TAG, WOCHE, MONAT: KALENDER 2019

Ausschnitt aus dem Cover des Kalenders „Das Leben ein Traum“ (Insel Verlag) unter Verwendung einer Illustration von Olha MarkevychAusschnitt aus dem Cover des Kalenders „Das Leben ein Traum“ (Insel Verlag) unter Verwendung einer Illustration von Olha Markevych

Dort, wo jedes Jahr die Kalender hängen, dort werden sie auch 2019 hängen. Und so soll vorerst einmal vom Vertrauten, Gewohnten die Rede sein, von den Literaturkalendern, dann von denen, die Literatur mit Kulinarischem oder mit Reisen verbinden und neben all dem an der Wand Hängenden geht es auch noch um zwei Kalenderbücher.

Beck Gedichtekalender TitelblattDa war doch voriges Jahr an dieser Stelle ein Kalender der Favorit, den Traugott Giesen bei C.H.Beck herausgab, ein Gedichtekalender mit dem ganz eigenen Namen „Kleiner Bruder“. Nun – also für 2019 – hat der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Dirk von Petersdorff die Gedichte ausgewählt. Er ist auch selbst Lyriker, eröffnet mit einem Rosengedicht von Brecht und schließt mit Hölderlins „Abbitte“. Dem Herausgeber wird schon jetzt vorgeworfen, nur vier Lyrikerinnen in den Kalender aufgenommen zu haben. Das lassen wir einmal so stehen und werden verfolgen, wie er es nächstes Jahr halten wird. Immerhin hat er mit Chris Campe eine Gestalterin der Vignetten an seiner Seite.

Kalender "Kluge Frauen", Deckblatt

Die arsEdition hingegen widmet 2019 einen Postkartenkalender „Klugen Frauen, die unsere Welt bewegten“. Am Cover ist Virginia Woolf zu finden, den Jahresreigen eröffnet die 1937 verschollene amerikanische Flugpionierin Amelia Earhart mit ihrer Aussage: „Das Abenteuer ist Selbstzweck!“, und am Ende meint die 1880 verstorbene englische Schriftstellerin George Eliot (die eigentlich Mary Anne Evans hieß): „Es ist nie zu spät, so zu sein, wie man gerne wäre.“

Deckblatt des Kalenders "Fliegende Wörter"Voriges Jahr entdeckt und schon zu meinem persönlichen neuen Favoriten auserkoren: „Fliegende Wörter“ mit „53 Qualitätsgedichten zum Verschreiben und Verbleiben für Zeitreisende, Sprachspieler, Kenner und Genießer“ aus dem Daedalus Verlag. 2019 ist der mittlerweile 25. Jahrgang dieses Postkartenkalenders, der sowohl durch die Qualität seiner Gedichte als auch ganz besonders durch die vielfältige, grafische Gestaltung auffällt. Andrea Grewe, Hiltrud Herbst und Doris Mendlewitsch bieten Woche für Woche ein Gedicht auf immer wieder überraschendem Hintergrund. Mein Lieblingsgedicht beim ersten Durchblättern stammt von der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Szymborska, es ist für die letzte Maiwoche vorgesehen und lautet: „Vermeer. Solange diese Frau aus dem Rijksmuseum / in der gemalten Stille und Andacht / Tag für Tag Milch / aus dem Krug in die Schüssel gießt / verdient die Welt / keinen Weltuntergang.“

Elisabeth Raabe und Regina Vitali können das Kalendermachen nicht lassen. Wir erinnern uns: durch sie ist der Arche Literaturkalender zu einem Klassiker geworden. Nun erscheinen ihre Kalender im alten Stil, das heißt in der bewährten Zusammenschau von Bild und Text und Biografie, aber in einem neuen Verlag, der edition momente: Einer dieser Kalender umfasst Momente aus dem Literarischen Leben und trägt den Titel: „Anfang und Aufbruch“. Auf dem Deckblatt Marylin Monroe wie sie skeptisch lächelnd zu Arthur Miller aufblickt, das erste Kalenderblatt ist J.D. Salinger („Der Fänger im Roggen“) gewidmet, zeigt ihn als Soldat an einem einfachen Tisch sitzend und als Zitat – passend zum Motto des Kalenders – steht: „Als ich ungefähr achtzehn war, fing ich einfach mit dem Schreiben an und bin seither dabei geblieben.“ Das Kalenderblatt für die letzte Aprilwoche zeigt Karl Kraus vor einer Frau in einem Birkenwald sitzend, mit einer für ihn völlig ungewohnten Aussage – so aber doch wieder ganz im Sinn von „Anfang und Aufbruch“ – aus einem Brief an Sidonie, eben jene Frau: „Ich verbrenne…Ich hätte nie geglaubt, daß es so über mich noch hereinbrechen kann. Es ist Anfang oder Ende.“

Deckblätter von "Der Literatur Kalender" und "Der literarische Küchenkalender"

Nun erscheinen in der edition momente aber auch noch andere Kalender, einer zum Thema Musik, dann einer für Kinder und noch ein Monatskalender über Jazz. Aber bleiben wir bei der Literatur und deren kulinarischen Verbindungen. Sybil Gräfin Schönfeldt gibt in der edition momente einen literarischen Küchenkalender heraus. Die „Grande Dame der Kochkultur“ hat da 53 köstliche Momente aus der literarischen Welt der Küche eingefangen: am Titelblatt sieht man Marlene Dietrich, Jean Marais, Gérard Philipe und Micheline Presle rund um einen Tisch, aufgenommen 1959 in Paris – also auch schon 60 Jahre her. Das Kalenderinnere enthält einschlägige Sprüche und Rezepte und dazu Abbildungen, so recht dazu geeignet, sinnliches Vergnügen zu entfachen – seien es nun gemalte Stillleben, Plakate, Vignetten, Fotos von Lebensmitteln, Gemüsen und Früchten. Die Rezepte reichen vom Luxuriösen, nämlich Kaviar mit Blinis, bis hin zum Einfachen, wie Kärntner Nudeln, die Peter Handke empfiehlt.

Deckblätter von "Literatur & Wein" und "Der literarische Reisekalender"

Jetzt kommt, was kommen muss: Literatur und Wein. So sehr Wein LiteratInnen beim Hervorbringen ihrer Werke beflügeln mag, so schwer tun sie sich dabei, den Wein literarisch adäquat zu preisen. Da hat man schon recht oft das Gefühl, dass die zulässige Promillegrenze beim Dichten längst überschritten wurde und beim „Tief-ins-Glas-Schauen“ selten Tiefgängiges entstand. F. Scott Fitzgerald bringt es in weiser Selbsterkenntnis auf den Punkt: „Ich hatte zwei Schalen Champagner getrunken und alles, was sich vor meinen Augen abspielte, erschien mir tief bedeutsam und wesenhaft.“ Martin Maria Schwarz, beim Hessischen Rundfunk für Trinkkultur zuständig, suchte und fand für den „Literatur & Wein Kalender 2019“ aus dem Verlag Schöffling & Co Sprüche, die die ganze literarische Bandbreite abdecken, vom vordergründig Flachen bis hin zum bedeutsam Wesenhaften. Die FotografInnen bieten optisch Adäquates.

Beim nächsten Kalender aus dem Verlag Schöffling & Co, beim „literarischen Reisekalender“, sind sie es, die FotografInnen, auf deren Bildern von den Tropen bis an die irische Atlantikküste das Hauptaugenmerk liegt, die Literatur liefert Begleittexte. Aber auch da kann die Herausgeberin Elsemaria Maletzke, eine deutsche Journalistin und Autorin, überraschen, wenn sie zum Beispiel Hermann Hesse zum idyllischen Bild eines kleinen Bodenseehafens sagen lässt: „Still verlaß ich dieses Hafens Becken. / Nun kann Europa mich …“.

Und nun zwei Kalenderbücher, beide unsäglich schön, jedes auf seine ganz spezielle Art und Weise: „Das Leben ein Traum“, ein Kalender für 2019 aus der Insel-Bücherei, und „Das Buch der Nächte“ im Verlag Hermann Schmidt von Klaus Beyrer auf dem Höhepunkt zeitgenössischen buchmacherischen Könnens herausgegeben.

Cover von "Das Buch der Nächte"„Wer die Nacht zum Tag macht, braucht kein Tagebuch“ steht auf dem Umschlag des „Buchs der Nächte“ und auf der Rückseite: „Ein immerwährendes Kalender-Lese-Tagebuch für die dunkle Seite des Tages. Denn da warten die Sternstunden!“ Das Prosaische zuerst: die 215 Seiten des ganz in Schwarz und Gelb gehaltenen Buches enthalten natürlich auch 52 Seiten Kalendarium, also je eine Seite für eine Woche von Montag bis Sonntag. Dann aber ist es ein Lesebuch, in dem man verführt wird, sich über sein Verhältnis zur Nacht Gedanken zu machen. Da heißen die Kapitel „Zu Hause“, „Licht und Sterne“, „Vor der Tür“, „Unterwegs“, „Dunkel und Schrecken“ und „Die Nacht in den Künsten.“ Beim Lesen und Darüber-Nachdenken soll es aber nicht bleiben, man wird auch aufgefordert, seine „Gedanken und Reflexionen zur Nacht festzuhalten und es damit vom Lesebuch zum Tage- oder Gedankenbuch zu machen.“

Seite aus "Das Buch der Nächte"Das ist der Text-Teil. Vom grafischen, buchgestalterischen Teil kann hier nur geschwärmt werden und davon, wie die zwei Farben Schwarz und Gelb variiert eingesetzt werden, wie mit Schriften gespielt wird, mit Licht und Dunkelheit. Dabei wird der Nacht nahezu alles genommen, was beängstigend sein könnte. Auf der vorletzten Seite sieht man einen einsamen Mann ganz knapp vor Sonnenaufgang, der Text dazu: „So langsam dämmert‘s!“. Auf der letzten Seite steht: „Guten Tag.“

Cover des Kalenders "Das Leben ein Traum"Abschließend zum Kalender für 2019 aus der Insel-Bücherei: „Das Leben ein Traum“. Da ist auf je einer Doppelseite Platz für die sieben Tage einer Woche. Dazu hat aber dann Matthias Reiner, studierter Literaturwissenschaftler und Kunstgeschichtler, Leiter der Suhrkamp-Bildredaktion, rechts unten Bilder und Texte gestellt, das sind Geschichten, Gedichte, Aphorismen und auch Rezepte. All das, sowohl Texte als auch Bilder, stammen aus Büchern der Insel-Bücherei. Das fügt sich alles so gut, weil ja diese Insel-Bücherei eine der ganz, ganz wenigen Buchreihen ist, die ihr Aussehen im Laufe der mittlerweile 106 Jahre nicht geändert hat. Betritt man eine Buchhandlung, dann erkennt man die Bücher dort sofort. Und das ist in Zeiten wie diesen, wo sich alles anscheinend ununterbrochen erneuern muss, ja auch etwas wert.

Dirk von Petersdorff (Hg.): C.H.Beck Gedichtekalender. Verlag C.H. Beck, München 2018.
2019 Kluge Frauen, die unsere Welt bewegten. arsEdition, München 2018. Dieser Kalender ist als Postkartenkalender, als Tischkalender und als Buchkalender erhältlich.
Andrea Grewe / Hiltrud Herbst / Doris Mendlewitsch (Hg.): Fliegende Wörter 2019. Daedalus Verlag, Münster 2018.
Elisabeth Raabe (Hg.): Der Literatur Kalender 2019. edition momente, Zürich/Hamburg 2018.
Sybil Gräfin Schönfeldt (Hg.): Der literarische Küchenkalender 2019. edition momente, Zürich/Hamburg 2018.
Martin Maria Schwarz (Hg.): Literatur & Wein Kalender 2019. Schöffling & Co., Frankfurt a.M. 2018.
Elsemaria Maletzke (Hg.): Der literarische Reisekalender. Schöffling & Co., Frankfurt a.M. 2018
Klaus Beyrer (Hg.): Das Buch der Nächte. Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2017.
Matthias Reiner (Hg.): „Das Leben ein Traum“ Kalender für 2019. Insel Verlag, Berlin 2018.