ANSICHTEN UND AUSSICHTEN

Aussicht vom Stephansdom (Bildausschnitt)Aussicht vom Stephansdom (Bildausschnitt)

Es ist ja doch oft so, dass wir vor Architektur stehen, wie die sprichwörtliche Kuh vor dem neuen Tor. Dabei steckt hinter Architektur, also hinter wirklicher Architektur, doch sehr viel an Gedankenarbeit. Umso begrüßenswerter ist es, wenn man von Menschen, die sich Gedanken über Architektur gemacht haben, angeleitet wird, ihnen auf ihren Denk-Wegen zu folgen.
Diese lange Vorrede zur Präsentation des ausgezeichneten Buches über „Sechsunddreißig Wiener Aussichten“ ist notwendig, um nicht gleich mit dem allgegenwärtigen „Canaletto-Blick“ ins Haus zu fallen. Es wird schon noch die Rede sein davon. „Sechsunddreißig Wiener Aussichten“ ist also zu einem der fünfzehn „Schönsten Bücher Österreichs“ aus dem Jahr 2017 gekürt worden. Die zwei ausgezeichneten Buchmacher sind der auf Architekturfotografie spezialisierte Stefan Oláh und der Kunsthistoriker Sebastian Hackenschmidt, der als Kustos für Möbel und Holzarbeiten am Wiener Museum für angewandte Kunst tätig ist. Die beiden haben schon einige Bücher gemeinsam gemacht, zum Beispiel „Fünfundneunzig Wiener Würstelstände“ (Verlag Anton Pustet, 2013) oder „Sechsundzwanzig Wiener Tankstellen“ (Roma Publications, 2010).

Aussicht vom Oberen Belvedere (der sogenannte Canaletto-Blick)

Aussicht vom Oberen Belvedere (der sogenannte Canaletto-Blick)

Ein schönstes Buch also. Das heißt: optisches und haptisches und intellektuelles Vergnügen auf einmal. Nach lyrischen Einleitungen durch Friederike Mayröcker und Bodo Hell formuliert Hackenschmidt gleich einmal die eine These des Buches: „Die Begeisterung für landschaftlich reizvolle Szenerien scheint im Zusammenhang mit der baulichen Markierung und Gestaltung der Orte zu stehen, von denen aus sich die schönsten Ausblicke bieten.“ Und so ist zwar im Titel von 36 Wiener Aussichten die Rede, das Buch enthält aber, dieser einen These des Buches folgend, 72 Bilder, auf denen jeweils die Ansicht des Ortes geboten wird, von dem aus die Aussicht erfolgt – und dann natürlich diese Aussicht. Schuss und Gegenschuss also. Übernommen von den Dialogen im Filmschnitt.

Aussicht vom Stephansdom

Aussicht vom Stephansdom

Hackenschmidt schreibt weiter davon, dass sich die Funktion der Aussicht bietenden Bauwerke im Lauf der Geschichte vom wachsamen Spähblick verwandelt habe in touristisches Vergnügen. Erst mit Beginn der Neuzeit wurden solche geschaffen, die sowohl „das Schauen als ästhetisches Erlebnis inszenierten“ als auch selbst Attraktionen bildeten. Aussichtstürme wurden gebaut – als „Ironie der Geschichte im Stil mittelalterlicher Burgen“. Hochhäuser, die weniger wegen ihrer Ansicht als vielmehr wegen ihrer Aussicht beliebt werden, bieten den Übergang zur zweiten These in diesem Buch, die Hackenschmidt folgendermaßen definiert: „Hinsichtlich einer Ästhetik der Stadtlandschaft ist der Eindruck, den ein Gebäude im Stadtgefüge hinterlässt, nicht weniger entscheidend als der Blick, der sich von diesem Gebäude aus auf die Stadt bietet.“ Und schon ist vom „Canaletto-Blick“ die Rede. Abschließend wird noch einmal die Zielsetzung betont, „keine subjektiven, expressiven oder künstlerisch-experimentelle Fotografien“ bieten zu wollen, „sondern sachlich-nüchterne Bestandsaufnahmen von urbanen Situationen.“ Dann folgen die 36 An- und Aussichten, abenteuerlich schwindelerregend vom Stephansdom im Zentrum bis zur Seestadt Aspern im Osten, dem Kahlenberg im Norden, der Jubiläumswarte im Westen und dem Wohnpark Alt-Erlaa im Süden, jeweils mit Gedanken architektonischer und stadtplanerischer Natur zu jedem Standpunkt. Und dann die Fotos: eine Ansicht, eine Aussicht (wenn Persönliches geäußert werden darf: Aussicht Nummer dreizehn, die von der Dachterrasse auf dem Justizpalast ist meine Favoritin!).

Aussicht von der Dachterrasse auf dem Justizpalast

Aussicht von der Dachterrasse auf dem Justizpalast

Diesem Bild-Text-Teil folgen noch vier Aufsätze: Der Philosoph Walter Seitter legt seine Ansicht über die Wörter Ansicht und Aussicht dar. Die Kunsthistorikerin Sabine Lata gibt einen ausführlichen Überblick über „Wien in alten Ansichten“ vom „Meister des Schottenaltars“ bis zu Adalbert Stifter. Der Städtebau-, Architektur- und Fotohistoriker Harald R. Stühlinger schließt chronologisch an mit einem knappen und dennoch ausführlichen Überblick über die „Topografische Fotografie in Wien“, die er mit dem Professor am Wiener Polytechnikum Andreas von Ettinghausen im 19. Jahrhundert beginnen und mit Franz Hubmann und Barbara Pflaum enden lässt. Den erhebenden Abschluss bildet die „Elevation“ des Multimediakünstlers Friedrich Liechtenstein, in der von einer Aufzugsfahrt die Rede ist.

Sebastian Hackenschmidt / Stefan Oláh: Sechsunddreißig Wiener Aussichten. Verlag Anton Pustet, Salzburg 2017.