LESENSWERT

Barthélémy d'Eyck, Stillleben mit Büchern, um 1442, Rijksmuseum Amsterdam.

Barthélemy d’Eyck, Stillleben mit Büchern, um 1442, Rijksmuseum Amsterdam.

 

„Literatur erlaubt alles“
Das Geschick des Autors „komplexe Geschichtszusammenhänge komprimiert zu erzählen, ohne dabei an Substanz einzubüßen“ veranlasste die Jury des Prix Goncourt den renommierten französischen Literaturpreis 2017 an Éric Vuillard für dessen Roman „Die Tagesordnung“ zu verleihen. Vuillard lässt seinen Text am 20. Februar 1933 beginnen: Da sagen 24 deutsche Industriekapitäne den Nationalsozialisten ihre Unterstützung zu. Das Schwergewicht des Werkes aber liegt auf der Annexion Österreichs. Vuillard hat einschlägige Quellen studiert, tritt jedoch nicht als objektiver Historiker auf, sondern gießt all seinen Hohn und Spott vor allem über die österreichischen Politiker Schuschnigg und Miklas („ein dümmlicher Kerl ohne Selbstwertgefühl“) aus. In einer editorischen Notiz schreibt er am Ende des Romans: „Die Literatur erlaubt alles … auch das freie Nacherzählen von Geschichte.“ Vuillard tut dies in einer literarisch überinstrumentalisierten Sprache, und scheut nie vor Pathos zurück. So beginnt er seinen Roman: „Die Sonne ist ein kaltes Gestirn. Ihr Herz aus eisigen Dornen.“ Grell und plakativ ist diese perfekt montierte Abfolge von historischen Szenen und Ereignissen, die bis hin zum Nürnberger Prozess reicht.
Éric Vuillard: Die Tagesordnung, a.d. Französischen v. Nicola Denis, Matthes & Seitz, Berlin 2018.
(18.4.2018, K. Holzer)
Geschichtenerzähler: Paul Auster und César Aira
Zwei schmale Bändchen. Das eine ist von Paul Auster und trägt den Titel „Das rote Notizbuch“. Auster machte zuletzt mit seinem über 1200 Seiten dicken Weltbestseller „4321“ Furore. Nun ist „Das rote Notizbuch“ aus dem Jahr 1995 erstmals vollständig auf Deutsch, 112 Seiten dünn und in bibliophiler Gestaltung, aufgelegt worden. Auster sammelte 25 kurze Geschichten, die entweder er erlebt hat oder die ihm Freunde erzählt haben. Der gemeinsame Nenner ist der Zufall, der in jeder der Erzählungen eine überraschende Rolle spielt, und zwar so überraschend, dass man meinen könnte, die Geschichten seien erfunden. Man liest haltlos eine nach der anderen, weil man wissen möchte, was denn in der jeweils nächsten Unwahrscheinliches passieren werde. Dabei schlägt Auster einen ganz nüchternen Ton an, er will nicht hohe Literatur machen, er will einfach eine Geschichte erzählen. Wobei: ist das nicht schon hohe Literatur?
Ganz anders geht es der Argentinier César Aira an. Wenn in Austers Geschichten der Zufall Regie führt, dann ist es in „Die Schneiderin und der Wind“ die überbordende Phantasie des Erzählers. Er leitet das Buch mit der überraschenden Erkenntnis ein, dass Vergessen eine Empfindung wäre, wir meinen nur, etwas vergessen zu haben, „dabei ist es gar nicht passiert.“ Dann beginnt er eine vorerst einmal ganz harmlose Geschichte von einer Schneiderin zu erzählen, doch bald geht seine Phantasie mit ihm durch, dass sogar er feststellen muss: „Das mag alles sehr surreal erscheinen, dafür kann ich nichts.“ Und so setzt er eine unwahrscheinliche Begebenheit an die andere, erfindet und fabuliert weiter und immer weiter, „bis es kein Weiter mehr gibt.“ Aber da ist erst in der Hälfte des Buches erreicht!
Paul Auster: Das rote Notizbuch, a.d. Amerikanischen von Werner Schmitz, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2018
César Aira: Die Schneiderin und der Wind, a.d. Spanischen von Christian Hansen, Matthes & Seitz, Berlin 2017
(7.4.2018, K. Holzer)
Sie ‚machen Welt‘
„Wir sprechen kaum von ihnen und vergessen ihre Namen. Die Philosophie hat sie schon immer vernachlässigt, aus Geringschätzung mehr als aus Unachtsamkeit. (…) Doch bei all dieser langen Missachtung bleiben sie ungerührt: Mit einer souveränen Gleichgültigkeit begegnen sie der Welt des Menschen, der Kultur der Völker, dem Wechsel von Reichen und Epochen“ – so der Philosoph Emanuele Coccia im Prolog zu seinem Buch „Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen“. Dem in Paris lehrenden Hochschulprofessor geht es darum, die Welt aus der Perspektive der Pflanzen zu sehen, abzugehen von der dominierenden mensch- bzw. tierzentrierten Sichtweise. „Was die Welt ist, müssen wir von den Pflanzen erfragen – denn eben sie ‚machen Welt‘. Diese Welt ist für die allermeisten Organismen ein Produkt des pflanzlichen Lebens, Produkt der uralten Besiedelung unseres Planeten durch die Pflanzen.“
Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen, a. d. Französischen v. Elsbeth Ranke, Hanser Verlag, München 2018. Auch als E-Book erhältlich.
(24.3.2018, bd)
Buchcover
Buchcover von Esther Kinskys Roman Hain Preis der Leipziger Buchmesse 2018 für Esther Kinskys „Hain“
Seit 2005 werden im Rahmen der Leipziger Buchmesse herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen in den Kategorien „Belletristik“, „Sachbuch/Essayistik“ und „Übersetzung“ ausgezeichnet. Der Belletristik-Preis ging diesmal an die in Berlin lebende Esther Kinsky für ihr Buch „Hain“. Kinsky nennt das Werk „Geländeroman“: Dieser handelt von einer trauernden Frau, die auf ihre Art und Weise italienische Orte beschreibt. Es sind keine bekannten, vom Tourismus überlaufenen, nein, der eine ist irgendwo in der Nähe von Rom, der andere im Delta des Po. Dennoch schafft es die Erzählerin, Italianitá zu vermitteln, sie schreibt gleich am Anfang von der Begegnung mit dem „Jenseits-der-Alpen-Licht“. Wenn sie in den kleinen Ortschaften umhergeht, klingt in jedem ihrer Worte, ihrer Sätze, ihrer Beschreibungen dieses idealtypische Italien-Bild an, das wohl jeder von uns ganz subjektiv in sich miträgt. Die Erzählerin geht auf die Märkte und auf die Friedhöfe, sie geht durch die engen Gassen und berichtet von dem, was sie hört. Die Jury lobte an Esther Kinsky ihre Fähigkeit, Landschaftsbilder mit Worten erstehen lassen zu können: „Ich stellte mir ein Stück flacher nebelumwallter Flusslandschaft Norditaliens vor, das knapp unterhalb einer sehr niedrig hängenden Wolkendecke zwischen Himmel und Erde schwebte. Die spärlichen Pappelhaine waren der Landschaft Anker in den Lüften.“
Esther Kinsky: Hain. Geländeroman, Suhrkamp Verlag, Berlin 2018.
(16.3.2018, K. Holzer)
Fantastische Porträts
Haruki Murakami gewährt in „Die Ermordung des Commendatore“ wieder einmal Einblick in seine ganz besondere Welt, in der sich die weltweit in die Millionen gehende Leserschaft ziemlich genau auskennt. Ein melancholischer Held geht durch die Geschichte, die über lange Strecken von den Wiederholungen des Alltags geprägt ist. Abwechslung bringt sein Beruf, er ist Maler, hauptsächlich Porträtmaler. Für den Erzähler ist das die Gelegenheit, die Leserschaft in die Besonderheiten der japanischen Malerei einzuweihen. Und dann sind da noch die fantastischen, surrealen Ausritte, die übersinnlichen Begebenheiten, die sich ganz langsam in die Handlung einfügen oder erschreckend plötzlich auftauchen. In deren Erfinden ist Murakami einsamer Meister. Er bettet das alles in seine Begeisterung für europäische klassische Musik, umgibt seinen Helden mit einigen wenigen Männern und Frauen, lässt da den unerotischsten Sex der zeitgenössischen Literatur zu. Das Abgefeimte an dem Buch ist, dass alles offenbleibt.
Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore. I. Eine Idee erscheint. Verlag Dumont, Köln 2018.
(27.1.2018, K. Holzer)
Buchcover
„Knappes Berichten, prägnantes Feststellen“
Die 1888, in Wien geborene Vicki Baum wurde weltberühmt durch ihren Roman „Menschen im Hotel“. Zu entdecken gilt es aber auch ihre Feuilletons. 70 davon sind nun unter dem Titel „Makkaroni in der Dämmerung“ publiziert worden. Es ging der Autorin bei ihren Kurztexten um „knappes Berichten, prägnantes Feststellen und kurze Übergänge“. Vicki Baum war ausgebildete Harfenistin, veröffentlichte schon als 20jährige in Wiener Zeitschriften, 1914 erschien ihr erster Roman, 1929 „Menschen im Hotel“, 1932 emigrierte sie in die USA, 1933 wurden ihre Bücher vom NS-Regime verboten. Auch in den Vereinigten Staaten blieb sie in ihrem Metier als Drehbuch-, Roman- und Feuilletonautorin erfolgreich. Zu ihren Texten, meinte sie, dass es schwieriger sei, so zu schreiben, dass es einem breiten Lesepublikum gefalle, „als so wie man‘s selbst mag“. Davon, dass ihr dieses Schreiben fürs Publikum perfekt gelang, kann man sich in dem Feuilletonband überzeugen. Es ist ein leichtes Plaudern über Mode und Musik, Frauen, Tanz oder Erotik, das, bei aller scheinbar oberflächlichen Perfektion, doch auch tiefer geht.
Vicki Baum: Makkaroni in der Dämmerung. Edition Atelier, Wien 2018.
(23.1.2018, K. Holzer)
Kunst-Krimi
Es war ein verstaubtes Porträt von König Charles I., das der englische Buchhändler John Snare 1845 bei einer Auktion billig ersteigerte. Als sich Snare aber das Gemälde genauer besah, entdeckte er, dass er einen sensationellen Kauf gemacht hatte. Denn es handelte sich um eine verloren geglaubte Arbeit des spanischen Malers Diego Velázquez. Snare brachte sich mit dem Bild, das er auch ausstellte, allerdings an den Rand des Ruins. Er wurde beschuldigt, das Gemälde gestohlen zu haben, es folgte ein Prozess, den er zwar gewann, der ihn aber in den Bankrott trieb. Fluchtartig verließ Snare England und reiste, mitsamt dem Bild, nach New York, wo sein Velázquez noch einmal für Aufsehen sorgte – und dann auf mysteriöse Weise verschwand. Die britische Kunsthistorikerin Laura Cumming ist all dem nachgegangen und hat dabei einen veritablen Kunst-Krimi entdeckt. Gleichzeitig nutzt sie die Geschichte als Ausgangspunkt zur Beschäftigung mit Leben und Werk von Diego Velázquez.
Laura Cumming: Der verschwundene Velázquez. Verlag S. Fischer, Frankfurt a.M. 2017.
(18.1.2018, bd)
Buchcover Ein Moment wie früher
Die junge österreichische Autorin und Übersetzerin Laura Freudenthaler gibt ihrem Roman, in dem aus einem Bauernkind eine Schulmeisterin wird, den Titel „Die Königin schweigt“. Denn einen kurzen Augenblick in diesem so gar nicht märchenhaften Leben war die Protagonistin Fanny so etwas wie eine Königin. Davon muss sie ihrer Enkeltochter, als die noch ein Kind ist, immer wieder erzählen. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen nahezu grenzenlos ineinander, in kurzen Abschnitten geht es hin und her zwischen Fanny, dem Kind und der alten Frau, die sieht, wie sich Gevatter Tod nähert. Das Buch, das ihr die Enkeltochter schenkt, damit sie darin ihr Leben aufschreiben könne, bleibt jedoch leer. Denn eine Rückkehr in den „entsetzlichen Vergangenheitswachtraum“ ist der alten Frau nicht möglich. „Die Königin schweigt“ ist ein meisterhaftes, ein stilles Buch, in dem die Autorin ihrer Heldin die Kraft gibt, Glück und Leid in Zaum zu halten.
Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt Literaturverlag Droschl, Graz-Wien 2017.
(12.1.2018, K. Holzer)
In zerbrochenen Spiegeln
Die 1893 in Wien geborene Mela Hartwig, die in den 1920er Jahren mit Novellen und einem Roman hervorgetreten war, musste wegen ihrer jüdischen Herkunft 1938 aus Österreich nach England emigrieren. Ihre literarische Karriere fand damit ein abruptes Ende, denn nach 1945 fand Hartwig keinen Anschluss mehr an die deutschsprachige Literaturszene. Dadurch aber geriet ein hochinteressantes Werk in Vergessenheit – ein Werk, das, so die Schriftstellerin Julya Rabinowich, ein Zeitspiegel ist: „Einmal ein Zerrspiegel, mal ein gnadenloses Vergrößerungsglas“. Mit den unterschiedlichen „Spiegelbruchstücken“, die Hartwigs Biografie ausmachen, beschäftigte sich Rabinowich im April 2017 in einer detailreichen Festrede der Wiener Veranstaltungsreihe „Autorinnen feiern Autorinnen“.
Julya Rabinowich: Mela Hartwig. In zerbrochenen Spiegeln. Mandelbaum Verlag, Wien 2017.
(30.12.2017, bd)
Buchcover
Buchcover Geschichte des Kinderbuches
Von den Fabeln des griechischen Dichters Äsop bis zu aktuellen Bestsellern, wie etwa der Harry Potter-Serie, reicht der Bogen jener Literatur für Kinder, die Sara Ayad und Roderick Cave in ihrem reich illustrierten und aufwendig gestalteten Band „Die Geschichte des Kinderbuches in 100 Büchern“ präsentieren. Zu finden sind da natürlich „Klassiker“ wie die Märchen der Brüder Grimm oder Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“, verwiesen wird aber auch auf die Ursprünge der Kinderliteratur in uralten mündlichen Erzählformen, nachgegangen wird der Entwicklung der unterschiedlichen Formen und Themen des Erzählens für Kinder.
Roderick Cave u. Sara Ayad: „Die Geschichte des Kinderbuches in 100 Büchern“, a.d. Englischen von Anke Albrecht. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2017.
(9.1.2018, bd)
Fantasie und Ironie
Die deutsche Autorin und Übersetzerin Christine Wunnicke hat mit „Katie“ ein fantastisches Meisterwerk herausgebracht, das auch für den Deutschen Buchpreis 2017 nominiert wurde. Wunnickes Fantasie entzündet sich an historisch verbürgten Personen des 19. Jahrhunderts. Es sind dies Physiker, Spiritisten, ein Medium und – die Titelheldin: Katie, die Tochter eines Seeräubers aus längst vergangenen Tagen, ausgestattet mit delikaten erotischen Vorlieben. Im Nachwort des Buches bedankt sich die Autorin bei den handelnden Personen dafür, dass sie ihr ihre Biografien hinterlassen hätten, sodass sie diese „auf das respektloseste entstellen“ hat können. Diese „Entstellungen“ bieten pures Lesevergnügen, weil überbordender Fantasie blitzgescheite Ironie gegenübersteht.
Christine Wunnicke: Katie, Berenberg Verlag, Berlin 2017.
(2.1.2018, K. Holzer)
Buchcover
Koh-i-Noor
Der Koh-i-Noor ist einer der berühmtesten Diamanten der Welt – vor allem, weil seine Geschichte mit vielen dramatischen Ereignissen verbunden ist. Anita Anand und William Dalrymple spüren in einem von der Kritik unisono gelobten Buch jenen verschlungenen Wegen nach, über die der Stein, der einst Teil des legendären indischen Pfauenthrons war, 1850 nach London gelangte und nunmehr, eingesetzt ins Mittelkreuz der sogenannten „Queen Mother’s Crown“, im Tower aufbewahrt wird. Ob sich der Koh-i-Noor zu Recht in britischem Besitz befindet, ist allerdings, so Anand und Dalrymple, eine umstrittene Frage.
Anita Anand, William Dalrymple: Koh-i-Noor. The History of the World’s Most Infamous Diamond. Bloomsbury, London 2017.
(31.8.2017, bd)
Einzigartige Wörter
Das italienische Wort „abbiocco“ bezeichnet einen plötzlichen Anfall von Müdigkeit, der japanische Ausdruck „age-otori“ verweist auf das sich zuweilen nach einem Friseurbesuch einstellende Gefühl, dass man nach dem Haarschnitt schlechter aussehe als zuvor. Es sind dies zwei jener „333 Begriffe, die es nur in einer Sprache gibt“, die der Psychologe David Tripolina in seinem Buch „Einzigartige Wörter“ präsentiert. Der humorvoll illustrierte Band lädt zu einer sprachlichen Entdeckungsreise ein – und bringt als Beispiele aus dem Deutschen neben der „Schnapsidee“ unter anderem das „Fremdschämen“ und den „Feierabend“.
David Tripolina: Einzigartige Wörter. 333 Begriffe, die es nur in einer Sprache gibt – und was sie bedeuten. Riva Verlag, München 2017.
(4.7.2017, bd)
Buchcover
Buchcover Das antikapitalistische Buch der Mode
Die britische Journalistin Tansy E. Hoskins beschäftigt sich in ihrem „antikapitalistischen Buch der Mode“ mit den dunklen Seiten des scheinbar so schillernden Geschäfts mit den immer schneller wechselnden Styles und Trends. Wieso kann es eine Kleidergröße „Size Zero“ geben? Was hat Mode mit Rassismus und Ausbeutung zu tun? Woher kommt die Gier nach immer neuen Outfits? – Das sind einige der Fragen, mit denen sich Hoskins sehr kritisch und mit viel Detailwissen auseinandersetzt.
Tansy E. Hoskins: Das antikapitalistische Buch der Mode. Übersetzung Magdalena Kotzurek. Rotpunktverlag, Zürich 2016.
(6.5.2017, bd)
Kaffeehausfrühling
Als Redakteur der Zeitung „Der Neue Tag“ verfasste Joseph Roth in den Jahren 1919 und 1920 über einhundert Beiträge. Er berichtete über den Alltag der Menschen im Nachkriegs-Wien, über Schwarzmarkt und soziales Elend, aber auch über beeindruckende Kunststücke von Artisten und die neue Welt des Kinos. Die Auswahl, die Helmut Peschina in diesem Band zusammengestellt hat, lässt das Wien der beginnenden 1920er Jahre neu entdecken.
Joseph Roth: Kaffeehausfrühling. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005.
(8.4.2017, bd)
  Lob des Fahrrads
Ein Buch, das in die Jahreszeit – in die beginnende Radfahrsaison – passt: Aus Erinnerungen an so manche historische Höhepunkte des Radsports, aus Reflexionen über die Zukunft des Transportmittels und aus Berichten von den ganz individuellen Freuden des Dahinradelns stellte der französische Ethnologe Marc Augé ein kurzweiliges „Lob des Fahrrads“ zusammen, das Philip Waechter mit einer Reihe von witzigen Zeichnungen ergänzt hat.
Marc Augé: Lob des Fahrrads. Übersetzung Michael Bischoff. Verlag C.H.Beck, München 2016. Auch als E-Book erhältlich.
(2.4.2017, bd)
Aquarelle von Josef Frank
Der 1885 in Baden bei Wien geborene und 1933 nach Schweden emigrierte Josef Frank war einer der einflussreichsten Architekten und Designer des 20. Jahrhunderts. Vor allem mit seinen Möbel- und Stoffentwürfen prägte er den modernen skandinavischen Stil. Eine Entdeckung aber sind hunderte von Aquarellen, die Frank gemalt hat. Es sind vor allem viele Blumenmotive und Impressionen von Reisen durch Europa. In einem Prachtband – ausgezeichnet mit dem schwedischen Designpreis 2016 – wurden sie nun erstmals publiziert (ergänzt um zahlreiche Fotos und mit informativen Begleittexten in englischer und schwedischer Sprache).
Josef Frank: De okända Akvarellerna – The unknown watercolours. Verlag Nicotext, Stockholm 2016.
(2.3.2017, bd)
Cover des Buches: Josef Frank "De okända Akvarellerna – The unknown watercolours"
Buchcover Wäre Ada ein Mann…
– dann wäre sie vermutlich weltberühmt. Denn Ada Lovelace (1815–1852), die Tochter des Schriftstellers George Byron, war eine geniale Mathematikerin, die unter anderem die Grundlagen späterer Programmiersprachen erarbeitete. Ihr und einer Reihe von weiteren Frauen, die herausragende Leistungen in den Bereichen Naturwissenschaft und Technik erbrachten, ist ein vom Wiener Technischen Museum herausgebrachtes Buch gewidmet. Der Band enthält Portraits der Wissenschaftlerinnen, wobei es jeweils auch einen Bezug zu Ausstellungsobjekten des Museums gibt.
Gabriele Fröschl u.a.: Wäre Ada ein Mann… Frauen in Technik, Naturwissenschaften und Medien. Edition TMW, Band 7, Technisches Museum Wien, 2017.
(15.1.2017, bd)
Lady Susan
Eine kokett-kapriziöse junge Witwe, die eine Reihe von familiären Turbulenzen auslöst, steht im Mittelpunkt des 1871 publizierten Romans „Lady Susan“ von Jane Austen. Das Werk wurde mehrfach dramatisiert und verfilmt. Die neueste Filmfassung trägt den Titel „Love & Friendship“. Der 2016 herausgekommene Streifen, bei dem Whit Stillman Regie führte und Kate Beckinsale in der Hauptrolle zu sehen ist, erhielt von der Kritik viel Lob. So meinte die „New York Times“, dass Stillman „perfectly at home in Austen’s world“ sei, und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ sprach von einer „Quelle eines neunzig Minuten lang nicht versiegenden Vergnügens“. Aus Anlass der Verfilmung erschien eine Neuauflage des Romans.
Jane Austen: Lady Susan. Übersetzung Angelika Beck. Insel Verlag, Berlin 2016.
Mehr zu Jane Austen…
(28.12.2016, bd)
Buchcover des Romanes Lady Susan von Jane Austen
Marie von Ebner-Eschenbach. Anwältin der Unterdrückten
Dass die Werke von Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916) durchaus keine angestaubte Lesebuchliteratur sind, sondern auch einer zeitgenössischen Leserschaft viel bieten können, hat die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger im April 2016 im Rahmen der Wiener Veranstaltungsreihe „Autorinnen feiern Autorinnen“ eindrucksvoll dargelegt. Vehement wandte sich Klüger gegen die „Sentimentalisierung“ des Werks von Marie von Ebner-Eschenbach“, das zu Unrecht vielfach unterschätzt sei. Die im April 2016 gehaltene Festrede ist auch in Buchform erschienen.
Ruth Klüger: Marie von Ebner-Eschenbach. Anwältin der Unterdrückten. Mandelbaum Verlag, Wien 2016.
(9.10.2016, bd)