BLICKPUNKTE

Oktober 2017

Eugène Grasset: Octobre (1896) Cornelis Dusart: October (um 1700) und

Links: Cornelis Dusart: October (um 1700). Rechts: Eugène Grasset: Octobre (1896).

Der Nebel steigt, es fällt das Laub; / Schenk‘ ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag / Vergolden, ja vergolden! (…)
Und wimmert auch einmal das Herz, – / Stoß an, und laß es klingen!
Wir wissen‘s doch, ein rechtes Herz / Ist gar nicht umzubringen.
Der Nebel steigt, es fällt das Laub; / Schenk‘ ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag / Vergolden, ja vergolden!
Aus dem „Oktoberlied“ von Theodor Storm (1848)

September 2017

Blätter

Fotos B. Denscher

„Was vormals bloß im grünen Schimmer schien, / Ist jetzo gelb, wie Gold, ist rot, fast wie Rubin,
Ja glänzet in der Sonne Strahlen, / In buntem Glanz, fast wie Opalen.
Doch dauert unser buntes Kleid / Nur kurze Zeit.“
Aus dem Gedicht „Blätter im Herbst“ von Barthold Heinrich Brockes (1740).

August 2017

Links: Ansichtskarte vom Passbahnhof der Schweizer Brünigbahn, Ausschnitt (1901). Rechts: Henri Cassiers: Plakat für „American Line“, Ausschnitt (1900).

Links: Ansichtskarte vom Passbahnhof der Schweizer Brünigbahn, Ausschnitt (1901). Rechts: Henri Cassiers: Plakat für „American Line“, Ausschnitt (1900).

„Häfen und Bahnhöfe sind meine Leidenschaft. Stundenlang kann ich vor ihnen stehen und warten, bis eine neue brausende Welle mit Menschen und Waren die schon zerflutete überrollt, ich liebe die Zeichen, die geheimnisvollen von Stunde und Fahrt, die Schreie und Geräusche, bunt und dumpf, die deutsam ineinanderklingen. Jeder Bahnhof ist anders, jeder reißt eine andere Ferne in sich hinein, jeder Hafen, jedes Schiff bringt andere Fracht. Sie sind die Welt in unseren Städten, die Vielfalt in unserem täglichen Tag.“
Aus: Stefan Zweig „Reisen oder Gereist-Werden“ (1926).

Juli 2017

Fotos B. Denscher

Dort stehen die Tannen und Fichten, es stehen die Erlen und Ahorne, die Buchen und andere Bäume wie die Könige, und das Volk der Gebüsche und das dichte Gedränge der Gräser und Kräuter, der Blumen, der Beeren und Moose steht unter ihnen. Die Quellen gehen von allen Höhen herab und rauschen und murmeln und erzählen, was sie immer erzählt haben, sie gehen über Kiesel wie leichtes Glas und vereinigen sich zu Bächen, um hinaus in die Länder zu kommen, oben singen die Vögel, es leuchten die weißen Wolken, die Regen stürzen nieder, und wenn es Nacht wird, scheint der Mond auf alles, dass es wie ein genetztes Tuch aus silbernen Fäden ist.
Aus: Adalbert Stifter „Granit“ (Bunte Steine, 1853).

Juni 2017

Ansichten aus Krakau (rechts) und Malmö (links). Fotos B. Denscher

Ansichten aus Krakau (rechts) und Malmö (links). Fotos B. Denscher

„Der Masse – und mit ihr lebt der Flaneur – sind die glänzenden, emaillierten Firmenschilder so gut und besser ein Wandschmuck wie im Salon dem Bürger ein Ölgemälde, Brandmauern ihr Schreibpult, Zeitungskioske ihre Bibliotheken, Briefkästen ihre Bronzen, Bänke ihr Boudoir und die Caféterrasse der Erker, von wo sie auf ihr Hauswesen herabsieht.“
Walter Benjamin, Die Wiederkehr des Flaneurs, in: Die literarische Welt, 1929/10

Mai 2017

Fotos B. Denscher

Frühling, Frühjahr: die Bezeichnung für die Jahreszeit des beginnenden Wachstums und der Blüte ist eine relativ späte Wortbildung und erst seit dem 15. Jahrhundert gebräuchlich. Der ältere und teilweise regional bzw. in poetischer Sprache weiterhin verwendete Begriff ist „Lenz“. Dieser, der mundartlich auch in der Form „Länges“ zu finden ist, steht in Verbindung mit dem Adjektiv „lang“ und verweist auf die länger werdenden Tage.