60 JAHRE BRASILIA

Gebäude der Generalstaatsanwaltschaft in Brasilia. Alle Fotos: K. Holzer

Nur ganz selten bekommt ein Mensch die Möglichkeit, eine Stadt nach seinen Plänen zu entwerfen. Oscar Niemeyer hatte sie. Der brasilianische Architekt, der von 1907 bis 2012 lebte, also 105 Jahre alt wurde, erhielt 1956 vom damaligen Präsidenten Brasiliens, Juscelino Kubitschek, den Auftrag für die Projektierung einer neuen Hauptstadt. Ins Zentrum des Landes, weit entfernt von aller Zivilisation, setzte man ein Kreuz auf die Landkarte. Dieses Kreuz kann man jetzt noch in der Anlage des Stadtzentrums erkennen. Mit der Errichtung der Stadt wurde 1956 begonnen, am 21. April 1960 konnte Brasilia – vorerst einmal provisorisch – als Hauptstadt in Funktion treten. Seit 1987 ist das Zentrum Brasilias UNESCO-Weltkulturerbe. Das kulturelle Herzstück der Stadt, das „Kulturzentrum der Republik“, ist das Nationalmuseum, es wurde am 15. Dezember 2006, zu Niemeyers 99. Geburtstag, mit der Ausstellung „Niemeyer und Brasilia – Erbe der Menschheit“ eröffnet.

 

„Im Laufe der Jahre ist von Kritikern häufig behauptet worden, meine Arbeit bewege sich mehr in Richtung Bildhauerei als Architektur, aber Ästhetik ist die erste Funktion der Architektur“, so Oscar Niemeyer in dem Buch „Wir müssen die Welt verändern“, in dem er, kurz vor seinem Tod, ein Resümee seines Lebens und seines Schaffens zog. Sein Credo lautete: „Was zählt, ist der neue Gedanke. Man muss immer etwas Neues erfinden.“ Lob erhielt er für diese Haltung, so erinnerte er sich, unter anderem von seinem Architektenkollegen Le Corbusier: „Als ich mit Le Corbusier die Freitreppe zum Congresso Nacional do Brasil hinaufging, sagte er zu mir: ‚Hier ist etwas Neues verwirklicht worden, hier herrscht Freiheit.‘“ Dieser Nationalkongress ist eines der Gebäude am Platz der drei Gewalten. Es besteht aus zwei schalenförmigen Teilen, der konkave beherbergt den Senat, der konvexe die Abgeordnetenkammer. Die Büros der Parlamentarier befinden sich in zwei Scheibenhochhäusern dazwischen.

 

Der künstliche See vor dem Gebäude veranlasste den Herausgeber des Buches „Wir müssen die Welt verändern“, Alberto Riva, zur Frage, warum Wasser denn eine so große Rolle in Niemeyers Entwürfen spiele. Darauf der Architekt: „Weil das Wasser die Architektur widerspiegelt.“ Weitere Gebäude auf diesem „Platz der drei Gewalten“ sind das „Supremo Tribunal Federal“, also das Bundesgericht, und der Palast des Präsidenten, der Palácio do Planalto. Vor dem Obersten Gerichtshof stehen auch einige Denkmäler, darunter die Skulptur „Os candangos“, die der brasilianische Bildhauer Bruno Giorgi den Erbauern der Stadt widmete. Der Wohnsitz des Präsidenten, der „Palácio da Alvorada“, zu Deutsch „Palast der Morgenröte“, liegt auf einer Halbinsel in einem künstlichen See. Bemerkenswerte Bauwerke sind aber auch der Justizpalast und die Juscelino-Kubitschek Brücke.

 

Oscar Niemeyers Vorbilder kamen alle aus der linken Szene: Fidel Castro, Che Gevara, Camus und Sartre. Er war Atheist, aber er baute gerne Kirchen, so auch die Kathedrale von Brasilia, ein auffallendes hyperbolisches Bauwerk, das Raum für 4.000 Menschen bietet. Die zweite große Kirche in Brasilia ist das „Santuário Dom Bosco“, dem Schutzpatron der Stadt geweiht, entworfen von Carlos Alberto Naves. Überwältigend ist die Beleuchtung des Innenraums, Glasbausteine stellen den Sternenhimmel dar.


Es ist nicht alles gelungen in Brasilia, es ist keine Stadt für Fußgänger, die arbeitende Bevölkerung wohnt in den Vororten, die Zeitung „Jornal do Brasil“ schreibt jetzt zum Jubiläum, dass man „in der utopischen Stadt die sozialen Unterschiede eliminieren wollte, im Gegensatz dazu ist sie aber ein Spiegel der Ungleichheit Brasiliens geworden“. Wie ist das also mit der Funktion und der Ästhetik?

Literatur:
Oscar Niemeyer: Wir müssen die Welt verändern. Hg. von Alberto Riva, a.d. Italienischen übersetzt von Friederike Hausmann. Verlag Antje Kunstmann, München 2013. Auch als E-Book erhältlich.