EDUARD VON KEYSERLING: SÜSS, BITTER, MARKTFREMD UND ADELIG

Vor hundert Jahren, am 28. September 1918, ist Eduard von Keyserling in München gestorben. Keyserling war einer der wenigen bedeutenden deutschsprachigen impressionistischen Schriftsteller. Es ist der böse Schüttelreim des bedeutenden Bühnenbildners Emil Preetorius, der einem – hat man ihn einmal gehört – bei der Erwähnung des Namens Keyserling sofort einfällt: „Als Gottes Atem leiser ging, schuf er den Grafen Keyserling“. Der Spott darin bezog sich auf die Hässlichkeit des Dichters – und trifft aber – wenn auch so wahrscheinlich nicht beabsichtigt – sehr genau die Stimmung in den Erzählungen und Romanen Keyserlings. Es sind leise Bücher. Sie zeichnen sich durch traumhaft schöne Landschaftsbeschreibungen aus. Und in diesen traumhaft schönen Landschaften bewegen sich äußerst sensible, vorwiegend aristokratische Menschen.

Kurz zum Leben Keyserlings: Er wurde 1855 in Kurland, einer Provinz im Westen Lettlands, in eine ländlich-adelige Familie geboren. 1875 begann er ein Jurastudium im estnischen Tartu – das damals Dorpat hieß –, verließ aber wegen nicht ganz geklärter Ungereimtheiten seine Heimat und setzte sein Studium in Wien und Graz fort. Wien ist Schauplatz seiner ersten Erzählungen und Romane, in Wien steckte er sich auch mit Syphilis an, verwaltete dann die elterlichen Güter, zog mit seinen Schwestern nach München, wo er – aufgrund seiner körperlichen Gebrechen – ein äußerst zurückgezogenes Leben führte. Eine umfassende Biografie fehlt nach wie vor – auch aufgrund der dürftigen Quellen und vor allem, weil Keyserling angeordnet hatte, seinen Nachlass zu vernichten.

Buchcover
Zurück zum Werk, zu den Romanen und Erzählungen. Hauptmotiv ist darin, wie einzelne Personen, meist sind es Frauen, aus der dem Untergang entgegengehenden Adelswelt ausbrechen wollen. Keyserlings Modernität – so schreibt Florian Illies im Nachwort zur Erzählsammlung „Landpartie“ – liege darin, „dass er eine Gegenwart bereits als Vergangenheit erinnert, obwohl seine Zeitgenossen noch an deren Zukunft glauben … Er muss alle Sinnlichkeit in die Schilderung eines Sommernachmittages legen, in die Sensationen des Lichts, weil er all dies nur erinnern kann.“ Denn seine letzten Werke diktierte der erblindete Schriftsteller ja seinen Schwestern. Interessant an diesem Nachwort ist außerdem, dass Illies darin immerhin Thomas Mann widerspricht. Mann sieht in Keyserlings Schreiben „die Verklärung und melancholische Ironisierung seines feudalen Heimatmilieus“. Illies hingegen meint: „Er ironisiert sein Milieu so wenig, wie Andy Warhol die Popkultur ironisiert – es ist etwas ganz anderes, es ist Liebe.“

Buchcover
Einige Aussagen von Keyserlings schreibenden Zeitgenossen sollen hier noch festgehalten werden: Lion Feuchtwanger schrieb von einer „süßen, bitteren, marktfremden und adeligen Kunst“, Hermann Hesse nannte Keyserling den „Dichter der Dämmerung“. Alfred Polgar differenzierte immerhin, dass er hart an der Grenze des Sentimentalen schreibe, diese aber nie überschreite. Felix Salten zog Parallelen zu Fontane und nannte ihn „einen Fontane in Moll“. Dann geriet Keyserling in Vergessenheit, bis Marcel Reich-Ranicki – wieder einmal er – 1998 im „Literarischen Quartett“ den Roman „Wellen“ empfahl. Zu Recht: man ist begeistert, nie hat jemand die „heißen, goldenen Stunden“ in sommerlichen Wäldern so berückend beschrieben. Bei der Darstellung der Figuren genügen ihm oft ein paar Pinselstriche, um aus ihnen lebendige Menschen werden zu lassen, die durchaus auch zur Selbstironie fähig sind: „Wir können aus unserem Leben doch nicht das machen, was wir daraus machen wollen, es tut immer, was es selbst will“ – meint die Fürstin Adelheid in dem Roman „Fürstinnen“. Und so reitet man aus, diniert, verkehrt nur untereinander und ergeht sich in Melancholie: „Zum Lachen sind wir nicht auf der Welt!“ Und wenn es in einer Gesellschaft einmal hoch hergegangen ist, dann will die schöne Doralice in „Wellen“ (neben „Fürstinnen“ wohl der wichtigste Roman Keyserlings) schlafen gehen und „in der Dunkelheit noch ein wenig von all dem träumen, was der heutige Abend in ihr aufgeregt hatte.“

Buchcover
Eduard von Keyserling: Landpartie. Gesammelte Erzählungen. Herausgegeben und kommentiert von Horst Lauinger und mit einem Nachwort von Florian Illies. Manesse Verlag, München 2018.
Eduard von Keyserling: Fürstinnen. Mit einem Nachwort von Jens Malte Fischer, Manesse Verlag, München 2017.Eduard von Keyserling: Wellen. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Gabriele Radecke. Reclam Verlag, Ditzingen 2018.