VON KÜNSTLERVILLEN UND KÜNSTLERLEBEN

Gloriettegasse 14-16: Die von Josef Hoffmann entworfene Villa Skywa-Primavesi (Fassadendetail). Alle Fotos: B. DenscherGloriettegasse 14-16: Die von Josef Hoffmann entworfene Villa Skywa-Primavesi (Fassadendetail). Alle Fotos: B. Denscher

Vor einigen Jahren begann Werner Rosenberger seine Streifzüge durch Wiener Villenviertel schriftlich festzuhalten. „Im Cottage“ hieß das Buch über Wiens erste Adressen und ihre BewohnerInnen im „Dorf in der Stadt“ im 18. und 19. Bezirk, dem „Grätzel mit Goldrand“. Anschließend bestieg er die Hohe Warte, einen grünen Hügel am Rande Wiens, wo er ein weiteres berühmtes Villenviertel fand, das ihm Anlass gab, über Flair und Mythos dieser Gegend ein Buch zu schreiben: „Auf der Hohen Warte“. Und nun ist wieder von einem „Dorf in der Stadt“ die Rede, diesmal im 13. Bezirk, in Hietzing, und unter dem Motto „Von Künstlervillen & Künstlerleben“.

Villa Skywa-Primavesi

Villa Skywa-Primavesi

„Das Village von Wien“ nennt Rosenberger das Grätzel zwischen Schönbrunn und Lainzer Tiergarten in der Einleitung, um dann auf knapp dreihundert Seiten mit dem Schloss Ober Sankt Veit zu beginnen, gleich darauf das Wirken Mozarts in Schönbrunn zu beschreiben und folgerichtig auf dem Hietzinger Friedhof zu enden. Das Register am Ende des Buches umfasst rund eintausend Namen, von ihnen allen ist in 27 Kapiteln die Rede. Ein Verdienst von Werner Rosenberger ist es dabei, Namen dem Zu-Unrecht-Vergessenwerden zu entreißen. So wird es an einem selbst liegen, sich eventuell zuerst einmal mit den Prominenten, jetzt noch Bekannten, näher zu befassen, also etwa Leo Fall, Gustav Klimt, Carry Hauser oder Hans Moser.

Portalschmuck am Haus Trauttmansdorffgasse 11, in dem der Komiker und Kabarettist Heinrich Eisenbach eine Wohnung hatte

Portalschmuck am Haus Trauttmansdorffgasse 11, in dem der Komiker und Kabarettist Heinrich Eisenbach eine Wohnung hatte

Oder über all jene nachzulesen, deren Namen man vielleicht irgendwann einmal gehört hat, über die einem aber nähere Umstände nicht bekannt sind. Rosenberger macht sie bekannt. Er kennt – um nur ein Beispiel zu nennen – die Schauspielerin Leopoldine Konstantin, über die der Schriftsteller Anton Kuh vermerkte, dass sie eine „erotische Fieber-Virtuosin“ sei. Außerdem war sie 1911 die erste Buhlschaft in Hofmannsthals „Jedermann“ und später eine böse alte Dame in einem Hitchcock-Film. Ihr Kapitel trägt den Titel: „Tante Leo kam bis Hollywood“. Daran erkennt man den Kulturjournalisten. Er weiß, wie er seine Leser in eine Geschichte hineinzieht.

Trauttmansdorffgasse 29: In dieser Villa wohnte Leopoldine Konstantin

Trauttmansdorffgasse 29: In dieser Villa wohnte Leopoldine Konstantin

„Eine Amour fou wird zu Musik“ steht über dem Kapitel über den Zwölftonkomponisten Alban Berg. Man meint zu wissen, dass es da sicher um die Beziehung zwischen Berg und Hanna Fuchs-Robettin geht, der Schwester Franz Werfels. Ja, schon auch, aber in diesem Kapitel, das mit dem „Mohren von Hietzing“ beginnt und mit einem Ford-Cabriolet endet, ist noch von einigen anderen Affären und heimlichen Verbindungen die Rede.

Gedenktafel am Haus Trauttmansdorffgasse 27

Gedenktafel am Haus Trauttmansdorffgasse 27

Um bei den Komponisten zu bleiben: im Kapitel „Wie ein Mythos entsteht“ werden die wahren und die erfundenen Geschichten rund um Franz Schubert säuberlich getrennt, beginnend im Gasthof „Zum weißen Engel“ am Hietzinger Platz 5 und endend im Haus Maxingstraße 18, in dem Julius Schmid im Auftrag der Stadt Wien zu Schuberts hundertstem Geburtstag das Gemälde „Schubertabend in einem Wiener Bürgerhaus“ malte. Auch das ist typisch für Rosenberger, er nimmt einen Faden auf, weiß aber ganz genau, dass zu diesem Faden ein großer, bunter Teppich gehört. Von dem natürlich auch erzählt werden muss. Weil alles ja mit allem irgendwie zusammenhängt. Er hat den langen Atem, um von Hundertsten ins Tausendste zu kommen, kann aber auch kurze Pointen erzählen.

Fassade des Hauses Trauttmansdorffgasse 27

Fassade des Hauses Trauttmansdorffgasse 27

Der Untertitel verspricht neben Künstlerleben auch Künstlervillen – das heißt, es geht auch um Architektur, Adolf Loos kommt mit seinen Postulaten genauso zu Wort wie Josef Frank, der mit der Villa Beer ein revolutionäres Wohnkonzept verwirklichte, zu Wort kommen aber auch die konservativen Hietzinger, die mit Josef Hoffmanns Villa Skywa-Primavesi nichts anzufangen wussten. Selbstverständlich ist das Buch adäquat illustriert – so zeigt das Titelbild das Parkhotel Schönbrunn vor 110 Jahren – und ebenso selbstverständlich hilft eine Karte von Hietzing die Schauplätze der einzelnen Kapitel zu besichtigen.

Wattmanngasse 47: Hier wohnte fast sechs Jahrzehnte lang die Burgschauspielerin Lotte Medelsky mit ihrem Mann, dem Schauspieler Eugen Frank.

Wattmanngasse 47: Hier wohnte fast sechs Jahrzehnte lang die Burgschauspielerin Lotte Medelsky

Werner Rosenberger: Hietzing. Von Künstlervillen & Künstlerleben. Amalthea Verlag, Wien 2018.