FOTOGRAFIEN ALS ZEITDOKUMENTE

Anon.: Marshallplan, 1951. Verteilung von Luftballons mit der Aufschrift „Marshallplan 1951 – Friede – Freiheit – Wohlstand“ auf der Wiener Frühlingsmesse, 15. März 1951. © Votava/imagno/picturedesk.comAnon.: Verteilung von Luftballons mit der Aufschrift „Marshallplan 1951 – Friede – Freiheit – Wohlstand“ auf der Wiener Frühlingsmesse, 15. März 1951. © Votava/imagno/picturedesk.com

Am 12. November 1918 wurde in Österreich die Republik ausgerufen. Die von Tumulten begleitete Proklamation wurde damals genau mit Film und Fotografie dokumentiert. Seitdem hat die Bildberichterstattung die politischen Entwicklungen hierzulande in differenzierter und perspektivenreicher Weise begleitet. So unterschiedlich die Standpunkte einer Kamera sein können, so verschieden lassen sich Dinge und Ereignisse darstellen. Die scheinbare Objektivität der Fotografie entpuppt sich dabei als trügerische Fiktion.

Lothar Rübelt: Im Dianabad, 1926. Die Schwimmerinnen ruhen vor dem Rennen. © Lothar Rübelt/ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com

Lothar Rübelt: Im Dianabad, 1926. Die Schwimmerinnen ruhen vor dem Rennen. © Lothar Rübelt/ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com

Die aktuelle Ausstellung „Photo/Politics/Austria“ im „Museum moderner Kunst“ in Wien beschäftigt sich mit diesem Spannungsfeld von Politik und Fotografie, von Dargestelltem und Darstellendem. Es ist eine sensibel und intelligent von den beiden Kuratorinnen Monika Faber und Susanne Neuburger zusammengestellte Schau zur Geschichte Österreichs der letzten hundert Jahre. In den Themenbereichen Bild-Reportage und Fotokunst werden hier zeit- und kulturhistorische Aspekte mit medienanalytischen Reflexionen in schlüssiger Weise verwoben.

Unterzeichnung des Österreichischen Staatsvertrages 1955, Empfang im Schloss Schönbrunn, 1. Mai 1955. © Votava/imagno/picturedesk.com

Unterzeichnung des Österreichischen Staatsvertrages 1955, Empfang im Schloss Schönbrunn, 1. Mai 1955. © Votava/imagno/picturedesk.com

Eine theoretische Grundlage für ihr Darstellungskonzept fanden die beiden Kuratorinnen in Siegfried Kracauers letztem Werk „History – The last things before the last“ aus dem Jahr 1969: „Geschichte gleicht Photographie unter anderem darin, daß sie ein Mittel der Entfremdung ist.“ – Dieses und andere Zitate von Siegfried Kracauer geben in der Schau eine Art methodologischer Markierungen vor. Der Geschichts- und Filmtheoretiker betont in seinem Buch, dass Geschichte auch immer die Erzählung von weniger Bekanntem, Verdrängtem, Vergessenem sein soll. Und genau in diesem Sinn kann man in „Photo/Politics/Austria“ neben visuellem Mainstream auch vielfältige Entdeckungen zu Sonderbarem und Erstaunlichem in der jüngeren österreichischen Geschichte machen.

Kiki Kogelnik: Strassenbilder Wien, 1967 (2016). mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben mit Unterstützung der Gesellschaft der Freunde der bildenden Künste, © 1967 Kiki Kogelnik Foundation.

Kiki Kogelnik: Strassenbilder Wien, 1967 (2016). mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben mit Unterstützung der Gesellschaft der Freunde der bildenden Künste, © 1967 Kiki Kogelnik Foundation.

Schwerpunkte sind dabei unter anderem Friedl Dickers Montagen über die sozialen Verhältnisse in den frühen 1930er Jahren, die Bildstrategien des Ständestaates, die oft publizierte „Heimkehrer“-Fotoserie von Ernst Haas aus dem Jahr 1947 und die „Mauthausen-Dokumentation“ von Heimrad Bäcker aus den 1970er Jahren. Begleitet wird diese große Bild-Erzählung von einer Reihe erläuternder Dokumente, so etwa von Zeitungsausschnitten, Postkarten, Flugblättern und Plakate.
Gestaltet wurde die Schau vom renommierten österreichischen Künstler Markus Schinwald, der dafür eine sehr klare und optimal funktionierende Architektur geschaffen hat.

Die Ausstellung „Photo/Politics/Austria“ ist bis zum 3.2.2019 im Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien zu sehen.