PETER ALTENBERG: KRAFTSÄTZE UND GEISTREICHE PURZELBÄUME

Ausschnitt aus dem Porträt Peter Altenbergs von Gustav Jagerspacher, 1909Ausschnitt aus dem Porträt Peter Altenbergs von Gustav Jagerspacher, 1909

„Es gibt in der Literatur auch so etwas wie ein Bürgerrecht, das, wie jedes andere, durch längere Ansässigkeit erworben wird. Peter Altenberg besaß es, trotz seiner Unbürgerlichkeit, in den letzten Jahren. Er schrieb und schrieb, er veröffentlichte das Geschriebene, und während die einen über jeden seiner gesperrt gedruckten Kraftsätze, seine winzigen Skizzen und Zweiminutenromane in Entzücken gerieten, hatte er es bei den anderen, der kompakten Mehrzahl, wenigstens so weit gebracht, daß sie ihn als einen sonderbaren Heiligen gewähren ließen und lachend zusahen, wenn er, bald bitterernst, bald mit dem ihm eigenen Galgenhumor, in Wort und Schrift seine geistreichen Purzelbäume schlug.“

So fasste Raoul Auernheimer in seinem Essay „Peter Altenberg“ die Rezeption des Schaffens seines Schriftstellerkollegen zusammen. Publiziert wurde Auernheimers Text am 11. Jänner 1919 in der Wiener „Neuen Freien Presse“ – und es war ein Nachruf. Denn Altenberg war drei Tage zuvor, am 8. Jänner, im 60. Lebensjahr verstorben. In Erinnerung geblieben ist er als Dichter – meist mit dem Etikett Kaffeehausliterat – ebenso wie als skurriler Bohemien und als ein Wiener Original, das Auernheimer folgendermaßen beschrieb:

„Die Kappe war tief in die Stirn gedrückt, der grimmige Schnauzbart hing wüst herunter, von einem fingerbreiten, schwarzen Zwickerbund malerisch umflattert, und in der Hand hielt er einen dicken, keulenartigen Spazierstock, den er in der Mitte umklammerte und im Gehen rabiat hin und her schwang. Alles an dieser Silhouette: der waagrecht gehaltene Spazierstock, das vorgeschobene Gesicht, seine Art, die Knie beim Schreiten absichtlich etwas hochzuziehen, erinnerte irgendwie an die traditionelle Körperhaltung und Gangart des Stutzers von 1890, des sogenannten ‚Gigerls‘, war aber andrerseits durch das offensichtliche Bestreben bestimmt, an der einmal gewählten Maske eigensinnig festzuhalten. Man sag dem Manne, der sich so trug, deutlich an, daß er aus seiner Erscheinung ein Programm machte“.

2019 jähren sich Peter Altenbergs Todestag zum 100. Mal und sein Geburtstag zum 160. Mal – und das wäre doch ein Anlass, seine Werke wieder einmal auf die „Leseliste“ zu setzen! Zum Beispiel den in Stil, Ambiente und Atmosphäre so typischen Altenberg-Text „Theater-Abend“:

„Sie konnte den Pudel nicht mit in das Theater nehmen. So blieb der Pudel bei mir im Café und wir erwarteten die Herrin.
Er setzte sich so, daß er die Eingangstüre im Auge behalten konnte, und ich hielt es für sehr zweckmäßig, wenn auch ein wenig übertrieben, denn, bitte, es war ½8 Uhr, und wir hatten bis ¼12 Uhr zu warten.
Wir saßen da und warteten.
Jeder vorüberrauschende Wagen erweckte in ihm Hoffnungen, und ich sagte jedesmal zu ihm: „Es ist nicht möglich, sie kann es noch nicht sein, bedenke doch, es ist nicht möglich!“
Manches Mal sagte ich zu ihm: „Unsere schöne gute Herrin – – –!“
Er war direkt krank vor Sehnsucht, wandte den Kopf nach mir um:
„Kommt sie oder kommt sie nicht?! “
„Sie kommt, sie kommt – – –“, erwiderte ich.
Einmal gab er den Posten auf, kam zu mir heran, legte seine Pfoten auf meine Knie und ich küßte ihn.
Wie wenn er zu mir sagte: „Sage mir doch die Wahrheit, ich kann alles hören!“
Um 10 Uhr begann er zu jammern.
Da sagte ich zu ihm: „Ja, glaubst du, mein Lieber, daß mir nicht bange ist?! Man muß sich beherrschen!“
Er hielt aber nichts auf Beherrschung und jammerte.
Dann begann er leise zu weinen.
„Kommt sie oder kommt sie nicht?!“
„Sie kommt, sie kommt – – –.“
Er legte sich nun ganz platt auf den Boden hin, und ich saß ziemlich zusammengebückt auf meinem Sessel.
Er jammerte nicht mehr, blickte zur Eingangstüre, während ich vor mich hinsah.
Es war ¼12.
Da kam sie. Mit ihren süßen sanften gleitenden Schritten kam sie, ganz ruhig und gelassen, begrüßte uns in ihrer milden Art.
Der Pudel jauchzte, sang und sprang.
Ich aber nahm ihr den seidenen Mantel ab und hängte ihn an den Haken.
Dann setzten wir uns.
„War euch bange?!“, sagte sie.
Wie wenn man sagte: „Wie befinden Sie sich, mein Bester?!“ Oder: „Ihr ergebener N. N.!“
Dann sagte sie: „Oh, im Theater war es wunderbar – – –!“
Ich aber fühlte: Sehnsucht, Sehnsucht, die du aus den Herzen der Menschen und der Tiere strömst und strömst und strömst, wohin begibst du dich?! Verflüchtigst dich vielleicht ins Weltall wie Wasser in Wolken?! Wie die Luft von Wasserdunst erfüllt ist, muß die Welt von Sehnsüchten erfüllt und schwer sein, die kamen und keine Seele fanden, die sie aufnahm! Was geschieht mit dir, Bestes, Zartestes im Leben, Sehnsucht, wenn du nicht auf Seelen triffst, die dich in sich einsaugen, gierig, dich verwerten zu eigener Kraft?!?
Sehnsucht, Sehnsucht, die du von Mensch und Tier ausströmst in die Welt, ausströmst, ausströmst, wohin begibst du dich?!?“

Aus: Peter Altenberg. Auswahl aus seinen Büchern von Karl Kraus. Online abrufbar über das „Projekt Gutenberg“ .