ALGARVE: DAS MEER BESTIMMT DIE LANDSCHAFT

Alle Fotos © Konrad Holzer

Damit das gleich geklärt ist: Korrekt heißt es der Algarve. Das Wort kommt aus dem Arabischen, von al-gharb, und das bedeutet: der Westen. Auch im Portugiesischen ist Algarve männlich. Um aber nicht besserwisserisch zu wirken, soll es bei der meist verwendeten weiblichen Form bleiben (wie ja auch der Duden beim Stichwort „Algarve“ sowohl „die“ als auch „der“ zulässt).

Wir reden also vom äußersten Südwesten Europas, der südlichsten Region Portugals an der Atlantikküste. Das Meer, der Atlantik, bestimmt vorerst einmal die Landschaft. Die ist so reizvoll, dass sie unzählige Touristen anlockt, was wieder zur Folge hat, dass – wie so oft im Süden Europas – die Küstenlandschaften durch Hotel-Siedlungen nahezu zerstört sind. Aber wenn man sucht, findet man noch Ruhe und die Idylle an stillen Plätzen, in kleinen Orten und abgeschiedenen Buchten. Und auch diesen Kitzel, der ausgelöst wird, wenn man von bizarr abstürzenden Felsen hinunter auf den tosenden Atlantik blickt.

All das macht die vielfältigen Reize dieser Region aus. Dazu kommt noch die Sprache, deren Melodie man sich mit dem Wissen hingeben kann, dass man sie sowieso nie erlernen wird. Selten scheint in einer europäischen Sprache – für unser Empfinden – das Geschriebene so vom Gesprochenen abzuweichen. Ja, und dann gibt es natürlich auch kulinarisch einiges zu entdecken.

In unvorstellbarer Vielfalt findet man an der Algarve Strandlandschaften: Dramatisch steil ins schäumende Wasser abstürzende Felsen und weite Sandebenen, in denen man stundenlang gehen kann. Bizarr sind die Verformungen, die dadurch entstanden sind, dass sowohl harte Kalke und Dolomite als auch weiches Mergelgestein den steinigen Untergrund bilden. Eigene Ausflugstouren führen zu Höhlen, die je nach Lage der Gezeiten begangen oder nur besichtigt werden können. Große Strandabschnitte bleiben – einstweilen noch – nur den Surfern überlassen, bis dann nach und nach auch dort der Tourismus mehr oder weniger fröhliche Urständ feiern wird. Eine sanfte Variante ist es, auf schön angelegten Holzstegen durch die Dünenlandschaften zu wandern. Damit ist aber das Leben am Strand noch nicht ausgereizt. Reiz ist das Wort. Einen ganz besonderen solchen macht es aus, am frühen Morgen den Strand zu erkunden, zu erforschen, welche Wege einem die Ebbe schon zu gehen erlaubt und die Flut gerade noch passieren lässt. Man ist da meist allein, nur die Möwen beobachten einen genau.

Und noch eine Variante des Strandabgehens gibt es an der Algarve, in der Gegend rund um Vau, ohnehin einem der schönsten und abwechslungsreichsten Gebiete. Sanft – auf den vorhin erwähnten Holzstegen – beginnt die Wanderung, die man am späten Nachmittag beginnen sollte, schon allein wegen der nachlassenden Hitze und ganz besonders wegen der Verfärbung der Felsen durch die tiefstehende Sonne. Dann aber wird es steiler, hin und wieder ist es auch gut, schwindelfrei zu sein, der Pfad wird eng, führt abenteuerlich durch Waldgebiete, in Schluchten oder auf die Spitzen der Klippen. Immer wieder werden auch Ausblicke auf kleine, verborgene Buchten geboten.

Bei all diesen Spaziergängen durch die Dünenlandschaften fällt einem der Reichtum an leuchtend blühenden Pflanzen auf, sozusagen ein ruhender Gegenpol zum immer brausenden Meer.

Und noch einen ruhenden Pol gibt es: Das sind die Fischerboote, die untertags am Strand oder in Kanälen, im seichten Brackwasser oder im Hafen vor Anker liegen. An vielen Stellen kann man die Fischer in den Vormittagsstunden auch dabei beobachten, wie sie mühevoll den Fang aus den Netzen klauben oder diese flicken. Blickt man dann in der Mittagshitze hinaus aufs Meer, kann man – man meint, eine Zeitreise mitzumachen – Karavellen am Horizont ausmachen. Auf diese Weise werden die Touristen zu den Höhlen an den diversen Stränden gebracht.

Von den Auswüchsen des Tourismus war die Rede, aber auch davon, dass man an der Algarve immer auch ruhige, stille Plätze finden kann. So ist Portimão, einer der Hauptorte an der westlichen Algarve, vor allem am Sonntagvormittag ein idyllischer Platz. Im Museum wird man in vergangene Zeiten zurückgeführt, in denen der Fang der Sardinen und deren Verarbeitung die Haupteinnahmequelle – vor allem der weiblichen Bevölkerung – war. Man sieht noch die Körbe, in denen man die Fische vom Hafen in die Fabrik brachte, wo sie dann weiterverarbeitet wurden. Ein Film versetzt einen in diese Zeiten, Zeitzeuginnen geben da Auskunft über die kaum vorstellbaren Arbeitsbedingungen. Das will man so schnell wie möglich vergessen und geht durch stille Gassen, an Kirchen, Verwaltungsgebäuden, Bürgerhäusern und Denkmälern vorbei und nimmt im Schatten eines Musikpavillons „uma bica“, einen kleinen Kaffee.

Ein besonderes Juwel ist Cacela Velha, ein kleiner, ruhiger Ort in der Nähe von Tavira (auch das eine Besichtigung wert, aber dort ist man längst nicht mehr alleine). Cacela Velha ist einer dieser Plätze, wie man sie in Portugal oft findet, kleine Gassen, weiße Mauern, eine Kirche, eine Festung und Ausblick aufs Wattenmeer. Und ein Restaurant mit köstlichen Fischen und Meeresfrüchten, dazu passend trinkt man „Vinho verde“, dieses verde meint in diesem Fall nicht grün, sondern jung, denn es gibt auch einen roten Vinho verde. Wie auch immer, er ist frisch und moussiert leicht.