PIETER BRUEGEL: WIMMELBILDER UND SUBVERSIVE ÄSTHETIK

Pieter Bruegel d. Ä.: Kinderspiele (Ausschnitt), 1560. Kunsthistorisches Museum Wien, © KHM-Museumsverband.Pieter Bruegel d. Ä.: Kinderspiele (Ausschnitt), 1560. Kunsthistorisches Museum Wien, © KHM-Museumsverband.

Als WienerIn ist man mit dem Werk Pieter Bruegels von Kindheit an vertraut. Im Gegensatz zum anderen Dominator der Wiener Kunstszene, zu Gustav Klimt, ist der flämische Künstler, sind seine Werke, auch schon für Kinder im Kunsthistorischen Museum lustvoll zu betrachten. Seine „Wimmelbilder“ – also jene ungeheuer detailreichen Werke, auf denen es von Menschen, Tieren und Dingen nur so wimmelt – bieten allerhand an Anschauungsmaterial auch für unvoreingenommen kindliche Betrachter. Persönliche Erinnerungen stellen sich da ein: Die Verwunderung über die Kleidung und das Aussehen der Kinder, die von Bruegel immer als kleine Erwachsene dargestellt wurden. Dann ist da natürlich der Mann, der vor dem Babylonischen Turm auf freiem Feld seine Notdurft verrichtet, sind da die zwei linken Füße des Tänzers beim „Bauerntanz“, der überzählige Fuß bei der „Bauernhochzeit“, und so fort. Es gibt so viel zu sehen auf diesen Gemälden.

Pieter Bruegel d. Ä.: Bauernhochzeit, um 1567. Kunsthistorisches Museum Wien, © KHM-Museumsverband. Der „überzählige Fuß“ ist – bekleidet mit einem Schnabelschuh – zwischen den Füßen der beiden Tellerträger zu finden.

Pieter Bruegel d. Ä.: Bauernhochzeit, um 1567. Kunsthistorisches Museum Wien, © KHM-Museumsverband. Der „überzählige Fuß“ ist – bekleidet mit einem Schnabelschuh – zwischen den Füßen der beiden Tellerträger zu finden.

Pieter Bruegel, der Ältere, lebte von 1526/1530 – so genau weiß man das nicht – bis 1569. Es ist also der 450. Todestag, der Anlass gibt für die weltweit erste monografische Ausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien und für ein Buch, das Bruegels vollständiges künstlerisches Werk beinhaltet. Dementsprechend gewaltig sind die Ausmaße dieses Buches – werden doch alle 39 Gemälde, 65 Zeichnungen und 89 Kupferstiche ausführlich behandelt, zuerst in Essays und Aufsätzen, dann noch einmal in umfassenden Katalogangaben. Die beiden Autoren sind der Kunsthistoriker Jürgen Müller und der Grafikspezialist Thomas Schauerte.

Man hat ja heutzutage auf dem Gebiet der Buchgestaltung ein Niveau erreicht, das immer wieder staunen lässt. Somit ist Staunen das erste, was einen überkommt, wenn man in das Buch hineinschaut. Man kann bei seinen Ausmaßen nicht von einem Durchblättern reden, sondern eher von einem bedächtigen Wenden der Seiten. Man wird mit dem Werk Bruegels in einer Art und Weise konfrontiert, die ein ganz genaues Betrachten, ein Hineinfallen in die Bilder, Zeichnungen und Kupferstiche ermöglicht. Und da stellt sich gleich einmal eine Frage: Natürlich ist es ein Unterschied, ob man Musik im Konzertsaal hört oder auf einem digitalen, elektronischen Medium. Und genauso unterschiedlich ist es, ob man sich Bilder im Museum ansieht oder in einem Buch. Es ist ja das Betrachten von Bildern in Museen heutzutage bei überhandnehmendem Kulturtourismus kein reines Vergnügen mehr. Das Gedränge vor den Meisterwerken und das allgegenwärtige Geplauder sind nur zwei Gründe, die wahrlich nicht dazu beitragen, einem reinen Kunstgenuss zu gewähren. (Eine gewisse Ähnlichkeit mit den hustenden, mit dem Programm raschelnden, Handydaten durchsuchenden Konzertbesuchern und -besucherinnen kann da schon gefunden werden.) Mit dem Buch ist man allein.

Die Abbildungen, manche weit größer als das Original, können ungestört betrachtet werden und eröffnen ungeahnte Einblicke. Die begleitenden Aufsätze informieren umfassend. Mit „Bruegel-Perspektiven“ wird begonnen, eingestimmt. Da ist von der frühen Wertschätzung die Rede, vom drastischen Erzählstil und vom völligen Mangel persönlicher Texte, von den theologischen Kontexten seiner Bilder und der Faszination, immer noch Neues und Unbekanntes entdecken zu können. Das nächste Kapitel widmet sich dem, was man über das Leben des Künstlers weiß, bevor dann gleich einmal in die „Wimmelbilder“ eingestiegen wird, in ein „Labyrinth der Deutungen“. Im konkreten Fall handelt es sich um „Die niederländischen Sprichwörter“, um „Kinderspiele“ und um „Der Kampf zwischen Fasching und Fasten“.

Pieter Bruegel d. Ä.: Kampf zwischen Fasching und Fasten, 1559. Kunsthistorisches Museum Wien, © KHM-Museumsverband

Pieter Bruegel d. Ä.: Kampf zwischen Fasching und Fasten, 1559. Kunsthistorisches Museum Wien, © KHM-Museumsverband

Wobei der Künstler immer gegen den Augenschein arbeite, nicht nur was das Schöne und das Hässliche betrifft, sondern auch das Sichtbare und das Unsichtbare (so der Kunsthistoriker). Beeindruckendes tut sich da vor einem auf, wenn man je zwei Doppelseiten aufklappt, so dass die Bilder auf vierfacher Buchgröße zu betrachten sind. Vom „inneren und äußeren Sehen“ ist danach die Rede, von den „Bildern verfehlter Gottessuche“. Dazu gehören die zwei Fassungen des „Turmbaus zu Babel“ (die ja auch in der Wiener Ausstellung miteinander verglichen werden!). Wie mit einem Teleobjektiv holen die Buchmacher da Details aus dem Bauwerk heraus und vergrößern es beängstigend. Im Kapitel „Die Hölle auf Erden“ werden Bosch und Bruegel miteinander in Beziehung gebracht. Den Grisaillen ist ein Beitrag gewidmet, bevor in „Feste feiern“ die Bauerndarstellungen gezeigt werden. Das gibt Anlass zum Eintauchen in die wohl bekanntesten Bruegel-Bilder, die von den Hochzeitsfesten und den vitalen Bauerntänzen.

Pieter Bruegel d. Ä.: Die Anbetung der Könige im Schnee, Schweizerische Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur, © Sammlung Oskar Reinhart »Am Römerholz«, Winterthur.

Pieter Bruegel d. Ä.: Die Anbetung der Könige im Schnee, Schweizerische Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur, © Sammlung Oskar Reinhart „Am Römerholz“, Winterthur.

Um die Landschaften und die Jahreszeiten und dann besonders um die Winterbilder geht es in den nächsten Kapiteln. Dicke, weiße Flocken schweben da über der „Anbetung der Könige im Schnee“. Auch da wieder, wie auf vielen seiner Bilder, ist das titelgebende Geschehen irgendwo am Rand versteckt, der Alltag nimmt sehr viel mehr Raum ein. „Eine Ästhetik der Subversion“ steht über dem Spätwerk, darunter die Bekehrung Pauli und das Schlaraffenland. Im „Epilog“ müssen die Autoren bekennen, dass „bei aller ausdeutenden Anstrengung seine Bilder etwas Rätselhaftes behalten: ‚Wer Pieter Bruegel war wissen wir nicht.‘“ Die zweite Hälfte des Buches wird von den Katalogangaben der Gemälde, der Zeichnungen und der Kupferstiche eingenommen.

Jürgen Müller/Thomas Schauerte: Pieter Bruegel. Das vollständige Werk. Taschen Verlag, Köln 2018.
Die weltweit erste große monografische Ausstellung über Pieter Bruegel d. Ä. und dessen Werk ist bis zum 13.1.2019 im Kunsthistorischen Museum Wien sehen. Das Museum hat dazu auch eine eigene Themenseite eingerichtet.