FRITZ LÖHNER: „WAS IST EIN SCHLAGER?“

Notentitelblatt (Ausschnitt) zum Schlager „Eine Nacht hat uns zwei’n fast das Glück gebracht“, der 1927 mit der Musik von Ralph Erwin und dem Text von Fritz Löhner herauskam. Die Illustration stammt vom Wiener Grafiker Otto Dely, der zahlreiche Notentitelblätter gestaltete.Notentitelblatt (Ausschnitt) zum Schlager „Eine Nacht hat uns zwei’n fast das Glück gebracht“, der 1927 mit der Musik von Ralph Erwin und dem Text von Fritz Löhner herauskam. Die Illustration stammt vom Wiener Grafiker Otto Dely, der zahlreiche Notentitelblätter gestaltete.

„Was ist ein ‚Schlager‘? Niemand kann es sagen, / Denn wüsst’ es einer, wär’s kein ‚Schlager‘ mehr. (…) Es gibt kein Beispiel und auch keine Regel, / Ein zweites Mal verfängt da kein Rezept. / Der Zufallswind bläst des Erfolges Segel / Und wer mit ‚Namen‘ rechnet, ist geneppt.“ Das schrieb einer, der es wissen musste: Fritz Löhner (1883­-1942), einer der renommiertesten deutschsprachigen Schlagertexter der 1920er und frühen 1930er Jahre. Löhner – studierter Jurist und sehr erfolgreich auch als Autor von Operettenlibretti unter anderem für Franz Lehár und Paul Abraham – schrieb mehrere hundert Schlagertexte. Viele davon wurden umgehend zu „Gassenhauern“ und später zu „Evergreens“: So etwa „Was machst Du mit dem Knie, lieber Hans? …“ aus dem Jahr 1925 und mit der Musik von Richard Fall, oder „Benjamin, ich hab’ nichts anzuzieh’n!“, ein „Hit“ des Jahres 1927, zu dem Jara Beneš die Musik komponiert hatte.

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Fritz Löhner, der als Schlagertexter das Pseudonym Beda verwendete (während er sich bei Operetten meist Löhner-Beda nannte), besaß ein ausgeprägtes satirisches Talent, das er mit zahlreichen Gedichten unter Beweis stellte. Diese publizierte er in Buchform und vor allem auch in diversen Zeitungen und Zeitschriften, wie etwa in der „Wiener Sonn- und Montagszeitung“, in der zwischen 1914 und 1928 an die 330 Texte von ihm erschienen. So auch, am 30. Mai 1927, seine eingangs zitierten Reflexionen über den Schlager. Über die Musik, die einen erfolgreichen Schlager ausmacht, vermerkte er dabei: „Man schreibt viel leichter eine schlechte Oper / Als eine gute All-Welt-Melodie!“.

Schöpfer von solchen „guten All-Welt-Melodien“ waren Jara Beneš und Richard Fall, von denen zahlreiche Kompositionen zu Schlagertexten von Beda stammen: So etwa von Richard Fall der einstige Gassenhauer „Wo sind deine Haare, August“ und von Jara Beneš der kaum weniger populäre Schlager „Die Blanka, ja die Blanka“. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit verband Beda aber auch mit einigen weiteren Komponisten, wie etwa Robert Katscher, der für ihn die Musik zum Foxtrott „Es geht die Lou Lila“ schrieb, mit Willy Engel-Berger, mit Ralph Erwin und mit Artur Marcell Werau.

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Fritz Löhner verfasste auch zahlreiche Texte für Schlager, die aus dem nicht-deutschsprachigen Raum importiert wurden. So etwa stammt von ihm der Text zum Paso Doble „Valencia“ des spanischen Komponisten José Padilla Sánchez; aus der Serenade „Ay-Ay-Ay“ des Chilenen Osmán Pérez Freire machte er „Schlaf’ ein, mein Blond-Engelein“; der amerikanische One-Step „Shinaniki-Da“ mit der Musik von Harry Carlton wurde zu „Ja, der alte Bulgar’ …“; „Linger a While“ von Vincent Rose zu „Mein Liebling heißt Mädi…“; aus dem Hit „If You Knew Susie, Like I Knew Susie“ machte Löhner kurzerhand „Susie“, und auch für die „Roszi“ des ungarischen Komponisten Fred Markush fand er den passenden Text.

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Zur Musik des polnischen Komponisten Jerzy Petersburski schrieb Löhner den Gassenhauer „Oh, Donna Clara“ – und auf der Basis seines Textes erfolgten dann Übersetzungen in andere Sprachen, wie etwa ins Englische. Die bei weitem erfolgreichste Schlagertext-Adaption durch Fritz Löhner aber war die des Shimmys „Yes, we have no bananas“, zu dem Frank Silver die Musik und Irving Cohn den Text geschrieben hatten und der 1922 im Programm einer Broadway-Revue erstmals gespielt und in der Folge sehr rasch überaus populär wurde. Löhner wählte für die deutschsprachige Fassung, die 1923 herauskam, den Titel „Ausgerechnet Bananen“ und prägte damit eine griffige Wendung, die bald auch in anderem Zusammenhängen Verwendung fand.

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Der Schlagerboom der 1920er Jahre hängt eng mit der Entwicklung der Medienbranche zusammen: 1923 wurde in Deutschland offiziell der Radiobetrieb aufgenommen, 1924 war es dann auch in Österreich so weit. „Schallplattensendungen“ waren von Beginn an ein wesentlicher Programmbestandteil. Dies steigerte einerseits den Bedarf an dafür passenden Musikstücken, und kurbelte andererseits auch den Verkauf von Schallplatten kräftig an. Die Schlager, die man im Radio gehört hatte, wollte man auch zuhause auf dem Grammophon spielen – und wie rasant der Markt anwuchs, dokumentieren zwei Zahlen aus Deutschland: 1926 wurden dort 4,2 Millionen Schallplatten verkauft, drei Jahre später, 1929, waren es 30 Millionen.

Die mediale Entwicklung führte auch zu markanten Veränderungen im Kulturkonsum: Der Zugang zur Musik etwa wurde einem wesentlich breiteren Publikum eröffnet und war nicht mehr lediglich auf vielfach als „elitär“ empfundene öffentliche Veranstaltungsräume beschränkt. Fritz Löhner thematisierte das 1925 in dem Schlager „Ich hab‘ zu Haus ein Grammophon…“ folgendermaßen: „Unser Freund Polatschek geht in kein Konzert, / denn es hat keinen Zweck, was man dorten hört. / ‚Was brauch’ ich‘, so ruft er aus, / ‚Opernhaus, Richard Strauss, / am Juchee[1] vier Stunden steh’n, / auch zuhaus’ ist’s schön! / Ich hab’ zuhaus’ ein Gra-, ein Gra-, / Ein Grammophon, / Das macht so schön Trara, Trara, / Sie wissen schon. / Man steckt die Nadel ’rein, / Gleich fängt es an zu schrei’n. / Die größte Sensation / Das ist mein Grammophon!‘ “

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Zu den Komponisten, mit denen Fritz Löhner immer wieder zusammenarbeitete, gehörte auch Hermann Leopoldi. Zu seiner Musik schrieb Löhner 1922 einen Text mit dem Titel „Schön sind die Mädels von Prag“. Dass derartige Produkte der Unterhaltungskultur auch interessante zeithistorische Dokumente sind, zeigt jener ausführliche Artikel, den das „Prager Tagblatt“[2] dem damals recht erfolgreichen Schlager widmete. Titel und Text interpretierte Karl Tschuppik, der den Beitrag verfasst hatte, als Ausdruck der unterschiedlichen ökonomischen Entwicklungen in Österreich und der damaligen Tschechoslowakei: „Es ist eine erstaunliche Wandlung! Ehedem kannte Wien nur den Preisgesang auf die Wienerin, ‚Schön ist nur eine Wienerin‘, ‚Tanzen kann nur die Wienerin‘, ‚Küssen wie die Wienerin‘ – das waren die Titel und Refrains der Loblieder von einst. Nie hätte sich Wien herbeigelassen, auch die Pragerin gelten zu lassen oder gar zu besingen! Die Welt ist anders geworden, Prag ist Wien weiter, zugleich aber auch näher gerückt. Vor allem hat das wohl die schnöde Valuta getan. Die Relation von 1:150 hat eine merkwürdige Kraft. Sie vergoldet nicht nur die tschechische Krone, sie läßt auch die Pragerin glanzvoller, schöner erscheinen. Die Ästheten und Moralisten, die Politiker und Pädagogen wollen es noch immer nicht glauben, daß so viele Dinge, die ihnen nicht gefallen, der Reflex des armen österreichischen Geldes sind.“

Gemeinsam mit Hermann Leopoldi schuf Fritz Löhner in den 1920er und frühen 1930er Jahren noch etliche weitere erfolgreiche Schlager. Und auch Löhners letzter Text entstand in Zusammenarbeit mit Leopoldi. Beide waren jüdischer Herkunft und wurden im Zuge des nationalsozialistischen Terrors 1938 zunächst in das Konzentrationslager Dachau, dann nach Buchenwald gebracht. Auf Anordnung der Lagerleitung schrieben sie dort das „Buchenwald-Lied“. Leopoldi, dem es gelang, in die USA zu flüchten, vermerkte später über dieses Lagerlied: „Das Lied mit den Anfangszeilen ‚O Buchenwald, ich kann dich nie vergessen’ und mit dem Endvers ‚Einmal kommt der Tag, da sind wir wieder frei…!’ war im Grunde revolutionär, aber die benebelten Gehirne unserer Antreiber sind nie darauf gekommen.“

Fritz Löhner wurde im Oktober 1942 nach Auschwitz gebracht. Im Nebenlager Buna musste er für den Chemiekonzern I.G. Farben, der die Häftlinge mit nahezu unvorstellbarer Brutalität ausbeutete, Schwerarbeit leisten und starb im Dezember 1942 infolge schwerer Misshandlungen.

[1] Der Begriff „Juchee“ wird im Wienerischen für die hochgelegenen, billigen Plätze – oft Stehplätze – in einem Theatergebäude verwendet.
[2] Prager Tagblatt, 16.4.1922, S. 3f. Karl Tschuppik zeichnete den Artikel mit seinem Pseudonym Kajetan.