WEIHNACHTSBÜCHER

Ausschnitt aus dem von Lisa Manneh gestalteten Cover zu „Winter. Das große Lesebuch für die ganze Familie“Ausschnitt aus dem von Lisa Manneh gestalteten Cover zu „Winter. Das große Lesebuch für die ganze Familie“, erschienen im Herder Verlag.

Eines vorweg: Ich mag Weihnachten, ich habe es gern, mir Idylle vorzustellen. Sehr wohl wissend, dass…

Eine Möglichkeit, sich sowohl in die Idylle als auch in deren Hinterfragung zu begeben, sind Bücher zur und für die Weihnachtszeit. Es ist doch so, dass es Geschichten gibt, die man schon Jahre und Jahrzehnte – manche schon seit der Kindheit – mitnimmt. Und deren literarischen Wert man nicht hinterfragt. Sei es nun die Christtagsfreude, die Peter Rosegger holen ging, oder „Das Geschenk der Weisen“ von O. Henry, die Weihnachtsgeschichte des Charles Dickens oder die Erzählungen Karl Heinrich Waggerls aus „Und es begab sich“. Die Stimme des Alten aus dem salzburgischen Wagrain habe ich noch im Ohr, ganz tief und ganz langsam las er seine Geschichten und bezauberte Jahr um Jahr. Man ließ sich damals, in den 1950er Jahren, ein auf diese Naivität, man wollte es so, Weihnachten sollte so sein.

Ganz anders dann schon bei Heinrich Böll. Der war ja einer der ersten, der es wagte, in „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ die Idylle zu hinterfragen, so dass er sich von einem Pfarrer „Verunglimpfung des deutschen Gemüts“ vorwerfen lassen musste, aber seine Erzählung „So ward Abend und Morgen“ gehört für mich zu einer der schönsten weihnachtlichen Geschichten, weil sie das Dilemma zwischen Erwartung und tatsächlichem Geschehen aufzeigt, dennoch aber in Glückseligkeit endet. Eine, die ich Jahr für Jahr hören kann, ist von Erich Kästner und ganz im Ton seiner Jugendromane, wie etwa „Das fliegende Klassenzimmer“, geschrieben: nämlich „Felix holt Senf“. Es ist einmalig, wie der Dichter da zum guten Ende Sentimentalität durch eine Ohrfeige verhindert.

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Weihnachtserzählungen, Adventerzählungen, Wintergeschichten. Sie füllen ein ganzes Regal in der Bibliothek. Und alle Jahre wieder kommen neue dazu, die es aufs Neue schaffen… siehe oben. Da ist Nigel Slater, einer der weltweit berühmtesten Food-Journalisten, der „Das Wintertagebuch“ mit Rezepten, Notizen und Geschichten für die kalten Monate herausgegeben hat. Er zieht einen mit Winterlichem – und entsprechenden Erwärmungen – in das Buch hinein, fängt am 1. November mit einem Prosit auf die Wintersonnenwende an und endet zu Lichtmess am 2. Februar. Das ist zuerst einmal eine entsprechend illustrierte Sammlung von Rezepten zu Aufläufen, Chutneys, Kuchen, Puddings, Braten, Pasteten, Suppen und was man sich sonst noch auf winterlich-weihnachtlich-festlichen Tischen vorstellen kann. Zwischen seinen kulinarischen Schöpfungen für die vielen, vielen kalten Tage, erzählt Slater von diversen Bräuchen und gibt Anleitungen für das entsprechende Ambiente.

Ganz anders legt Ulrike Schrimpf ihr Buch über den „Winter“ an, sie stellt aus Geschichten, Gedichten, Liedern und doch auch Rezepten ein großes Lesebuch für die ganze Familie zusammen, nennt die Kapitel „Herbststürme und Schneegestöber“, „Schlittschuhe und Schneeballschlachten“, „Herausforderungen und Abenteuer“, „Eisbären und Weihnachtshunde“, und schließlich „Winterträume und Weihnachtswünsche“. Da ist vom Zusammenkommen die Rede, von den Erwartungen und Geheimnissen. Die Illustrationen von Lisa Manneh fügen sich sehr gut in die Grundstimmung dieses Buches ein.

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„Reclams Hausbuch zur Weihnachtszeit“ ist eines jener Bücher, die die Zeiten überdauern können. Da ist alles – säuberlich in Kapitel eingeteilt – enthalten, was man in einem Buch für die Weihnachtszeit sucht: Das Weihnachtsevangelium und die schönsten Lieder, die schönsten Geschichten und die schönsten Gedichte, Klassiker auf dem Plätzchenteller und weihnachtliches Brauchtum. Zwischen all dem ist aber auch ein Kapitel dem „Besinnlichen zur Weihnachtszeit“ gewidmet, mit Texten von Luther, Schleiermacher und Stifter sowie einer Predigt-Meditation von Dietrich Bonhoeffer. Diese Überlegungen gehen in die Tiefe und suchen das Geheimnis des Festes zu ergründen. Da, in diesem besinnlichen Kapitel, wird auch die Frage gestellt: „Aber ist denn das alte, alte, gute alte Weihnachten verschwunden?“ Und diese Frage müssen wahrscheinlich jede und jeder für sich selbst beantworten.

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Das waren jetzt einmal die großen Werke, die Hausbücher, die ohne weiteres die Jahre überstehen. Aber: Jahr für Jahr erscheinen auch kleinere Anthologien, die jeweils unter einem bestimmten Motto stehen, die neben den altbewährten auch immer wieder neue Texte enthalten. „Auf die Plätzchen, fertig, los“ heißt eine Sammlung von literarischen Leckerbissen, die Christine Stemmermann ausgewählt hat. Sie will überraschen, mit Texten etwa von Martin Suter und Henning Mankell, Texten, die auch in Kenia spielen können und in denen Weihnachtsfrauen unterwegs sind. Kurze Geschichten verspricht Dorette Winter in ihrer Sammlung mit dem Titel „Weihnachtsbescherung“. Die Titel der Kapitel lauten „Wintersonne“, „Bald geht‘s los“, „Endlich unterm Baum“ und „Nach dem Fest ist vor dem Fest“. Da findet man Texte unter anderem von Christine Nöstlinger, Gerhard Polt, Art Buchwald und Franz Hohler. Die Stimmung wechselt von alkoholisch über märchenhaft bis schließlich – und das sucht man ja – besinnlich.

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Etwas Originelles haben sich die Buchmacher bei Reclam für die Weihnachtszeit einfallen lassen, nämlich vier kleine schmale Büchlein, an denen zuerst einmal die Titel auffallen: „Statt Socken“, heißt einer, in dem „flotte“ Lektüre versprochen wird, „Statt Parfüm“ enthält „dufte“ Lektüre (darunter auch das schon oben erwähnte „Geschenk der Weisen“ von O. Henry), „Statt Krawatte“ „herrliche“ und „Statt Pralinen“ „süße“ Lektüre. Letztere Sammlung enthält die noch gar nicht so bekannte Geschichte von Andrea Schwarz: „Wie der Hl. Andreas die Weihnachtsplätzchen erfunden hat“.

Im Zuge der Bewegung, das Fest von seinem Heiligenschein zu befreien, war das Kulinarische ja noch eine eher harmlose und gefällige Angelegenheit. Doch irgendwann kam jemand auf die Idee, Kriminelles mit dem Fest der Freude in Verbindung zu bringen, und so entstanden die Weihnachtskrimis. Jede Suchmaschine hat unzählige Titel, von „Oh, du Tödliche“ bis „Blutige Kälte“, auf Lager. Vor dreißig Jahren, als das Thema noch nicht so inflationär war, schrieb die Schottin Jill McGown den Krimi „Redemption“. Nun hat Barbara Först den Weihnachtskrimi unter dem Titel „Mord im alten Pfarrhaus“ auf Deutsch herausgebracht. Da findet man sowohl einschlägige Zutaten wie verschneite Cottages und Brandy, aber auch unerwarteten Tiefgang, wenn der Pfarrer an seinem Schreibtisch sitzt und um die Worte für die Weihnachtspredigt ringt.

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Das Ende dieser weihnachtlichen Buchliste ist, nun sagen wir einmal, krass. Oder wie den Pressestimmen zu entnehmen ist: aberwitzig, verwirrend, absonderlich, absurd, skurril, rasant. So klangen die Reaktionen auf „Weihnachten“ von Maruan Paschen. Paschen ist gelernter Koch und hat außerdem ein Literaturstudium absolviert. In dem Buch geht es unter anderem um Geschenke-Auspacken als Strafe und um ein weihnachtliches Fondue-Essen mit Handschellen, von dem der Erzähler einem Therapeuten berichtet, weil der an eine Schweigepflicht gebunden ist und daher auch nichts über die Auslöschung der Familie verraten kann. Liest man „Manchmal fühlt es sich an, als gäbe es eine Mauer aus Familie zwischen mir und der Welt“, fällt einem als österreichischen Bildungsbürger gleich einmal Heimito von Doderers Aussage ein: „Wer sich in die Familie begibt, kommt darin um.“ Aber das hat ja nun wirklich nichts mit Weihnachten zu tun.

Nigel Slater: Das Wintertagebuch. Rezepte, Notizen und Geschichten für die kalten Monate. A.d. Englischen von Sofia Blind, DuMont, Köln 2018.
Ulrike Schrimpf (Hg.): Winter. Das große Lesebuch für die ganze Familie. Herder, Freiburg im Breisgau 2018.
Reclams Hausbuch zur Weihnachtszeit. Reclam, Ditzingen 2018.
Christine Stemmermann (Hg.): Auf die Plätzchen, fertig, los. Geschichten für fröhliche Weihnachten. Diogenes, Zürich 2018.
Dorette Winter (Hg.): Weihnachtsbescherung. Kurze Geschichten. Reclam, Ditzingen 2018.
Statt Krawatte, Statt Parfüm, Statt Pralinen, Statt Socken, Reclam, Ditzingen 2018.
Jill McGown: Mord im alten Pfarrhaus. Ein Weihnachtskrimi. A.d. Englischen von Barbara Först, DuMont, Köln 2018. Auch als E-Book erhältlich.
Maruan Paschen: Weihnachten. Matthes & Seitz, Berlin 2018. Auch als E-Book erhältlich.