40 TAGE GEORGIEN

Kirche im Norden Georgiens. Alle Fotos © Constanze John.Kirche im Norden Georgiens. Alle Fotos © Constanze John.

Die Kaukasusrepublik Georgien findet seit einiger Zeit – genauso wie das benachbarte Armenien – zunehmend internationale Beachtung. Dabei geht es erfreulicherweise nicht mehr ausschließlich um politische Konflikte und wirtschaftliche Probleme, sondern allmählich gilt das Interesse auch der faszinierenden Kultur, den vielfältigen Traditionen und den beeindruckenden Landschaften, die in den beiden Ländern zu finden sind. Derzeit steht vor allem Georgien, das Gastland der „Frankfurter Buchmesse 2018“, im Mittelpunkt. Zahlreiche Bücher sind dazu in den vergangenen Monaten erschienen: Eine ganze Reihe von Reiseführern, aber auch Editionen literarischer Texte, Werke zu Kunst und Geschichte, etliche Kochbücher und auch ein Band über georgischen Wein. Eine der inhaltlich fundiertesten Dokumentationen unter den Neuerscheinungen ist der Band „40 Tage Georgien“ der deutschen Publizistin Constanze John.

Herkömmliche Reisetipps zu diversen touristischen Zielen, zu Hotels, Restaurants, Geschäften und dergleichen mehr sind in dem 416-Seiten starken Taschenbuch nicht zu finden. Auch keine bunten Hochglanzillustrationen, sondern lediglich Schwarz-weiß-Fotos, von der Autorin selbst aufgenommen, und ein paar handgezeichnete Landkarten. Denn „40 Tage Georgien“ ist kein Reiseführer, sondern Constanze John lässt die Lesenden jene Reise nachvollziehen, die sie selbst durch das Land zwischen Kaukasus und Schwarzem Meer unternommen hat, und sie versteht es, durch ihre Erzählung tiefe Eindrücke zu vermitteln – jede aufwändige Bebilderung ist da überflüssig. Übrigens: nach dem gleichen Muster und genauso überzeugend ist auch Johns 2015 erschienenes Buch „40 Tage Armenien“ gestaltet.

Blick auf das Zentrum von Tbilissi.

Blick auf das Zentrum von Tbilissi.

Die Reise beginnt in der georgischen Hauptstadt, die im Deutschen oft Tiflis genannt wird, deren georgischer (und auch international überwiegend gebrauchter) Name jedoch Tbilissi lautet, was sich, so erklärt Constanze John, „semantisch herleitet aus der Existenz der warmen Quellen der Stadt“, denn „tbili“ bedeutet „warm“. Der Verweis auf die Wärme hat weniger mit den oft heißen Sommern zu tun, sondern viel mehr mit den Thermalquellen, die im Stadtbereich zu finden sind. Aus ihnen sprudelt kohlensäurehaltiges Schwefelwasser, das seit Jahrhunderten in öffentlichen Bädern genutzt wird. Das Ritual dort – das Eingeseift-, Geschrubbt- und Massiert-Werden – ließ 1829 auch der Dichter Alexander Puschkin über sich ergehen, und Constanze John folgte seinem Vorbild.

Im Bäderviertel von Tbilissi

Im Bäderviertel von Tbilissi

Eine der Stationen auf Constanze Johns Reise durch Georgien ist Gori, nordwestlich von Tbilissi – eine mittelgroße Stadt, die kaum besonders Sehenswertes hat, in der sich aber dennoch ein spezieller touristischer Anziehungspunkt befindet: nämlich das Stalinmuseum. Denn der sowjetische Diktator Josef Stalin – der eigentlich Dschughaschwili hieß – wurde 1878 in Gori geboren. 1957, vier Jahre nach seinem Tod, wurde ihm zu Ehren das Museum eingerichtet, über dessen Berechtigung heutzutage viele Diskussionen geführt werden. Für ein Weiterbestehen – unter Voraussetzung gründlicher fachlicher Überarbeitung – spreche unter anderem, so erfährt Constanze John, dass „ohne den Publikumsmagneten Stalin“ die wirtschaftliche Lage noch schlechter wäre, als sie ohnehin schon ist, denn „das Bisschen, was in Gori hereinkommt, das kommt durch den Tourismus herein.“ Bedenklich allerdings ist, so meint der Literaturwissenschaftler Lasha Bakradze, der einer Kommission über die Zukunft des Museums angehört, dass Stalin in der Region zum Teil immer noch als eine Art Held gesehen wird: „Die Leute hier sind nicht so gut aufgeklärt über Stalins Rolle, auch nicht über seine Rolle in der Geschichte Georgiens. Dazu kommt natürlich dieser ganz primitiv verstandene Patriotismus. Und das ist vielleicht auch ein Trauma für Georgien: Wir wurden von Russland kolonisiert. Und dann hat es sozusagen ein Georgier geschafft, an die Spitze dieses russischen Reiches zu kommen, unter der kommunistischen Herrschaft der Sowjetunion. Und das war so etwas wie eine Rache an Russland. Das ist natürlich ein sehr primitives Verständnis der Geschichte; wobei ich glaube, auch das spielt eine Rolle.“

Das Stalinmuseum in Gori

Das Stalinmuseum in Gori

Lasha Bakradze ist eine jener vielen Persönlichkeiten, die Constanze John auf ihrer Reise getroffen hat. Menschen unterschiedlichen Alters, aus verschiedensten Berufsgruppen, aus vielen Regionen des Landes kommen in dem Buch zu Wort, wodurch ein überaus vielfältiges, detailreiches Bild entsteht. Natürlich gehören auch Essen und Trinken zu den Gesprächsthemen – immerhin gilt Georgien ja als „Geburtsland“ des Weinbaus. Denn vermutlich schon früher als sonst irgendwo und nachweislich bereits vor rund 8.000 Jahren wurde hier Wein kultiviert. Und seit jeher gehört dazu die Verwendung der „Kvevris“, jener Weinbehälter aus Ton, die es in allen Größen gibt – von 18 bis zu 2.200 Liter Fassungsvermögen – und die seit einigen Jahren zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören.

Kvevri – die traditionellen tönernen Weinbehälter

Kvevri – die traditionellen tönernen Weinbehälter

Constanze Johns Buch macht Lust auf eine Reise nach Sakartwelo, wie die Georgier ihr Land nennen (und das sie, in ihrer so schön geschwungenen Schrift, საქართველო schreiben). Es eignet sich als hervorragende Lektüre zur Vorbereitung, aber auch nach der Reise, zur Vertiefung. Und für alle, die gerade nicht reisen können oder wollen, ist es auf jeden Fall eine wunderbare Lese-Reise!

Constanze John: 40 Tage Georgien. DuMont Reiseverlag, Ostfildern 2018. Auch als E-Book erhältlich.