TYPISCH WEINVIERTEL: DIE KELLERGASSE

Kellergasse in Poysdorf. Alle Fotos: B. DenscherKellergasse in Poysdorf. Alle Fotos: B. Denscher

Ein Charakteristikum der Weinbauregionen im Osten Österreichs sind die Kellergassen. Es sind dies Wege, gesäumt von Weinkellern, deren Zugänge wie kleine Häuschen gestaltet sind. Zwar gibt es derartige Kellergassen auch in einigen anderen Weinanbaugebieten, so etwa im südlichen Tschechien, in Ungarn, der Slowakei sowie vereinzelt in Slowenien und Deutschland – nirgendwo sonst aber sind sie in einer derartigen Dichte vorhanden wie im niederösterreichischen Weinviertel. An die 1.100 Kellergassen – oder, wie sie auch genannt werden, Kellertriften – sind hier zu finden, meist etwas außerhalb der Ortschaften, an jenen Wegen, die zu den Weinbauflächen führen.

In der Kellergasse von Herrnbaumgarten

In der Kellergasse von Herrnbaumgarten

Entstanden sind die Weinviertler Kellergassen ab dem 18. Jahrhundert. Sozialgeschichtlich steht dies in Zusammenhang mit dem Beginn der sogenannten „Bauernbefreiung“ unter der Regentschaft von Maria Theresia und Joseph II. Zuvor befand sich die Weinwirtschaft, die in der Region schon seit Jahrhunderten intensiv betrieben wurde, ganz in Händen der adeligen oder kirchlichen Grundherrschaften, denen die Bauern zuliefern mussten. Erst als durch die allmähliche Lockerung dieser Abhängigkeitsstrukturen den Bauern eigener Besitz zugestanden und selbständiges Wirtschaften ermöglicht wurden, entstand der bis heute bekannte Typus des Weinbauern, der seinen eigenen Wein produziert – und im eigenen Weinkeller, in der Kellergasse, lagert.

Weinkeller in der Kellergasse von Falkenstein

Historischer Weinkeller in der Kellergasse von Falkenstein

„Als Bestandteil des Selbstversorgerkonzepts jeder bäuerlichen Einheit der Region spielten und spielen die Weinkeller in den Kellergassen im Leben der Menschen eine tragende Rolle. Auf Grund ihres Verbreitungsgrades, der Wiedererkennbarkeit und Einzigartigkeit der historischen Kulturlandschaft und ihres auch heute noch mehrheitlich authentischen Erhaltungszustandes sind die Kellergassen für die Region in hohem Maß identitätsstiftend“, schreibt der Architekt und Mitarbeiter des Bundesdenkmalamtes Gerold Eßer in einem Aufsatz über die Weinviertler Kellergassen.

Kellergasse Falkenstein

Kellergasse Falkenstein

Mit der Veränderung der Produktionsverfahren und Lagerungsweisen im Weinbau verloren die Kellergassen im Laufe des 20. Jahrhunderts mehr und mehr an Bedeutung. Viele der Keller wurden nicht mehr genutzt und drohten zu verfallen, manche wurden zu Freizeiträumen und Wochenendhäuschen umgebaut, wobei dabei oftmals mit geringer Sensibilität und wenig Rücksicht auf das ursprüngliche Erscheinungsbild vorgegangen wurde. Allerdings hat es diesbezüglich in letzter Zeit einen deutlichen Bewusstseinswandel gegeben und die Kellergasse wurde als kulturhistorisch bedeutsamer Ort erkannt. Dies führte dazu, dass noch intakte Ensembles originalgetreu bewahrt und gemäß denkmalpflegerischen Maßstäben restauriert werden. Und mit diversen zum Ambiente passenden Aktivitäten – vom einzelnen Weinausschank bis zu Kellergassenfesten – ist vielfach auch wieder neues Leben in die beschaulichen, engen Gassen eingezogen.

Kellergasse Poysdorf

Gerold Eßers Aufsatz „Die Weinviertler Kellergasse. Prägendes Element der Kulturlandschaft“ ist in der Broschüre „Denkmalpflege in Niederösterreich. Gemeinsames Erbe Europa“ (Band 58, 2018) erschienen. Die Broschüre ist kostenlos über die Abteilung Kunst und Kultur der Niederösterreichischen Landesregierung beziehbar und kann auch als pdf heruntergeladen werden.

Informationen über die Weinviertler Kellergassen mit Veranstaltungshinweisen u.v.m. finden sich auf der Weinviertel-Website.

Kellergassen-„Bewohner“ in Poysdorf

Kellergassen-„Bewohner“ in Poysdorf