OSKAR KOKOSCHKA – ZEITZEUGE DES 20. JAHRHUNDERTS

Detail aus der Ausstellung „Oskar Kokoschka. Das druckgrafische Werk im Kontext seiner Zeit“, © Museum der Moderne Salzburg, Foto: Rainer IglarDetail aus der Ausstellung „Oskar Kokoschka. Das druckgrafische Werk im Kontext seiner Zeit“, © Museum der Moderne Salzburg, Foto: Rainer Iglar

Mehr als 200 Blätter aus dem umfangreichen druckgrafischen Werk von Oskar Kokoschka sind derzeit in einer repräsentativen Ausstellung im Salzburger Museum der Moderne zu sehen. Ausgehend vom umstrittenen Frühwerk des 1886 im niederösterreichischen Pöchlarn geborenen Malers spannt die Schau in acht Kapiteln einen Bogen bis hin zum Spätwerk und verortet die einzelnen Werkgruppen in ihrem historischen Zusammenhang: „Wir erforschen in dieser Ausstellung die künstlerische und persönliche Entwicklung Kokoschkas, der ein Zeitzeuge des zwanzigsten Jahrhunderts war“, so dazu Ausstellungskuratorin Barbara Herzog.

Ausstellungsansicht, © Museum der Moderne Salzburg, Foto: Rainer Iglar

Ausstellungsansicht, © Museum der Moderne Salzburg, Foto: Rainer Iglar

Die Ausstellung macht auch neugierig auf das Leben dieses seltsam widersprüchlichen Menschen: „Anti-Konventionalist und gleichzeitig avantgardistischer Traditionalist, emphatischer Pädagoge und Kritiker des Institutionellen, heimatverbundener Exilant, … Farbenvirtuose, der in einer ganz bestimmten Lebenskrise sein Atelier schwarz ausmalte“. So stellt ihn der deutsche Literaturwissenschafter Rüdiger Görner in seinem Buch „Oskar Kokoschka“ vor, dem er den Untertitel „Jahrhundertkünstler“ gibt. Diese Bezeichnung begründet Görner damit, „dass das Werk im Leben und das Leben im Werk des Oskar Kokoschka Möglichkeiten und Probleme exemplarischer Natur aufwerfen.“ Die Bezeichnung „Jahrhundertkünstler“ gründet aber auch auf der fast ein Jahrhundert umfassenden Lebenszeit des Malers, der 1980 in Montreux starb. Görner stellt die Frage, wie denn Länge und Fülle dieses Lebens auf Kokoschkas Kunst zurückwirkten, nennt seine Biografie eine Studie, die aufzeige, dass das, was für Kokoschkas Schaffen gelte, auch auf das zutreffe, was über dessen Leben bekannt sei. Görner stellt also immer wieder die Verbindung zwischen Werk und Leben her, bleibt in einem hochgestimmten Ton, weiß sehr viel, kann aus diesem Wissen auch Zusammenhänge schaffen, die sich nicht gleich aufdrängen.

BuchcoverAber da gibt es noch ein Buch, von Kokoschka selbst, sein Titel: „Mein Leben“. 85-jährig veröffentlichte er es 1971. „Wenn ich noch meine privaten Erlebnisse erwähnen darf, die am Rande einer Katastrophe den Lesern nicht so wichtig erscheinen werden, so zweifle ich andererseits auch daran, ob denn irgend jemand überhaupt etwas Wichtiges zu erzählen hat, der das zwanzigste Jahrhundert erlebte, das einem, wie ein Albtraum erscheinen muß.“ Kokoschka ist aber in seinem Buch auch wieder ganz er selbst: Vital, aneckend, herausfordernd, schockierend. Das scheint er ja mit seinen Bühnenstücken, seinen Prosatexten, seinen Reden, Bildern, Plakaten, ja mit seinem ganzen Leben beabsichtigt zu haben. Er erzählt da vor sich hin: teils wahre, teils imaginäre Vorkommnisse und Anekdoten – wie er später freimütig bekannte. Es ist unglaublich, mit wie vielen Menschen er in seinen 94 Lebensjahren Kontakt hatte, von Karl Kraus und Adolf Loos bis zu Konrad Adenauer und Theodor Körner. Nur zu Malern hatte er relativ wenig Kontakt: „Meine so hart errungene Selbständigkeit ließ ich nicht mehr von anderen kontrollieren.“
Und weil noch ein Zusammenhang zur Ausstellung der Druckgrafik am Mönchsberg hergestellt werden soll, Kokoschka schreibt über seine Lithografienfolgen: „Sie werden für mich, vielleicht auch für andere, immer im Gegensatz zu der Kunst des Jugendstils, des Impressionismus und der zeitgenössischen Produktion ein Mythos bleiben, ein gestaltetes Symbol, trächtig mit Begegnung, Zeugung und Entzweiung.“

Links: Oskar Kokoschka, Selbstbildnis (Sturmplakat), 1910. Rechts: Oskar Kokoschka, Pietà, 1909, Plakat für die Internationale Kunstschau Wien. Beide: Museum der Moderne Salzburg, © Fondation Oskar Kokoschka / Bildrecht, Wien, 2018, Foto: Hubert Auer.

Links: Oskar Kokoschka, Selbstbildnis (Sturmplakat), 1910. Rechts: Oskar Kokoschka, Pietà, 1909, Plakat für die Internationale Kunstschau Wien. Beide: Museum der Moderne Salzburg, © Fondation Oskar Kokoschka / Bildrecht, Wien, 2018, Foto: Hubert Auer.

Eine der schönsten Stellen in Kokoschkas Lebens-Buch aber ist jene – egal ob wahr oder erfunden – in der Georg Trakl den Maler in seinem Atelier besucht, als der gerade an der „Windsbraut“ arbeitete und Trakl auf einmal begann, ein Gedicht zu sagen: „Wort für Wort, Reim für Reim hat er langsam vor sich hin gesprochen. Trakl hat das merkwürdige Gedicht ‚Die Nacht‘ vor meinem Bild geformt.“ Mit einer Deutung dieses Trakl-Gedichtes beschließt auch Rüdiger Görner seine Kokoschka-Biografie.

Die Ausstellung „Oskar Kokoschka. Das druckgrafische Werk im Kontext seiner Zeit“ ist bis 17. Februar 2019 im Museum der Moderne in Salzburg zu sehen.
Rüdiger Görners Buch „Oskar Kokoschka Jahrhundertkünstler“ ist im Verlag Zsolnay, Wien 2018, erschienen und auch als E-Book erhältlich.