EMILY BRONTË – WELTLITERATUR UNTER PSEUDONYM

Emily Brontë, Lichtdruck (Detail) auf der Basis eines Gemäldes von Branwell Brontë, publiziert 1914 von The Medici Society Ltd, © National Portrait Gallery, LondonEmily Brontë, Lichtdruck (Detail) auf der Basis eines Gemäldes von Branwell Brontë, publiziert 1914 von The Medici Society Ltd, © National Portrait Gallery, London

Drei Frauen schrieben im beginnenden 19. Jahrhundert in England Weltliteratur. Die vor zweihundert Jahren, am 30. Juli 1818, geborene Emily Brontë ist eine von ihnen. Die beiden anderen sind Jane Austen und Emilys ältere Schwester Charlotte Brontë. Ein Zeichen der Zeit war es, dass sie sich als schreibende Frauen verbergen mussten. Austen schrieb anonym „by a lady“, die Brontë-Schwestern – zum Trio gehört als die jüngste Anne Brontë – unter männlichen Namen: Charlotte nannte sich Currer Bell, Emily Ellis Bell und Anne Acton Bell. Alle drei behielten diese Pseudonyme ihr Leben lang bei. Ihr ebenfalls schriftstellerisch tätiger Bruder Branwell Brontë hingegen publizierte unter eigenem Namen.

Das einzige erhaltene Gruppenporträt der Brontë-Schwestern, gemalt um 1834 von Branwell Brontë. Von links nach rechts: Anne Brontë, Emily Brontë, Charlotte Brontë, © National Portrait Gallery, London

Das einzige erhaltene Gruppenporträt der Brontë-Schwestern, gemalt um 1834 von Branwell Brontë. Von links nach rechts: Anne Brontë, Emily Brontë, Charlotte Brontë, © National Portrait Gallery, London

Den Großteil ihres Lebens verbrachte Emily Brontë in Haworth, einem Ort in West Yorkshire, wo ihr Vater rund vierzig Jahre lang als Pfarrer tätig war. Emily arbeitete zunächst als Lehrerin, verbrachte dann gemeinsam mit Schwester Charlotte einige Zeit in Brüssel, um Französisch zu lernen, kehrte aber bald wieder nach England zurück und kümmerte sich fortan um den Haushalt der Familie (die Mutter der Geschwister Brontë war bereits 1821 verstorben). Emily starb am 19. Dezember 1848, dreißigjährig, vermutlich an einer Lungenentzündung, bei der sie jede ärztliche Hilfe verweigerte. Drei Monate zuvor war ihr Bruder einer Tuberkuloseinfektion zum Opfer gefallen, und Emily sei, so meinte eine langjährige Hausangestellte der Brontës, aus Kummer darüber gestorben („Miss Emily died of a broken heart for love of her brother“). Tragisch in diesem Zusammenhang ist auch, dass Patrick Brontë, der Vater, als er 1861 im Alter von 84 Jahren starb, alle seine Kinder überlebt hatte.

Die Pseudonym-Signaturen der Brontë-Schwestern

Die Pseudonym-Signaturen der Brontë-Schwestern

Wie alle ihre Geschwister begann auch Emily Brontë schon sehr früh zu schreiben, veröffentlichte ab 1836 Gedichte und 1847 als ihren einzigen Roman „Wuthering Heights“, von dem 1851 die erste Übersetzung ins Deutsche herauskam. Diese trug den Titel „Wutheringshöhe“ – durchgesetzt aber hat sich die in einer späteren Übersetzung verwendete Titelform „Sturmhöhe“.
„Sturmhöhe“ also, der einzige Roman, wurde äußerst kritisch aufgenommen (aber relativ gut verkauft!) Kurz zur Handlung: Das Findelkind Heathcliff wächst bei der Familie Earnshaw auf und verliebt sich in deren Tochter Catherine. Als Catherine jedoch einen anderen heiratet, nimmt das Unheil alptraumhaft seinen Lauf.

Die Geschichte sei unbarmherzig und unerbittlich, meinte schon Charlotte Brontë, das Buch „ungeschlacht, abwegig, morastig-wild“. Charlotte stellte auch fest, dass ihre Schwester ja kaum Umgang mit Menschen gehabt hätte, so viel von ihnen wusste, wie „eine Nonne von den Landsleuten, die an die Klosterpforte klopften“, dass daher alles, was in dem Buch vorkäme, Ausgeburt ihrer Phantasie sei. Wolfgang Schlüter, der Übersetzer der vorerst letzten deutschsprachigen Ausgabe, beschreibt Heathcliff, den Helden, als maßlos amoralisch, grausam, leidenschaftlich und heißblütig, den Roman als voll von Eifersucht, Obsession und Begehren, einfach „große Oper“. Nach wie vor wird „Sturmhöhe“ zwiespältig aufgenommen, für die einen ist es d a s literarische Zeugnis des Victorianischen Zeitalters, für andere wieder „ein überschätztes Kuriosum der Romanliteratur“. Der Stoff wurde unzählige Male verfilmt, auf YouTube ist ein Video zu sehen, auf dem sich Kate Bush daran vergeht.

Die vorerst letzten Übersetzungen ins Deutsche stammen von Michaela Meßner – es ist Übersetzung Nummer 13 –, erschienen 1997 bei dtv und anlässlich des 200. Geburtstages der Autorin neu aufgelegt; und die vorhin schon erwähnte vierzehnte, von Wolfgang Schlüter, 2016 bei Hanser herausgekommen. Als diese noch nicht vorlag, machte man sich auf der Website „Die Neue Bücherkiste“ die Mühe, die damals vorliegenden dreizehn Übersetzungen zu vergleichen. Ein Unterfangen, dem zu folgen für Kenner durchaus interessant sein kann. Die Schlüter’sche Übersetzung wirbelte dann einigen Staub auf, denn Schlüter setzte auf Ecken und Kanten, wollte „wirkungsadäquat“ übersetzen. Das kam in den Rezensionen nicht überall gut an. So lässt er zum Beispiel eine der handelnden Personen, die im Original einen ausgefallenen, schwer verständlichen Dialekt spricht, in der Übersetzung breites Wienerisch reden.

Eine Nachbemerkung zum spielerischen Umgang mit Literatur soll hier noch angeschlossen werden. Es sind ja im englischen Sprachraum literarische Werke anscheinend sehr viel mehr Bestandteil des alltäglichen Lebens als bei uns, man bedenke nur, was alles rund um den Bloomsday aus dem „Ulysses“ geschieht. Literatur als Massenphänomen hat der walisische Schriftsteller Jasper Fforde in seinen Fantasy-Fiction Romanen bearbeitet, da gibt es eine Heldin namens Thursday Next, die darauf achtet, dass die Bösen nicht in die Romane eindringen und deren Inhalte verändern. Eines der Bücher heißt „Der Fall Jane Eyre“ – englisch viel wohllautender „The Eyre Affair“ – und bezieht sich auf Charlotte Brontës Roman „Jane Eyre“, während Emily Brontës „Sturmhöhe“ zum Schauplatz von Jasper Ffordes „Im Brunnen der Manuskripte“ („The Well of Lost Plots“) wird.

Emily Brontë: Sturmhöhe, übers. v. Michaela Meßner. dtv, München 2018.
Emily Brontë: Sturmhöhe, übers. v. Wolfgang Schlüter. Hanser Verlag, München 2016.
Jasper Fforde: Der Fall Jane Eyre, übers. v. Lorenz Stern. dtv, München 2011.
Jasper Fforde: Im Brunnen der Manuskripte, übers. v. Joachim Stern. dtv, München 2011.