LESENSWERT

Barthélémy d'Eyck, Stillleben mit Büchern, um 1442, Rijksmuseum Amsterdam.

Barthélemy d’Eyck, Stillleben mit Büchern, um 1442, Rijksmuseum Amsterdam.

Vier Bilder, aber eines fehlt noch
An Bildern hängt Haruki Murakami seinen Roman „Die Ermordung des Commendatore“ auf. Nun ist der zweite Teil erschienen, in dem Murakami die Geschichte vom einsamen Maler weiterführt, die Fäden aus dem ersten Teil weiter verknüpft, dabei immer ein perfektes Gleichgewicht von ausufernder Phantastik und detailliert beschriebenen Alltagsszenen bewahrt. Man kann nicht sagen, dass Murakami es sich und den LeserInnen leicht macht, wenn er den Faden von der „erscheinenden Idee“ (auf dem im Untertitel des ersten Teils verwiesen wird) nun weiterspinnt und zur „sich wandelnden Metapher“ kommt. Aber letztlich scheint sich alles in einem Happy-End aufzulösen, wobei man dem Erzähler da nicht wirklich trauen kann. Nach knapp 1.000 Seiten kommt er einfach zu schnell zum Ende, scheint dabei ganz den gesichtslosen Mann aus dem Prolog vergessen zu haben, dessen Porträt noch immer nicht gemalt ist. Das passiert einem mit höchsten Literaturpreisen ausgezeichneten Erzähler nicht einfach so. Er lässt sich also immer noch eine Möglichkeit offen, um weiterzuschreiben. Oder auch nicht. Wir werden sehen.
Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore. II. Eine Metapher wandelt sich. Übers.v. Ursula Gräfe, Verlag Dumont, Köln 2018.
(7.6.2018, K. Holzer)
Buchcover
Buchcover Pathos und Schönheit
Der 60-jährige Texaner George Saunders begann seine berufliche Karriere als Türsteher, Dachdecker und Schlachthausgehilfe. Doch im Lauf der Jahre wurde er zu einem der bedeutendsten Kurzgeschichtenautoren unserer Zeit, für seinen nun vorliegenden ersten Roman „Lincoln im Bardo“ bekam er 2017 gleich den britischen „Man Booker Prize“, einen der wichtigsten Literaturpreise weltweit. Das Buch: Ein immerwährendes Stimmengewirr. Das auslösende Ereignis für das Geschehen ist der Tod des Sohnes von Abraham Lincoln. Im Laufe des Romans wird immer wieder vom Sterben die Rede sein. Zentraler Ort der Handlung ist ein Friedhof und damit auch „Bardo“, dieses eigenartige Wort aus dem Titel, das aus dem tibetanischen Buddhismus kommt und auf den Zwischenzustand zwischen Leben und Tod verweist. Damit erklärt sich auch das Stimmengewirr: Alle, die dort auf dem Friedhof begraben sind, kommen zu Wort, ihr hauptsächliches Bestreben ist es, eine Verbindung zwischen dem trauernden Vater und dem Sohn, der sich ja noch im „Bardo“ aufhält, herzustellen. Mitleid ist die Grundstimmung. Darüber aber hat der Autor in faszinierender Erzählkunst all das gelegt, was Menschsein ausmacht: die Toten erzählen aus ihrem Leben, von erfüllten Wünschen und unerfüllten Träumen. Saunders hält dieses Stimmengewirr meisterhaft zusammen.
George Saunders: Lincoln im Bardo, a.d. Amerikanischen von Frank Heibert, Luchterhand Verlag, München 2018.
(5.6.2018, K. Holzer)
Ein Klimt-Porträt
„Gretl, mir graut vor Dir“, soll der Philosoph Ludwig Wittgenstein – damals noch ein „sechzehnjähriger Heißsporn“ – gesagt haben, als er das von Gustav Klimt gemalte Porträt seiner Schwester Margaret sah. Und auch vierzig Jahre später, als Margaret Stonborough-Wittgenstein das Bild ihrem Enkel Pierre zeigte, meinte der, dass es kein besonders guter Maler gewesen sei, dem sie Modell gestanden war. All das erfährt man in Margret Greiners Romanbiografie „Margaret Stonborough-Wittgenstein“ über die „Grande Dame der Wiener Moderne“. Greiner ist geübt darin, Romanbiografien über Frauen zu schreiben, die mit Malerei zu tun haben: So verfasste sie eine über Charlotte Salomon, eine über das Ehepaar Charlotte Berend-Corinth und Lovis Corinth und eine über die Modeschöpferin und Klimt-Gefährtin Emilie Flöge. Im aktuellen Buch lässt einen die Autorin voll und ganz in das Leben der Familie Wittgenstein eintauchen – doch wie weit sie das alles aus einschlägigen Quellen geschöpft hat oder selbst erfunden, bleibt offen.
Margret Greiner: Margaret Stonborough-Wittgenstein. Grande Dame der Wiener Moderne, Kremayr & Scheriau, Wien 2018.
(21.5.2018, K. Holzer)
Buchcover
Buchcover Der Zauber alter Romane
Romane aus den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts werden mit großem Erfolg wieder aufgelegt. So etwa „Ein Baum wächst in Brooklyn“, für den Betty Smith 1944 den Pulitzerpreis erhielt. Heldin ist die 11jährige Francie, Schauplatz ist Williamsburg, ein Viertel im New Yorker Stadtteil Brooklyn, Zeit des Geschehens 1912. Die Erzählerin beschreibt Idylle, wenn Francie an Sonntagnachmittagen auf der Feuerleiter sitzt und in ihren Büchern gleichsam untertaucht. Der Roman ist aber auch beinharte Sozialreportage: altbackenes Brot bestimmt den wöchentlichen Speiseplan, und ganz selten bleibt ein Cent für Süßigkeiten übrig. Ansonsten findet mehr oder weniger idyllisch Familienleben statt, Hoffnung hilft die Armut zu ertragen. So taucht man nun – dank einer deutschen Neuübersetzung – in eine völlig fremde Welt ein, die sowohl bezaubert, als auch klar und nüchtern das damalige Leben schildert.
Viel weiter zurück geht Janet Lewis in „Die Frau, die liebte“. Sie erzählt die auf tatsächlichen Geschehnissen basierende Geschichte von Martin Guerre aus dem französischen Mittelalter neu. Guerre verließ Frau und Kind, Haus und Hof, um dann nach acht Jahren wiederzukehren. Das anfängliche Glück bei Bertrande, seiner Frau, weicht Zweifeln. Sie – die Frau, die liebte – ist die eigentliche Heldin in diesem Buch. 1941 geschrieben, taucht es tief in die mittelalterliche Szenerie ein. Damals waren die Bilder von den düsteren Räumen, dem offenen Feuer und den kupfernen Kesseln noch neu und unverbraucht. Uns ist das alles mittlerweile durch viele Filme bekannt. Und doch hinterlässt es einen anderen Eindruck, das alles erzählt zu bekommen. Janet Lewis schafft es, uns diese Frau aus dem Mittelalter ganz nahe zu bringen.
Betty Smith: Ein Baum wächst in Brooklyn. Übersetzung Eike Schönfeldt, Insel Verlag, Berlin 2017. 
Janet Lewis: Die Frau, die liebte. Übersetzung Susanne Höbel, dtv Verlagsgesellschaft, München 2018.
(10.5.2018, K. Holzer)
„Literatur erlaubt alles“
Das Geschick des Autors „komplexe Geschichtszusammenhänge komprimiert zu erzählen, ohne dabei an Substanz einzubüßen“ veranlasste die Jury des Prix Goncourt den renommierten französischen Literaturpreis 2017 an Éric Vuillard für dessen Roman „Die Tagesordnung“ zu verleihen. Vuillard lässt seinen Text am 20. Februar 1933 beginnen: Da sagen 24 deutsche Industriekapitäne den Nationalsozialisten ihre Unterstützung zu. Das Schwergewicht des Werkes aber liegt auf der Annexion Österreichs. Vuillard hat einschlägige Quellen studiert, tritt jedoch nicht als objektiver Historiker auf, sondern gießt all seinen Hohn und Spott vor allem über die österreichischen Politiker Schuschnigg und Miklas („ein dümmlicher Kerl ohne Selbstwertgefühl“) aus. In einer editorischen Notiz schreibt er am Ende des Romans: „Die Literatur erlaubt alles … auch das freie Nacherzählen von Geschichte.“ Vuillard tut dies in einer literarisch überinstrumentalisierten Sprache, und scheut nie vor Pathos zurück. So beginnt er seinen Roman: „Die Sonne ist ein kaltes Gestirn. Ihr Herz aus eisigen Dornen.“ Grell und plakativ ist diese perfekt montierte Abfolge von historischen Szenen und Ereignissen, die bis hin zum Nürnberger Prozess reicht.
Éric Vuillard: Die Tagesordnung, a.d. Französischen v. Nicola Denis, Matthes & Seitz, Berlin 2018.
(18.4.2018, K. Holzer)
Geschichtenerzähler: Paul Auster und César Aira
Zwei schmale Bändchen. Das eine ist von Paul Auster und trägt den Titel „Das rote Notizbuch“. Auster machte zuletzt mit seinem über 1200 Seiten dicken Weltbestseller „4321“ Furore. Nun ist „Das rote Notizbuch“ aus dem Jahr 1995 erstmals vollständig auf Deutsch, 112 Seiten dünn und in bibliophiler Gestaltung, aufgelegt worden. Auster sammelte 25 kurze Geschichten, die entweder er erlebt hat oder die ihm Freunde erzählt haben. Der gemeinsame Nenner ist der Zufall, der in jeder der Erzählungen eine überraschende Rolle spielt, und zwar so überraschend, dass man meinen könnte, die Geschichten seien erfunden. Man liest haltlos eine nach der anderen, weil man wissen möchte, was denn in der jeweils nächsten Unwahrscheinliches passieren werde. Dabei schlägt Auster einen ganz nüchternen Ton an, er will nicht hohe Literatur machen, er will einfach eine Geschichte erzählen. Wobei: ist das nicht schon hohe Literatur?
Ganz anders geht es der Argentinier César Aira an. Wenn in Austers Geschichten der Zufall Regie führt, dann ist es in „Die Schneiderin und der Wind“ die überbordende Phantasie des Erzählers. Er leitet das Buch mit der überraschenden Erkenntnis ein, dass Vergessen eine Empfindung wäre, wir meinen nur, etwas vergessen zu haben, „dabei ist es gar nicht passiert.“ Dann beginnt er eine vorerst einmal ganz harmlose Geschichte von einer Schneiderin zu erzählen, doch bald geht seine Phantasie mit ihm durch, dass sogar er feststellen muss: „Das mag alles sehr surreal erscheinen, dafür kann ich nichts.“ Und so setzt er eine unwahrscheinliche Begebenheit an die andere, erfindet und fabuliert weiter und immer weiter, „bis es kein Weiter mehr gibt.“ Aber da ist erst in der Hälfte des Buches erreicht!
Paul Auster: Das rote Notizbuch, a.d. Amerikanischen von Werner Schmitz, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2018
César Aira: Die Schneiderin und der Wind, a.d. Spanischen von Christian Hansen, Matthes & Seitz, Berlin 2017
(7.4.2018, K. Holzer)
Sie ‚machen Welt‘
„Wir sprechen kaum von ihnen und vergessen ihre Namen. Die Philosophie hat sie schon immer vernachlässigt, aus Geringschätzung mehr als aus Unachtsamkeit. (…) Doch bei all dieser langen Missachtung bleiben sie ungerührt: Mit einer souveränen Gleichgültigkeit begegnen sie der Welt des Menschen, der Kultur der Völker, dem Wechsel von Reichen und Epochen“ – so der Philosoph Emanuele Coccia im Prolog zu seinem Buch „Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen“. Dem in Paris lehrenden Hochschulprofessor geht es darum, die Welt aus der Perspektive der Pflanzen zu sehen, abzugehen von der dominierenden mensch- bzw. tierzentrierten Sichtweise. „Was die Welt ist, müssen wir von den Pflanzen erfragen – denn eben sie ‚machen Welt‘. Diese Welt ist für die allermeisten Organismen ein Produkt des pflanzlichen Lebens, Produkt der uralten Besiedelung unseres Planeten durch die Pflanzen.“
Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen, a. d. Französischen v. Elsbeth Ranke, Hanser Verlag, München 2018. Auch als E-Book erhältlich.
(24.3.2018, Barbara Denscher)
Buchcover
Buchcover von Esther Kinskys Roman Hain Preis der Leipziger Buchmesse 2018 für Esther Kinskys „Hain“
Seit 2005 werden im Rahmen der Leipziger Buchmesse herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen in den Kategorien „Belletristik“, „Sachbuch/Essayistik“ und „Übersetzung“ ausgezeichnet. Der Belletristik-Preis ging diesmal an die in Berlin lebende Esther Kinsky für ihr Buch „Hain“. Kinsky nennt das Werk „Geländeroman“: Dieser handelt von einer trauernden Frau, die auf ihre Art und Weise italienische Orte beschreibt. Es sind keine bekannten, vom Tourismus überlaufenen, nein, der eine ist irgendwo in der Nähe von Rom, der andere im Delta des Po. Dennoch schafft es die Erzählerin, Italianitá zu vermitteln, sie schreibt gleich am Anfang von der Begegnung mit dem „Jenseits-der-Alpen-Licht“. Wenn sie in den kleinen Ortschaften umhergeht, klingt in jedem ihrer Worte, ihrer Sätze, ihrer Beschreibungen dieses idealtypische Italien-Bild an, das wohl jeder von uns ganz subjektiv in sich miträgt. Die Erzählerin geht auf die Märkte und auf die Friedhöfe, sie geht durch die engen Gassen und berichtet von dem, was sie hört. Die Jury lobte an Esther Kinsky ihre Fähigkeit, Landschaftsbilder mit Worten erstehen lassen zu können: „Ich stellte mir ein Stück flacher nebelumwallter Flusslandschaft Norditaliens vor, das knapp unterhalb einer sehr niedrig hängenden Wolkendecke zwischen Himmel und Erde schwebte. Die spärlichen Pappelhaine waren der Landschaft Anker in den Lüften.“
Esther Kinsky: Hain. Geländeroman, Suhrkamp Verlag, Berlin 2018.
(16.3.2018, K. Holzer)
Fantastische Porträts
Haruki Murakami gewährt in „Die Ermordung des Commendatore“ wieder einmal Einblick in seine ganz besondere Welt, in der sich die weltweit in die Millionen gehende Leserschaft ziemlich genau auskennt. Ein melancholischer Held geht durch die Geschichte, die über lange Strecken von den Wiederholungen des Alltags geprägt ist. Abwechslung bringt sein Beruf, er ist Maler, hauptsächlich Porträtmaler. Für den Erzähler ist das die Gelegenheit, die Leserschaft in die Besonderheiten der japanischen Malerei einzuweihen. Und dann sind da noch die fantastischen, surrealen Ausritte, die übersinnlichen Begebenheiten, die sich ganz langsam in die Handlung einfügen oder erschreckend plötzlich auftauchen. In deren Erfinden ist Murakami einsamer Meister. Er bettet das alles in seine Begeisterung für europäische klassische Musik, umgibt seinen Helden mit einigen wenigen Männern und Frauen, lässt da den unerotischsten Sex der zeitgenössischen Literatur zu. Das Abgefeimte an dem Buch ist, dass alles offenbleibt.
Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore. I. Eine Idee erscheint. Verlag Dumont, Köln 2018.
(27.1.2018, K. Holzer)
Buchcover
„Knappes Berichten, prägnantes Feststellen“
Die 1888, in Wien geborene Vicki Baum wurde weltberühmt durch ihren Roman „Menschen im Hotel“. Zu entdecken gilt es aber auch ihre Feuilletons. 70 davon sind nun unter dem Titel „Makkaroni in der Dämmerung“ publiziert worden. Es ging der Autorin bei ihren Kurztexten um „knappes Berichten, prägnantes Feststellen und kurze Übergänge“. Vicki Baum war ausgebildete Harfenistin, veröffentlichte schon als 20jährige in Wiener Zeitschriften, 1914 erschien ihr erster Roman, 1929 „Menschen im Hotel“, 1932 emigrierte sie in die USA, 1933 wurden ihre Bücher vom NS-Regime verboten. Auch in den Vereinigten Staaten blieb sie in ihrem Metier als Drehbuch-, Roman- und Feuilletonautorin erfolgreich. Zu ihren Texten, meinte sie, dass es schwieriger sei, so zu schreiben, dass es einem breiten Lesepublikum gefalle, „als so wie man‘s selbst mag“. Davon, dass ihr dieses Schreiben fürs Publikum perfekt gelang, kann man sich in dem Feuilletonband überzeugen. Es ist ein leichtes Plaudern über Mode und Musik, Frauen, Tanz oder Erotik, das, bei aller scheinbar oberflächlichen Perfektion, doch auch tiefer geht.
Vicki Baum: Makkaroni in der Dämmerung. Edition Atelier, Wien 2018.
(23.1.2018, K. Holzer)
Kunst-Krimi
Es war ein verstaubtes Porträt von König Charles I., das der englische Buchhändler John Snare 1845 bei einer Auktion billig ersteigerte. Als sich Snare aber das Gemälde genauer besah, entdeckte er, dass er einen sensationellen Kauf gemacht hatte. Denn es handelte sich um eine verloren geglaubte Arbeit des spanischen Malers Diego Velázquez. Snare brachte sich mit dem Bild, das er auch ausstellte, allerdings an den Rand des Ruins. Er wurde beschuldigt, das Gemälde gestohlen zu haben, es folgte ein Prozess, den er zwar gewann, der ihn aber in den Bankrott trieb. Fluchtartig verließ Snare England und reiste, mitsamt dem Bild, nach New York, wo sein Velázquez noch einmal für Aufsehen sorgte – und dann auf mysteriöse Weise verschwand. Die britische Kunsthistorikerin Laura Cumming ist all dem nachgegangen und hat dabei einen veritablen Kunst-Krimi entdeckt. Gleichzeitig nutzt sie die Geschichte als Ausgangspunkt zur Beschäftigung mit Leben und Werk von Diego Velázquez.
Laura Cumming: Der verschwundene Velázquez. Verlag S. Fischer, Frankfurt a.M. 2017.
(18.1.2018, Barbara Denscher)
Buchcover Ein Moment wie früher
Die junge österreichische Autorin und Übersetzerin Laura Freudenthaler gibt ihrem Roman, in dem aus einem Bauernkind eine Schulmeisterin wird, den Titel „Die Königin schweigt“. Denn einen kurzen Augenblick in diesem so gar nicht märchenhaften Leben war die Protagonistin Fanny so etwas wie eine Königin. Davon muss sie ihrer Enkeltochter, als die noch ein Kind ist, immer wieder erzählen. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen nahezu grenzenlos ineinander, in kurzen Abschnitten geht es hin und her zwischen Fanny, dem Kind und der alten Frau, die sieht, wie sich Gevatter Tod nähert. Das Buch, das ihr die Enkeltochter schenkt, damit sie darin ihr Leben aufschreiben könne, bleibt jedoch leer. Denn eine Rückkehr in den „entsetzlichen Vergangenheitswachtraum“ ist der alten Frau nicht möglich. „Die Königin schweigt“ ist ein meisterhaftes, ein stilles Buch, in dem die Autorin ihrer Heldin die Kraft gibt, Glück und Leid in Zaum zu halten.
Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt Literaturverlag Droschl, Graz-Wien 2017.
(12.1.2018, K. Holzer)