LITERARISCHES GEORGIEN

Georgische Landschaft. Foto: B. DenscherGeorgische Landschaft. Foto: B. Denscher

LeserInnen erinnern sich, wie die Literatur aus den diversen Gastländern der Frankfurter Buchmesse hier im deutschen Sprachraum eingeschlagen hat: der exotische Zauber der Südamerikaner oder die ganz eigenartige Faszination, die niederländische AutorInnen ausgeübt haben, um nur zwei herausragende Beispiele zu nennen. Genau so könnten Bücher aus Georgien, von denen ja diesmal in Frankfurt mehr als 150 Neuübersetzungen vorgestellt wurden, hier bei uns einschlagen. Dazu im Folgenden drei Empfehlungen: „Eine literarische Einladung“ nach Georgien und zwei ganz besondere Romane, die von unbekannten Welten erzählen.

Die literarische Einladung: Da steht ziemlich am Anfang ein Text der deutsch schreibenden Nino Haratischwili, der durch Ironie aufhorchen lässt: „Kritisiere nichts, was heilig ist – das heißt, ungefähr alles, was mit diesem Land zu tun hat.“ In den Texten dieses Sammelbandes ist immer wieder von Trinksprüchen und Gastmahlen die Rede, bevor dann auf die politische Situation, die jüngere und jüngste Vergangenheit eingegangen wird. Aber auch todtraurige Liebesgeschichten enthält die Auswahl, dann prallen wieder Weltanschauungen aufeinander: traditionell Althergebrachtes mit rotzig-frechem Aufbegehren. Gefühlvolle Kindheitserinnerungen sind genauso zu finden wie Streifzüge durchs bäuerliche Land. Die Herausgeber, Manfred Heinfeldner und Lena Luczak, haben aber nicht nur georgische Autoren zu Wort kommen lassen, sondern auch prominente Besucher des Landes, wie Boris Pasternak, Iwan Bunin oder Konstantin Paustowski, und bieten somit eine Vielfalt, die dazu einlädt, sich intensiver auf Spezielles einzulassen.

Buchcover

„Der Held im Pardelfell“, ein Ritterroman aus der Zeit um 1200, gilt als das berühmteste Buch Georgiens, das dort angeblich jedes Kind kennt, weil nämlich – so Tilman Spreckelsen, der Verfasser der deutschen Nacherzählung – die georgische Sprache des Mittelalters der heutigen viel ähnlicher ist als das Mittelhochdeutsche dem modernen Deutsch. Nach dem Romanautor, nach Schota Rustaweli, sind der Flughafen und eine Prachtstraße in der Hauptstadt Tiflis benannt, er ist auch auf Geldscheinen zu sehen. Rustaweli ist in der georgischen Literatur überpräsent, an ihm müssen sich die zeitgenössischen SchriftstellerInnen abarbeiten, die Aphorismen aus dem Roman sind Allgemeingut. Worum es geht? Um komplizierte Verhältnisse zwischen zwei Männern und einer Frau, die Spreckelsen so nacherzählt, dass man sich lustvoll ins georgische Mittelalter zurückbegibt. Die Illustratorin Kat Menschik hat für dieses Buch eine ganz eigene Bildsprache gefunden.

„Verzückung“ heißt ein Roman aus den 1920er Jahren, der nach wie vor fasziniert. Sein Autor: Iliazd, das Pseudonym des russisch-georgisch-französischen Allroundgenies Ilya Zdanevič. Das von dadaistischen, futuristischen und symbolistischen Elementen geprägte literarische Werk dieses Designers und Typographen, der u.a. mit Picasso befreundet war, wurde erst spät entdeckt. In „Verzückung“ entführt Iliazd die Lesenden in eine wunderbar fantastische Bergwelt, in der leidenschaftliche Menschen leben, „die sich über die vom Flachland diktierten Gesetze hinwegsetzen.“ Wild und mysteriös ist die Handlung, in die man hineingeschmissen wird, die man am Schluss atemlos verlässt.

Georgien. Eine literarische Einladung, hg. von Manfred Heinfeldner u. Lena Luczak, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2018.
Schota Rustaweli: Der Held in Pardelfell, nacherzählt von Tilman Spreckelsen, Verlag Galiani, Berlin 2018.
Iliazd: Verzückung, a.d. Russischen v. Regine Kühn, Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2018.