über eine einzige Stadt und einem Reiseführer in hundert Städte.

Vor rund zwei Jahren wurde in England das „Department Store for the Mind“ gegründet, „ein Ort, an dem wir unsere inneren Welten erkunden können“, und das Buch „Walking in the Rain“, das nun auch in deutschsprachiger Übersetzung vorliegt, ist ein erster literarischer Output, eine erste „Anweisung zum Erkunden innerer Welten“. In den einzelnen Kapiteln geht es immer um das Fortbewegen, um „Essen, Schlafen, Gehen“, wo die Unerlässlichkeit des tagtäglichen Wanderns behandelt wird, um „Seite an Seite“, in dem man angeleitet wird, Gespräche in Bewegung zu führen. Das Kapitel „Stadtspaziergang“ verfasste Clare Berry, die Gründerin von „Urban Curiosity“, einem Projekt, das gestresste Menschen dabei unterstützt, sich zu entschleunigen. Clare Berry lehrt „Gelassenheit im Chaos“ zu bewahren und lädt einen ein, „das Trödeln wiederzuentdecken“. Sie fordert einen auf, dort zu verweilen, wo man gerade ist, denn „Inspiration findet sich überall, wenn man sich genug Zeit lässt“. Der Gedanke des Trödelns wird in einem Reisetagebuch mit dem Titel „Trödeln und Kritzeln“ wieder aufgenommen. Natürlich kann man beim Gehen auch arbeiten, Familiendynamiken heilen, seine Ängste spazieren führen und neue Perspektiven zu Fuß eröffnen. Das Buch „Walking in the Rain“ ist überdies sehr schön gemacht, fein illustriert, Merksätze nehmen oft eine ganze Seite ein, all das, was sich aus den einzelnen Kapiteln an Denkanstößen ergibt, wird am Ende noch einmal zusammengefasst.

Buchcover

Bastian Schneider fiel vor einiger Zeit mit seinem Buch „Winterschlaf der Zugvögel“ auf. Beim Bachmann-Preis 2016 wurden seine Texte von einer Jurorin als „literarisches Stillleben“ bezeichnet. Schneider beobachtet genau, um das Beobachtete dann weiter zu spinnen, ohne dabei aber auszuufern. Nun sind über einhundert seiner „Stadtstücke“ – Momentaufnahmen aus dem städtischen Alltag – unter dem Titel „Die Schrift, die Mitte, der Trost“ in Buchform erschienen. „Schriftstück“ heißt das erste Stadtstück, nicht immer muss die Kombination mit „-stück“ ein gebräuchliches Wort ergeben, oft denkt man dann schon allein über den Titel nach, wenn nach Schriftstück und Frühstück auf einmal ein Versteckstück folgt. Das sind Wörter, die sich der Erzähler auf den Handrücken notiert hat und die im Verlauf der Tage verschwinden. Orte des Geschehens sind sehr oft Kaffeehäuser, in Schaufenstern sieht er, was er dann gleich wieder zu einem Stück verarbeitet (– der Blick in das Schaufenster eines Spielwarenladens wird zu einem „Erziehungsstück“).

In Leander Steinkopfs Buch „Stadt der Feen und Wünsche“ lernt man ein ganz eigenartiges Berlin kennen, dem sich der Erzähler flanierend annähert. Doch diese Annäherung will nie so recht klappen. Er berichtet viel darüber, was er alles nicht mehr machen will und schon gar nicht mehr sehen kann. Aber dazwischen ist dieses fortwährende Bemühen zu spüren, dieser Stadt doch noch etwas abzugewinnen – und sei es an den merkwürdigsten Schauplätzen. Es gelingen ihm dabei Formulierungen, in die man sich voll und ganz hineinfallen lassen kann, die man eins zu eins miterleben will: „Der frühe Morgen ist so hartkantig, weil er noch unbenutzt ist. Vom Café aus kann ich zuschauen, wie er von der Geschäftigkeit weich geschliffen wird, während ich für mich selbst den Beginn des Tages immer weiter hinausschiebe.“ Steinkopf bedient mit seinem Flanieren alle Sinne, wenn er einen Springbrunnen bis neun Uhr abends rauschen lässt – und dann: „Dann bricht die Wassersäule krachend in sich zusammen, und die Gespräche der Menschen schwappen über den Park.“

Buchcover

Wenn im Klappentext zu „Hektopolis“ steht, dass der in Polen geborene Journalist und Buchautor Wojciech Czaja ein leidenschaftlicher Philopol ist, dann könnte man daraus die Liebe zu Polen, aber doch auch zur „polis“, der Stadt, ableiten. Und um Letzteres geht es in diesem Reiseführer, hundert Städte beschreibt Czaja darin, jeweils in zweiseitigen Momentaufnahmen, die – trotz des knappen Umfangs – sehr viel über die betreffende Stadt aussagen. Wie immer bei solchen Führern wird man vielleicht zuerst die Städte heraussuchen, die man kennt. Und bei diesen Beschreibungen herausfinden, ob und wie weit man auf derselben Wellenlänge ist. Ich bin auf dieser Wellenlänge. Faszinierend ist – neben der inhaltlichen Übereinstimmung – die Fähigkeit des Autors, in zwei Seiten Treffendes, Passendes, Genaues auszusagen. Und so sehr das alles „eingedampft“ ist, kein unnötiges Wort verloren wird, hat man doch auch das Gefühl des Verweilens und Trödelns, der Beschaulichkeit. Was nicht heißt, dass Czaja nur die Idylle sieht, er zeigt auch auf, was der Tourismus im Lauf der Jahre alles – nein, nicht ganz zerstört, aber doch von vielem den ganz einmaligen Zauber entfernt.

Dept.store for the Mind: Walking in the Rain. Schritt für Schritt zu einem klaren Kopf. A.d. Englischen übersetzt von Rasha Khayat. DuMont Verlag, Köln 2018.
Bastian Schneider: Die Schrift, die Mitte, der Trost. Stadtstücke. Sonderzahl Verlag, Wien 2018.
Leander Steinkopf: Stadt der Feen und Wünsche. Eine Erzählung. Hanser Berlin, Berlin 2018.
Wojciech Czaja: Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte. Edition Korrespondenzen, Wien 2018.