AUF DEN PUNKT GEBRACHT

André Derain: Waterloo Bridge, 1906. Öl auf Leinwand. Madrid, Museo Thyssen-BornemiszaAndré Derain: Waterloo Bridge, 1906. Öl auf Leinwand. Madrid, Museo Thyssen-Bornemisza

Als die beiden Maler Georges Seurat und Paul Signac 1886 in Paris „ihre ersten pointillistischen Bilder öffentlich präsentierten, war die Kritik völlig überrascht. Noch nie hatte man eine solche Maltechnik gesehen, bei der die Künstler mit kontrollierter Hand und spitzem Pinsel reine, ungemischte Farben in Form von Punkten auf die Leinwand setzten und sie damit völlig bedeckten.“ Man war, so Heinz Widauer, der Kurator einer sehenswerten Pointillismus-Ausstellung in der Wiener Albertina, überrascht, irritiert und vor allem auch uneins, wie dieser völlig neue Stil zu bewerten sei. So etwa bezeichnete Seurats und Signacs Malerkollege Paul Gauguin die Pointillisten recht abschätzig als „Chemiker, die kleine Punkte anhäufen“ und verglich ihre Technik mit der damals noch sehr unausgereiften Farbfotografie. Der Impressionist Camille Pissarro hingegen sagte der neuen Maltechnik „eine große Zukunft voraus, die noch sehr wichtig werden wird.“

Georges Seurat: Sonntag in Port-en-Bessin, 1888. Kröller-Müller Museum, Otterlo

Georges Seurat: Sonntag in Port-en-Bessin, 1888. Kröller-Müller Museum, Otterlo

In Kooperation mit dem niederländischen Kröller-Müller Museum zeigt die Albertina unter dem Titel „Seurat, Signac, Van Gogh. Wege des Pointillismus“ insgesamt 100 Werke. Der Bogen reicht dabei von den frühen, bahnbrechenden Werken Seurats und Signacs bis zum Schaffen von Künstlern, die pointillistische Konzepte dann in individueller Weise weiterentwickelten, wie etwa Henri Matisse, Piet Mondrian und Pablo Picasso.

Ein kurzfristiger, aber für die weitere Entwicklung sehr wichtiger Anhänger des Pointillismus war Vincent Van Gogh. Er nahm, wie in der Ausstellung am Beispiel von zehn Bildern deutlich wird, die neue Maltechnik zunächst begeistert auf, wodurch seine Palette heller und strahlender wurde und zahlreiche flirrende Punkte Einzug in seine Landschaften fanden. Bald jedoch wandte er sich wieder einer ihm mehr entsprechenden, freieren Ausdrucksweise zu. Den Pointillismus halte er, wie Van Gogh 1888 vermerkte, für eine „wirkliche Entdeckung“, „aber man muss schon jetzt dafür sorgen, dass diese Technik nicht – so wenig wie andere – zu einem allgemeinen Dogma wird.“

Vincent van Gogh: Interieur eines Restaurants, 1887. Kröller-Müller Museum, Otterlo

Vincent van Gogh: Interieur eines Restaurants, 1887. Kröller-Müller Museum, Otterlo

Der Pointillismus wurde schon allein deshalb nicht zum „allgemeinen Dogma“, weil die Technik, bei der nach einem streng systematischen Konzept Punkt für Punkt nebeneinander gesetzt wird, sehr aufwändig und zeitraubend ist. Hervorgebracht aber hat diese lange Zeit unterschätzte Stilrichtung eine Reihe von faszinierenden Werken. Die Ausstellung in der Albertina, die in ihrer Auswahl, mit der motivischen Gegenüberstellung einzelner Bilder und mit den kommentierenden Saaltexten sehr fundiert gestaltet ist, bietet einen beeindruckenden Überblick, der Katalog zur Schau liefert umfangreiches vertiefendes Material.

Paul Signac: Venedig, die rosa Wolke, 1909. © Albertina, Wien - Sammlung Batliner

Paul Signac: Venedig, die rosa Wolke, 1909. © Albertina, Wien – Sammlung Batliner

Die Ausstellung „Seurat, Signac, Van Gogh. Wege des Pointillismus“ ist bis zum 8.1.2017 in der Wiener Albertina zu sehen. Geöffnet ist täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr, mittwochs von 10:00 bis 21:00 Uhr.

(17.9.2016)