„SOMMERFRISCH-TYPEN“

Kaprun mit Kitzsteinhorn, Salzburg. Ansichtskarte, um 1900Kaprun mit Kitzsteinhorn, Salzburg. Ansichtskarte, um 1900 (Alle Abb. Sammlung L. Denscher).

Der Aufenthalt in einer Sommerfrische – einem oft in den Bergen gelegenen Ort, wohin man der heißen, stickigen Stadtluft entfliehen konnte – gehörte vor allem Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den bevorzugten Urlaubsformen. Die zu jener Zeit zahlreich entstehenden Tourismuszeitschriften lieferten die entsprechenden Informationen über die populären Kurorte und gaben auch Hinweise auf neu zu entdeckende Sommerfrischen. Zu den frühen Publikationen dieser Art gehörte „Dillinger’s Reise-Zeitung“, die ab 1890 in Wien erschien. Konzipiert als „instructiver Führer und Berather sowohl dem Geschäfts- als dem Vergnügungsreisenden“ brachte die Zeitschrift neben Reiseberichten immer wieder auch humoristisch-satirische Feuilletons. So auch in der Ausgabe vom 20. Juli 1890, in der sich Paul Mannsberg mit den „Sommerfrisch-Typen“ beschäftigte (die durchaus auch an so manche heutige Urlauber erinnern):

„Da ist einmal der Bramarbas, der die halsbrecherischsten Touren unternimmt, respektive während tage- oder gar wochenlanger Abwesenheit von der Sommerfrische nach seiner Rückkehr ausgeführt zu haben vorgibt. Manchmal gelingt es einem fachkundigen, zufällig den Standort des Alpen-Gascogners berührenden Touristen, den großen Kletterer in die Enge zu treiben und ihm nachzuweisen, oder wenigstens die Vermutung bedenklich nahe zu rücken, dass der bis dahin von arglosen Seelen Angestaunte die in grellsten Farben geschilderten Touren nur aus Reisehandbüchern oder gar nur vom Hörensagen kennt. Natürlich hindert dieses gelegentliche Rütteln an seiner alpinen Autorität den Bramarbas keineswegs, auch fernerhin in Kniehosen und genagelten Schuhen die Promenadewege der Sommerfrische gemächlichen Schrittes abzutreten.

Schladming, Steiermark. Ansichtskarte, um 1900

Schladming, Steiermark.

Bei weitem nicht so anspruchsvoll ist der ‚Schleicher‘ in der Sommerfrische. Er ist entweder von Natur aus faul oder er ist der Sklave seiner fashionablen Sommergewandung, die ihn nötigt, alle Wege zu meiden, die, nicht kurmäßig bekiest, auch nach Regenwetter nicht durchaus gangbar sind und nicht als Endpunkt eine Meierei, einen ‚Tiroler‘ oder doch wenigstens ein Kaffee ausschenkendes Gasthaus besitzen. Dort setzen sie sich nach halbstündiger Wanderung fest, die Herren kartenspielend, die Damen mit beunruhigender Heftigkeit strickend, nähend, häkelnd, wobei diese Menschenkinder, die ganz ernsthaft zu versichern pflegen, wie große Naturfreunde sie seien und wie schön es in X. wäre, in größter Gemütsruhe dem schönsten Fernblicke den Rücken kehren. Im gleichen Range mit dem ‚Schleicher‘ steht der ‚Mann mit dem guten Buch‘, der es zuwege bringt, im herrlichsten Walde in sein Buch vergraben dazusitzen und nichts zu sehen von dem bezaubernden Spiele des zwischen Zweigen und Stämmen blitzenden Sonnenlichtes.

Mallnitz, Kärnten. Ansichtskarte, um 1900

Mallnitz, Kärnten.

Der Antipode der beiden Typen ist der ‚Distanz-Renner‘, der den Genuss, den irgend eine Partie zu gewähren im Stande ist, nach der Zahl der Stunden bemisst, welche dieselbe in Anspruch nimmt, und seinen Ehrgeiz darin sucht, durch möglichst rasches Tempo diese Anzahl auf das unglaublichste Minimum zu bringen. Er ist kein häufiger und stabiler Gast der Sommerfrischen, aber er liebt es, sich ab und zu auf eine Weile in einer oder der anderen zu zeigen, um sich an den erstaunten Gesichtern der von ihm mitleidig belächelten ‚Schleicher‘ zu weiden, wenn er ihnen erzählt, dass da sein Führer ihm atemlos nachkeuchen musste und dass er dorthin in längstens vier Stunden den Weg tour und retour macht, während selbst die Einheimischen für den raschesten Geher deren fünf rechnen.

Eine ganz aparte Enthusiastenpflanze ist der freiwillige Reklamemacher für eine bestimmte Sommerfrische, zu deren Entdecker er sich aufwirft. Und nicht allein den Ort selbst mit seiner ‚unvergleichlichen Lage‘, seiner ‚balsamischen Luft‘, seiner ‚absoluten Geschütztheit gegen Nordwind‘, nicht allein dieses ‚Nizza‘, dieses ‚Madeira unseres alpinen Vaterlandes‘ hat er entdeckt, nein, dessen ganze Umgebung; kurz Alles und Jedes an seiner patentierten Sommerfrische hat er entdeckt. Er lächelt herablassend und neigt sich in huldreichem Gruße, wenn bei seiner Ankunft Böllerschüsse ertönen, die er nachher nebst einem entsprechenden Quantum geistiger Genüsse für die allzeit bereite Bedienungsmannschaft der donnernden Mörser bar bezahlt.

Seebachtal, Kärnten. Ansichtskarte, um 1900

Seebachtal, Kärnten.

Noch ein Typus, eine ausgesprochene Spezialität der Sommerfrischen, ist nicht zu vergessen: der ‚Pyrotechniker‘. Kein ‚Wohltätigkeits-Bazar‘, kein ‚Bauernfest‘ der Städter mit dem folgenden obligaten Tanze, zumal aber keine abendliche ‚Wasserpartie‘, kein Namenstag, keine Ankunft, keine Abfahrt irgendeiner namhaften Persönlichkeit unter den die Sommerfrische Genießenden, namentlich des ‚Entdeckers‘ derselben, läuft ohne das unvermeidliche Feuerwerk ab.“

Aus: Dillinger’s Reise-Zeitung, 20.7.1890. Der Text wurde leicht gekürzt und an die heutige Orthografie angepasst.