ASGER JORN LIEBTE SCHWIERIGKEITEN

Asger Jorn: Jeux nocturne, 1940, Canica Art Collection/ SMK Kopenhagen © VG Bild KunstAsger Jorn: Jeux nocturne, 1940, Canica Art Collection/ SMK Kopenhagen © VG Bild Kunst

„Go to hell with your money bastard. Refuse prize. Never asked for it.” Mit rüden Worten wurde der Präsident der New Yorker Guggenheim Foundation, Harry F. Guggenheim, per Telegramm vom 15.1.1964 zur Hölle geschickt. Es war der dänische Maler Asger Jorn, der da auf den „Guggenheim International Award“ und damit auf ein ansehnliches Preisgeld verzichtete. Die Sache sorgte für ziemliches Aufsehen: Eine Ablehnung des Awards hatte es zuvor nie gegeben, und auch die anderen Preisträger des Jahres 1964 – Alberto Giacometti, Wifredo Lam, Robert Motherwell, Antoni Tàpies und Victor Vasarely – hatten keinerlei Einwände gegen die renommierte Auszeichnung. „Mr. Guggenheim could think of no reason for the rejection”, schrieb die New York Times am 17.1.1964. Allerdings hatte Jorn in seinem Telegramm durchaus klar gemacht, worum es ihm ging: Er habe sich nicht um den Preis beworben, und daher sei es gegen allen Anstand, einen Künstler gegen seinen Willen in die Eigenwerbung der Foundation einzubeziehen („Against all decency mix artist against his will in your publicity”).

Asger Jorn vor dem Gemälde Lettre à mon fils, 1957. Archiv Museum Jorn, Silkeborg, Foto: Gunni Busck

Asger Jorn vor dem Gemälde Lettre à mon fils, 1957. Archiv Museum Jorn, Silkeborg, Foto: Gunni Busck

„Asger Jorn liebte Schwierigkeiten“, schrieb der Kunsthistoriker Wieland Schmied: „Er liebte es, immer wieder mit etwas Unerwartetem zu erschrecken – ob es sich abschrecken oder faszinieren ließ, war Sache des Publikums.“[1] Diese Charakterisierung passt auf Jorns Haltung gegenüber dem Kunstbetrieb: So etwa verweigerte er nicht nur die Annahme des „Guggenheim Awards“, sondern auch jene der traditionsreichen „Eckersberg Medaille“ der „Königlich dänischen Kunstakademie“, und er lehnte es ab, 1964 als Repräsentant Dänemarks an der Kunstbiennale in Venedig teilzunehmen. In gleicher Weise passt Schmieds Diktum aber auch auf das gesamte künstlerische Schaffen von Asger Jorn.

Asger Jorn: Grædeøjne (Tearful Eyes), 1940, Canica Art Collection/ SMK Kopenhagen © VG Bild Kunst

Asger Jorn: Grædeøjne (Tearful Eyes), 1940, Canica Art Collection/ SMK Kopenhagen © VG Bild Kunst

Der 1973 verstorbene Künstler gilt – neben Per Kirkeby – als der bedeutendste dänische Maler des 20. Jahrhunderts und als eine der zentralen Persönlichkeiten der europäischen Moderne. Jorn, der Mitbegründer der legendären Künstlergruppe COBRA war, hinterließ ein großes und vor allem sehr vielfältiges Werk, das Gemälde, grafische Arbeiten, Collagen, Skulpturen, Keramiken, Tapisserien und vieles mehr umfasst. „Nie hat er sich auf bestimmte künstlerische Äußerungen oder Techniken festlegen lassen“, so dazu Wieland Schmied: „Hatten wir uns ein Bild von ihm gemacht, entzog er sich wieder.“

Einen guten Einblick in das Gesamtwerk von Asger Jorn bietet derzeit eine Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen. Unter dem Titel „Asger Jorn – Without Boundaries“ sind Arbeiten aus allen Schaffensperioden zu sehen, so etwa das 1959/60 entstandene Gemälde „Sans bornes“, das als eines der Hauptwerke Jorns gilt (und das in der englischen Übersetzung des Bildtitels – „Without Boundaries“ – namensgebend für die Schau wurde).

Asger Jorn: Sans bornes (Without Boundaries), 1959/60, Canica Art Collection/ SMK Kopenhagen © VG Bild Kunst

Asger Jorn: Sans bornes (Without Boundaries), 1959/60, Canica Art Collection/ SMK Kopenhagen © VG Bild Kunst

Asger Jorn (der eigentlich Asger Oluf Jørgensen hieß) wurde 1914 in der kleinen jütländischen Gemeinde Vejrum geboren. Mutter und Vater waren im Lehrberuf tätig, einer seiner Brüder, Jørgen Nash (1920–2004, eigentlich Axel Jørgensen), war ebenfalls erfolgreicher Maler – und ein bekannter Provokateur, der unter anderem 1964 an einer „Enthauptung“ der Statue der Kleinen Jungfrau in Kopenhagen beteiligt war.

Jorn absolvierte eine Lehrerausbildung und ging dann 1936 nach Paris, wo er Schüler von Fernand Léger an dessen „Académie Contemporaine“ wurde. Er sei von Léger stark beeinflusst worden, erinnerte er sich später, vor allem, weil er in der Académie strenge Disziplin und strukturiertes künstlerisches Arbeiten gelernt habe.[2] Jorn unterstützte Léger bei der Ausführung von dessen Monumentalgemälde „Le Transport des Forces“, und als der Architekt Le Corbusier 1937 für die Pariser Weltausstellung den Pavillon „Temps Nouveaux“ gestaltete, wirkte Asger Jorn dabei als Assistent mit.

Zurück in Dänemark gründete Asger Jorn die Zeitschrift „Helhesten“, deren Titel auf ein Höllenpferd aus der dänischen Folklore verweist. Zentrales Thema des von 1941 bis 1944 bestehenden Blattes war die Auseinandersetzung mit abstrakter Kunst. Außerdem publizierte Asger Jorn in „Helhesten“ auch einige von ihm selbst übersetzte Texte von Franz Kafka. Diese gelten als die allerersten dänischsprachigen Kafka-Veröffentlichungen überhaupt und dokumentierten zudem die hohe Bedeutung von Literatur für Jorns künstlerisches Schaffen.

Asger Jorn: Ulysses, 1940, Museum Jorn, Silkeborg © VG Bild Kunst

Asger Jorn: Ulysses, 1940, Museum Jorn, Silkeborg © VG Bild Kunst

Ab den 1950er Jahren lebte Asger Jorn – mittlerweile international erfolgreich – vor allem in Paris, kam aber immer wieder nach Dänemark zurück, und zwar vor allem in die Stadt Silkeborg (westlich von Aarhus), wo er den Großteil seiner Jugend verbracht hatte. Bereits in den 1960er Jahren wurde im Rahmen des Kunstmuseums Silkeborg ein eigenes Asger Jorn-Museum eingerichtet. Seit 1982 in einem eigenen, repräsentativen Gebäude beheimatet, beherbergt dieses nicht nur hunderte Arbeiten von Jorn selbst, sondern auch dessen riesige Kunstsammlung, in der sich Werke von Léger bis Picasso, von Max Ernst bis Francis Picabia, von Jean Dubuffet bis Pierre Alechinsky und viele mehr finden. Insgesamt waren es an die 5.500 Werke von rund 150 Künstlerinnen und Künstlern, die Asger Jorn dem Museum vermachte. Er selbst nannte seine Sammlung „Erinnerungen aus meiner Zeit“ und ergänzte: „Museumsstücke sind Erinnerungen. Diese Dinge hier gehören auf ganz persönliche Weise in meine Zeit. Erst die Zukunft wird zeigen, ob sie etwas anderes und mehr sind als bloß Erinnerungen.“ Längst ist klar, dass es sich bei Jorns „Erinnerungen“ um Meisterwerke des 20. Jahrhunderts handelt. Mittlerweile ist die Sammlung durch weitere Ankäufe auf über 20.000 Stück angewachsen und zählt zu den renommiertesten Kunstmuseen Skandinaviens. Für die Ausstellung in den Deichtorhallen hat das „Museum Jorn“ (neben der Osloer „Canica Art Collection“ und einer Kölner Privatsammlung) eine Reihe von Leihgaben zur Verfügung gestellt. Immerhin erhofft man sich, dass die Schau in Hamburg das internationale Interesse für das Werk von Asger Jorn noch weiter fördern werde und „die deutschen Kulturtouristen dazu inspiriert, die kurze Fahrt nach Silkeborg zu unternehmen, um dort noch mehr zu erfahren“ – so Lars Hamann, der Pressechef des Museums, in einem Interview (Midtjyllands Avis, 21.6.2018).

Hinzuzufügen ist, dass sich sicher nicht nur die – relativ – kurze Fahrt von Hamburg nach Silkeborg lohnt, sondern auch eine längere Anreise: zur sehenswerten Überblicksausstellung in Hamburg und zum eindrucksvollen Museum Jorn in Silkeborg.

Die Ausstellung „Asger Jorn – Without Boundaries“ ist bis zum 23. September 2018 in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen.
Das Museum Jorn in Silkeborg zeigt, neben der umfangreichen Dauerausstellung, bis zum 9. Dezember 2018 eine Sonderausstellung mit 52 neuentdeckten Werken von Asger Jorn.

[1] Wieland Schmied: Der Graphiker Asger Jorn. In: Asger Jorn. Werkverzeichnis der Druckgraphik. Hg. vom Silkeborg Kunstmuseum und der Galerie van de Loo, München, 2. Aufl., 2009. S. 43.
[2] „Asger Jorn om sig selv“ („Asger Jorn über sich selbst“). In: Kunst, Kopenhagen, 1953, Jg.1, Nr. 1. Dänische Originalfassung abrufbar über die Website des Museums Jorn, Silkeborg.