EIN UNIVERSELLES STÜCK DRAHT

Büroklammern

Von den Milliarden alljährlich weltweit produzierten Büroklammern wird nur jede zehnte ihrer eigentlichen Bestimmung entsprechend verwendet – nämlich damit um Papierblätter zusammenzuhalten. Die anderen dienen unter anderem als Zahnstocher, Pfeifenputzer, Fingernagel- und Ohrreiniger, als provisorische Gürtelhaken, als Werkzeug, mit dem sich blockierte CD- und DVD-Laufwerksfächer öffnen lassen, und als kleine Geschosse, die über Gummiringe abgefeuert werden. Und drei von zehn Büroklammern gehen schlicht und einfach verloren. Es gibt wohl kaum einen anderen Gebrauchsgegenstand, der in einem so hohen Maße zweckentfremdet genutzt wird und gleichzeitig für so viele Zwecke benutzt werden kann, meint dazu der schwedische Historiker Peter Englund, der auch zu berichten weiß, dass vierzehn von hundert Büroklammern bei Telefongesprächen verbogen und zerbrochen werden.
Büroklammern

In ihrer rund 120-jährigen Geschichte wurde die Büroklammer auch zum politischen Symbol. Denn als 1940 Norwegen von Nazideutschland besetzt wurde, wählte eine studentische Widerstandsgruppe eine im Knopfloch getragene Büroklammer als ihr Erkennungszeichen. Dieses war bald in weiten Kreisen der Bevölkerung verbreitet und wurde zu einem Symbol des nationalen Zusammenhalts, weshalb das Anstecken von Büroklammern an Kleidungsstücken von den Besatzern unter Androhung von harten Strafen verboten wurde. Mittlerweile gehört die kleine Drahtklammer zu den nationalen Symbolen Norwegens: 1989 wurde ihr in Sandvika bei Oslo ein fast sieben Meter hohes Denkmal errichtet (das später in den Osloer Bezirk Nydalen verlagert wurde), 1999 gab die norwegische Post eine Briefmarke mit der Abbildung einer Büroklammer heraus.

Büroklammer-Denkmal (Foto © Lars Roede)

Büroklammer-Denkmal (Foto © Lars Roede)

Der Status, den die Büroklammer in Norwegen hat, hängt einerseits mit ihrer Bedeutung als Widerstandssymbol zusammen, andererseits aber auch damit, dass sich Norwegen gerne als die Heimat des „Vaters der Büroklammer“ sieht. Allerdings ist diese Vaterschaft umstritten. Tatsächlich reichte 1899 der studierte Physiker und Mathematiker Johan Vaaler (1866–1910) aus Aurskog bei Oslo beim deutschen Patentamt den Entwurf einer eckigen Papierklemme ein, mit der lose Blätter ohne Beschädigung zusammengehalten werden konnten. Vaalers Idee überzeugte, und am 12.11.1899 wurde seine Idee in Deutschland patentiert (Patenschrift Nr. 121067), 1901 dann auch in den USA.

Auf dem Gedenkstein für Johan Vaaler in dessen Geburtsort Aurskog ist auch die von ihm entworfene Papierklemme abgebildet (Foto © Lillestrøm SK)

Auf dem Gedenkstein für Johan Vaaler in dessen Geburtsort Aurskog ist auch die von ihm entworfene Papierklemme abgebildet (Foto © Lillestrøm SK)

Dass Johan Vaaler seinen Entwurf nicht in Norwegen eingereicht hatte, hängt allerdings nicht, wie manchmal zu lesen ist, mit einem dort noch nicht vorhandenen Patentrecht zusammen. Denn ein solches gab es bereits seit 1885, und das wusste Vaaler, der in einem Osloer Patentbüro tätig war, sicherlich. Vielmehr hatte er wohl von Beginn an eine internationale Vermarktung seiner Idee im Sinn. Dazu sollte es allerdings nicht kommen, denn ebenfalls um die Jahrhundertwende arbeiteten auch Erfinder in den USA an der Konstruktion einer funktionellen Büroklammer. Das Rennen macht der „Gem Paper Clip“, der Vaalers Entwurf um eine zusätzliche Drahtwindung übertraf – und damit einen wesentlich stabileren Zusammenhalt der Papierblätter bot.
Büroklammern

Bis heute ist der gerundete „Paper Clip“ eine der weltweit gebräuchlichsten Formen der Büroklammer – allerdings bei weitem nicht die einzige. 1919 etwa entwarf der österreichische Fabrikant Heinrich Sachs eine Klammer, die nach oben hin V-förmig zugespitzt ist und die ebenfalls bis heute produziert wird und weitverbreitet ist. Neben diesen „klassischen“ Formen, seien sie nun abgerundet oder zugespitzt, finden sich noch zahlreiche weitere eckige und runde, das Material reicht von verzinktem, vermessingtem oder verkupfertem Metalldraht bis zu den heute so beliebten mit buntem Kunststoff überzogenen Varianten.

Zur Frage, warum die Büroklammer erst Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde (zuvor wurden lose Papierbögen meist mit einer Nadel zusammengehalten, wodurch sie jedoch perforiert wurden), schreibt der Sachbuchautor James Ward, dass es erstens erst zu jener Zeit die entsprechende Technologie für die Produktion von biegsamem Metalldraht gab; dass zweitens erst durch die Industrialisierung eine kostengünstige Produktion möglich war; und dass sich, drittens, damals die moderne Bürokratie zu entwickeln begann: „More paperwork necessitated some new method of organisation; the era of the paperclip was born.“

Buchtipp:
James Ward: Adventures in Stationery. A Journey through Your Pencil Case. London, Profile Books, 2014.