RANDNOTIZEN

Fotos: B. Denscher

„Glück ist nicht billig zu haben. Es sieht klein aus, solange man es in Händen hält. Erst wenn man es loslässt, erkennt man, wie groß und kostbar es eigentlich ist.“
Aus dem Drama „Die Sikovs“ von Maxim Gorki

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George Caleb Bingham (1811–1879), links: Stump Speaking, rechts: The County Election

George Caleb Bingham (1811–1879), links: Stump Speaking (USA, 1853/54), rechts: The County Election (USA, 1852)

„Ich halte die Politik für eine mindestens ebenso vortreffliche Manier, mit dem Ernst des Lebens fertig zu werden, wie das Tarockspiel, und da es Menschen gibt, die vom Tarockspiel leben, so ist der Berufspolitiker eine durchaus verständliche Erscheinung. Umso mehr, als er immer nur auf Kosten jener gewinnt, die nicht mitspielen. Aber es ist in Ordnung, dass der politische Kiebitz zahlen muss, wenn das geduldige Zuschauen seinen Daseinsinhalt bildet.“
Karl Kraus

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Links: Paul Gavarni, Pianist (1853). Rechts: Honoré Daumier, Singender Pianist (1852).

Links: Paul Gavarni, Pianist (1853). Rechts: Honoré Daumier, Singender Pianist (1852).

„Das Klavier! Bei dem Gedanken an dieses fürchterliche Instrument fühle ich einen Schauder in der Kopfhaut; meine Füße brennen; ich betrete vulkanischen Boden, indem ich diesen Namen schreibe. Denn ihr wisst ja nicht, was Klaviere, Klavierhändler, Klavierfabrikanten, Klavierspieler, Gönner und Gönnerinnen von Klavierfabrikanten sind! Gott bewahre euch davor, es jemals zu erfahren! Die anderen Instrumentenhändler und Instrumentenmacher sind viel weniger furchtbar. […] Aber das Klavier! ach! das Klavier!“
Aus: Hector Berlioz, Die Musikinstrumente auf der Weltausstellung. In: Berlioz, Groteske Musikantengeschichten (Les grotesques de la musique, 1859).

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Links: Franz Bernhard Custodis (1775–1851), Lesender beim Schein einer Lampe. Rechts: Angelika Kauffmann (1741–1807), Lesende.

Links: Franz Bernhard Custodis (1775–1851), Lesender beim Schein einer Lampe. Rechts: Angelika Kauffmann (1741–1807), Lesende.

„Der echte Leser braucht ein Buch nur aufzuschlagen, und sein Instinkt wird ihm mitteilen, ob es ein gutes oder ein schlechtes Buch ist; die Worte scheinen zu riechen, Geschehnisse von einer gültigen Besonderheit eine unmittelbare und stumme Gewalt in sich zu tragen. Etwas Anheimelndes und Wohltuendes liegt schon im Satzbild, ein unverkennbarer Rhythmus in der Wortfolge, Ökonomie und Genauigkeit in der Interpunktion: Der lebendige Geist verkündet sich in seiner geringsten Gebärde. Andererseits gibt es nichts, was sich rascher offenbarte als das Leere, was besser zu durchschauen wäre als das Aufgeblasene und schlechter zu verbergen als das Lügenhafte. Im persönlichen Umgang kann ein mittelmäßiger Kopf bisweilen für einen tiefen Kopf gelten, in einem Buch ist er unmöglich zu maskieren.“
Jakob Wassermann: Über das Lesen (Ausschnitt).

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Fotos: B. Denscher

Fotos: B. Denscher

„Warum erfüllen uns Gräser, eine Wiese, eine Tanne, mit so reiner Lust? Weil wir da Lebendiges vor uns sehen, das nur von außen her zerstört werden kann, nicht durch sich selbst. Der Baum wird nie an gebrochenem Herzen sterben und das Gras nie seinen Verstand verlieren. Von außen droht ihnen jede mögliche Gefahr, von innen her aber sind sie gefeit. Sie fallen sich nicht selbst in den Rücken, wie der Mensch mit seinem Geist, und ersparen uns damit das wiederholte Schauspiel unseres eigenen zweideutigen Lebens.“
Christian Morgenstern

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Beispiele für Initialen in der Schrift „Behrens-Antiqua“

Beispiele für Initialen in der Schrift „Behrens-Antiqua“

„Eines der sprechendsten Ausdrucksmittel jeder Stilepoche ist die Schrift. Sie gibt, nächst der Architektur, wohl das am meisten charakteristische Bild einer Zeit und das strengste Zeugnis für die geistige Entwicklungsstufe eines Volkes.“
Peter Behrens (1868–1940). Der renommierte Architekt und Designer beschäftigte sich auch mit Typografie. 1907 kam die von ihm gestaltete Schrift „Behrens-Antiqua“ heraus.

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Links: Fritz von Uhde, Am Fenster, 1890. Rechts: Jakob von Alt, Blick aus dem Atelier des Künstlers in der Alservorstadt gegen Dornbach, 1836 (beide: Wikimedia Commons)

Links: Fritz von Uhde, Am Fenster, 1890. Rechts: Jakob von Alt, Blick aus dem Atelier des Künstlers in der Wiener Alservorstadt gegen Dornbach, 1836 (beide: Wikimedia Commons)

„Heute ist weithin heiterer Himmel mit tiefem Blau, die Sonne scheint durch mein geöffnetes Fenster; das draußen schallende Leben dringt klarer herein, und ich höre das Rufen spielender Kinder. Gegen Süden stellen sich kleine Wolkenballen auf, die nur der Frühling so schön färben kann; die Metalldächer der Stadt glänzen und schillern, der Vorstadtturm wirft goldne Funken, und ein ferner Taubenflug lässt aus dem Blau zu Zeiten weiße Schwenkungen vortauchen.“
Adalbert Stifter (aus der Erzählung „Feldblumen“)

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Links: Karen Blixen-Haus, Rungsted, Dänemark. Rechts: Klopstockhaus, Quedlinburg, Deutschland. Fotos: B. Denscher

Links: Karen Blixen-Haus, Rungsted, Dänemark. Rechts: Klopstockhaus, Quedlinburg, Deutschland. Fotos: B. Denscher

„Es ist das Unglück, dass Würde und Feinheit von Gedanken oft von den Raumverhältnissen eines Zimmers, einer beglückenden Fensteraussicht, einem gewissen Maß von Licht und Farbe abhängig sind, so dass einer, der sein Leben lang in einer Art von länglichen Schachteln gehaust hat und eines Tages ein edel proportioniertes Gemach betritt, sich zu glauben geneigt findet, wieviel er vielleicht allein durch den Charakter seiner Wohnräume geistig verloren haben könnte.“
Christian Morgenstern

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Links: Suzuki Harunobu (ca. 1725–1770), Frau serviert einem Mann eine Tasse Tee. Rechts: Suzuki Harunobu, Zwei Frauen vor einem Teehaus.

Links: Suzuki Harunobu (ca. 1725–1770), Frau serviert einem Mann eine Tasse Tee. Rechts: Suzuki Harunobu, Zwei Frauen vor einem Teehaus.

„Tee ist ein Kunstwerk und benötigt eine meisterliche Hand, um seine edelsten Eigenschaften zu offenbaren. Es gibt guten und schlechten Tee, so wie es gute und schlechte Bilder gibt – gewöhnlich letztere. Für die Zubereitung perfekten Tees gibt es kein spezielles Rezept, wie es ja auch keine Regeln dafür gibt, wie Bilder von Tizian oder Sesson Shukei zu malen seien. Jede Form die Teeblätter zuzubereiten hat ihre Besonderheit, ihr spezielles Verhältnis zu Wasser und Wärme, ihre eigene Art eine Geschichte zu erzählen. Das wahrhaft Schöne muss stets darin enthalten sein. Wie sehr leiden wir doch unter dem ständigen Versagen der Gesellschaft, dieses einfache Grundgesetz von Kunst und Leben zu erkennen.“
Kakuzo Okura, „The Book of Tea“, 1906 (Übersetzung a.d. Englischen B. Denscher).

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Links: Hendrik Spilman (1721–1784), Ansicht von Rom. Rechts: Giovanni Battista Piranesi (1748–1778), Die Engelsburg in Rom.

Links: Hendrik Spilman (1721–1784), Ansicht von Rom. Rechts: Giovanni Battista Piranesi (1748–1778), Die Engelsburg in Rom.

„‚Rom ist nicht in einem Tage erbaut worden‘. Das will sagen: Wichtige Geschäfte und große Werke lassen sich selten kurz abtun und wollen zu ihrer guten Ausführung besonnene Weile haben. Mit diesem Sprichwort entschuldigen sich aber auch viele fahrlässige und träge Menschen, welche ihr Geschäft nicht treiben und vollenden mögen, und schon müde sind, ehe sie recht anfangen. Mit Rom ist es aber eigentlich so gegangen: Es haben viele fleißige Hände viele Tage lang vom frühen Morgen bis zum späten Abend unverdrossen daran gearbeitet, und nicht abgelassen, bis es fertig war und der Hahn auf dem Kirchturm stand. So ist Rom entstanden. Was du zu tun hast, machʼs auch so!“
Johann Peter Hebel (1760–1826)

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Aus: Israel Perkins Warren, Snow-Flakes: A Chapter from the Book of Nature, Boston (1863).

Aus: Israel Perkins Warren, Snow-Flakes: A Chapter from the Book of Nature, Boston (1863).

Felix Dörmann (1870–1928): Schneeflocke

Du bist eine weiße Flocke,
Ein himmelentsprungenes Kind
Und wirbelst – licht und selig
Dahin durch Wolken und Wind.
Du bist eine weiße Flocke –
Du stirbst der Flocken Tod:
Nach kurzem Sonnengruße
In Straßenstaub und Kot…

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Links: James Tissot, Tea, 1872. Rechts: Lilla Cabot Perry, A Cup of Tea, um 1900.

Links: James Tissot, Tea, 1872. Rechts: Lilla Cabot Perry, A Cup of Tea, um 1900.

Teatime in England
„Die Dame des Hauses bereitet den Tee zwar viel umständlicher, aber auch viel besser als wir. Die Tassen werden erst sorgfältig mit heißem Wasser ausgewärmt, der Tee abgemessen, das heiße Wasser nach gewissen Regeln darauf gegossen, und um für alle diese Mühe den gehörigen Ruhm zu ernten, wird der Reihe nach gefragt: ob der Tee nach jedes Wunsch geraten sei. Alles geschieht langsam und mit einer feierlichen Ruhe, welche die Engländer gern ihren Mahlzeiten geben, denn sie mögen dabei keine andern Gedanken aufkommen lassen, außer den des gegenwärtigen Genusses. Nur die Zeitungsblätter machen beim Frühstücke hiervon eine Ausnahme, und Herren und Damen beschäftigen sich eifrig damit.“
Aus: Johanna Schopenhauer, Erinnerungen von einer Reise in den Jahren 1803, 1804 und 1805. (Orthografisch dem heutigen Standard angepasst).

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Da draußen regnet es weit und breit. Es regnet graugraue Verlassenheit. Es plaudern tausend flüsternde Zungen. Es regnet tausend Erinnerungen. Der Regen Geschichten ums Fenster rauscht. Die Seele gern dem Regen lauscht. Der Regen hält dich im Haus gefangen. Die Seele ist hinter ihm hergegangen. Die Insichgekehrte ist still erwacht, Im Regen sie weiteste Wege macht. Du sitzt mit stummem Gesicht am Fenster, Empfängst den Besuch der Regengespenster. Max Dauthendey: Regen weit und breit (1917). Links: Fernand Louis Gottlob, Postkarte, 1903. Rechts: Honoré Daumier, Karikatur für die Pariser Zeitschrift „Le Charivari“, 22.10.1839.

Links: Fernand Louis Gottlob, Postkarte, 1903. Rechts: Honoré Daumier, Karikatur für die Pariser Zeitschrift „Le Charivari“, 22.10.1839.

Da draußen regnet es weit und breit.
Es regnet graugraue Verlassenheit.
Es plaudern tausend flüsternde Zungen.
Es regnet tausend Erinnerungen.
Der Regen Geschichten ums Fenster rauscht.
Die Seele gern dem Regen lauscht.

Der Regen hält dich im Haus gefangen.
Die Seele ist hinter ihm hergegangen.
Die Insichgekehrte ist still erwacht,
Im Regen sie weiteste Wege macht.
Du sitzt mit stummem Gesicht am Fenster,
Empfängst den Besuch der Regengespenster.

Max Dauthendey: Regen weit und breit (1917).

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Fotos: B. Denscher

„Ich könnte heute noch im Walde wie ein Knabe spielen: Aus Steinen und Holzstücken Häuser bauen, mit dürren Zweiglein Straßen abstecken und Haine bilden, einen Felsblock zum Range eines Alpengipfels erheben und einem Hirschkäfer und seiner Frau die Herrschaft über das alles verleihen. Und dieses kleine Reich würde mich glücklicher machen und meine Phantasie umständlicher erregen und beschäftigen – als ein noch so großes der Wirklichkeit.“
Christian Morgenstern. Aus: Stufen. Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen.

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Fotos: B. Denscher

Klabund (1890-1928): Das Meer

Ich schwelle in meiner Flut über die Erde.
Es wirft meine wilde Welle Tang an den Strand,
Muscheln, violette Quallen und kleine Seepferde.

Aber der Ekel zischt, dass ich mich gezeigt.
Ich krieche in mich zurück,
Und der Nordwind schweigt.

Ebbe ist… Kinder gehen, sammeln, suchen
Und sehen Krabben, nasse Sterne,
Erstaunlichstes Getier.

Ich aber bin längst in der Ferne wieder bei mir.

Und was ich an den Strand warf, stirbt in der Luft
Oder in des Menschen Hand. –
Nur die Taschenkrebse graben sich
Mit ihren Scheren in den Sand.
Sechs Stunden warten sie bis zur nächsten Flut. –
Die Taschenkrebse kennen mich gut.

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Venedig

Fotos: B. Denscher

„Venedig ist eine so außergewöhnliche Stadt, dass man sich gar keine rechte Vorstellung von ihr machen kann, wenn man sie nicht wirklich gesehen hat. Landkarten, Pläne, Modelle und Reisebeschreibungen genügen nicht: Man muss es sehen. Die großen Städte der Welt sind einander mehr oder weniger ähnlich – Venedig gleicht keiner von ihnen… Je älter ich wurde, je mehr Kenntnisse ich mir aneignete und je mehr Vergleichsmöglichkeiten ich hatte, um so mehr Schönheiten entdeckte ich an ihr.“
Carlo Goldoni, 1770

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Ausschnitt aus einer Karikatur von Thomas Rowlandson, entstanden 1810 (links) und Ausschnitt aus einer Karikatur von José Guadalupe Posada, entstanden um 1900 (rechts). Beide: Metropolitan Museum of Art, New York.

„Von 10 Dingen, die uns ärgern, würden 9 es nicht vermögen, wenn wir sie recht gründlich aus ihren Ursachen verständen und daher ihre Notwendigkeit oder ihre wahre Beschaffenheit einsähen: und dies würden wir viel öfter, wenn wir sie früher zum Gegenstand der Überlegung als des Verdrusses machten.“
Arthur Schopenhauer

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Links: Isaac Cruikshank, Eisläufer, um 1800. Rechts: Adam Buck, Skating Lovers, um 1800 (beide: British Museum, London).

Isaac Cruikshank, Eisläufer, um 1800 (links) und Adam Buck, Skating Lovers, um 1800 (rechts). Beide: British Museum, London.

„Besonders aber tat sich, bei eintretendem Winter, eine neue Welt vor uns auf, indem ich mich zum Schlittschuhfahren, welches ich nie versucht hatte, rasch entschloß, und es in kurzer Zeit, durch Übung, Nachdenken und Beharrlichkeit, so weit brachte als nötig ist, um eine frohe und belebte Eisbahn mitzugenießen, ohne sich gerade auszeichnen zu wollen.“
J. W. Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit.

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John Singer Sargent (1856-1925): In Switzerland (links) und Violet Sleeping (rechts). Beide: Brooklyn Museum, New York

John Singer Sargent (1856-1925): In Switzerland (links) und Violet Sleeping (rechts). Beide: Brooklyn Museum, New York.

Theodor Fontane: Schlaf

„Nun trifft es mich, wie’s jeden traf,
Ich liege wach, es meidet mich der Schlaf,
Nur im Vorbeigeh’n flüstert er mir zu:
‚Sei nicht in Sorg’, ich sammle deine Ruh,
Und tret’ ich eh’stens wieder in dein Haus,
So zahl’ ich alles dir auf einmal aus‘.“

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Pieter Pietersz Barbiers (1749-1842), Winterlandschaft (links) und Johannes Christiaan Janson (1763-1823), Dorf bei Schneefall (rechts). Beide: Rijksmuseum Amsterdam.

Pieter Pietersz Barbiers (1749-1842), Winterlandschaft (links) und Johannes Christiaan Janson (1763-1823), Dorf bei Schneefall (rechts). Beide: Rijksmuseum Amsterdam.

Der Winter hat sich angefangen,
Der Schnee bedeckt das ganze Land,
Der Sommer ist hinweggegangen,
Der Wald hat sich in Reif verwandt.

Die Wiesen sind von Frost versehret,
Die Felder glänzen wie Metall,
Die Blumen sind in Eis verkehret,
Die Flüsse steh’n wie harter Stahl.

Wohlan, wir wollen von uns jagen
Durchs Feu’r das kalte Winterleid,
Kommt, lasst uns Holz zum Herde tragen
Und Kohlen dran, jetzt ist es Zeit.

Aus dem Gedicht „Auf die nunmehr angekommene kalte Winterszeit“ von Johann Rist (1607–1667).

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Links: Charles Green Bush, A Musical Party, 1871. Rechts: Anonym, Garden Party, 19. Jhdt. Beide: New York Public Library.

Links: Charles Green Bush, A Musical Party, 1871. Rechts: Anonym, Garden Party, 19. Jhdt. Beide: New York Public Library.

„Man kann nicht immer, am wenigsten in Gesellschaften, von wichtigen Dingen reden; daher müssen der Kunst, Kleinigkeiten zu etwas zu machen, ihre Verdienste gelassen werden. Ich kann Ihnen nicht verbergen, dass mich die glückliche Ausbildung eines Nichts oft sehr hinreißt.“
Friedrich Klopstock

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Links: Johann Peter Hasenclever (1810-1853), Die Dorfschule. Rechts: Edward Lamson Henry (1841-1919), A Country School.

Links: Johann Peter Hasenclever (1810-1853), Die Dorfschule. Rechts: Edward Lamson Henry (1841-1919), A Country School.

„Es ist eine häufige Klage, dass es wenige gebe, welche aus den Schulen eine gediegene Bildung mitbringen; die meisten behalten kaum etwas Oberflächliches. (…) Wenn man nach der Ursache dieser Erscheinung fragt, so ist sie eine doppelte: Entweder weil sich die Schulen selbst mit geringfügigen, eitlen Dingen abgeben und die gediegeneren vernachlässigen; oder weil die Schüler, was sie gelernt haben, wiederum verlernen, indem das meiste beim Kopfe nur vorüber geht, nicht aber in demselben haften bleibt. Der letztere Fehler ist aber so allgemein, dass es nur wenige gibt, die nicht darüber Klage führten.“
Aus: Johann Amos Comenius (1592-1670), Große Unterrichtslehre.

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Links: Johann Baptist Drechsler, Blumenstillleben, 1786. Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien. Rechts: Franz Xaver Gruber, Blumenstück, um 1838. Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien

Links: Johann Baptist Drechsler, Blumenstillleben, 1786. Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien. Rechts: Franz Xaver Gruber, Blumenstück, um 1838. Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien

„Die Blumenmalerei ist nach meiner Ansicht ein Zweig der Portraitmalerei. Jedes menschliche Antlitz hat wohl sein eigenes Ideal. Was den Porträtmaler zum Künstler macht, ist, dass er das Ideal eines Gesichtes erkenne und im Bilde festhalte. Mir scheint, mit der Blumenmalerei verhält es sich auf ähnliche Weise. Die von der Natur gegebene Blume steht meistens unter ihrem Ideal, sie kann aber dazu erhoben werden durch eine gewisse Veränderung ihrer Stellung, der Lage ihrer Blätter u.s.w. Das aber macht diese Malerei zur Kunst.“
Aus einem Brief von Nikolaus Lenau an Sophie Schwab, 1834.

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Links: Peder Severin Krøyer, Sommerabend am Südstrand von Skagen (Ausschnitt). Rechts: Carl Spitzweg, Jugendfreunde (Ausschnitt)

Links: Peder Severin Krøyer, Sommerabend am Südstrand von Skagen (Ausschnitt). Rechts: Carl Spitzweg, Jugendfreunde (Ausschnitt)

„Was gibt es Schöneres, als einen Menschen zu haben, mit dem du dich alles so zu reden traust wie mit deinem eigenen Ich? Gäbe es einen so schönen Ertrag in Stunden des Glücks, wenn du nicht einen Menschen hättest, der sich in gleicher Weise wie du selbst darüber freuen kann? Unglück aber zu ertragen wäre schwierig ohne einen, der so geartet ist, dass er es sogar noch schwerer nimmt als du (…). Die Freundschaft umfasst die meisten Lebensbereiche, wohin du dich auch wendest, sie ist zugegen, kein Ort verschließt sich ihr, nie kommt sie ungelegen, nie fällt sie zur Last.“
Aus: Marcus Tullius Cicero, „Laelius – Über die Freundschaft”.

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Venedig 2018 (Fotos B. Denscher)

Venedig 2018 (Fotos B. Denscher)

„Jeder macht sich eine Maske zurecht, wie er kann – die äußere Maske. Denn innen ist dann die andere, die oft nicht mit der äußeren übereinstimmt. Und nichts ist wahr! Wahr ist das Meer; wahr der Berg; wahr der Felsen; wahr ein Grashalm; aber der Mensch? Immer maskiert, ohne es zu wollen, ohne es zu wissen, mit jenem Etwas, das zu sein er sich guten Glaubens einbildet.“
Luigi Pirandello

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Links: Gustav Klimt, Oberösterreichisches Bauernhaus, 1911. Rechts: Gustav Klimt, Allee zum Schloss Kammer, 1912 (beide: Österreichische Galerie Belvedere, Wien).

„Vor den Bildern Klimts hat wohl jeder die Empfindung, dass sie ganz ungewöhnlich sind. Die einen loben, die anderen tadeln ihn deshalb. Alle sind einig, dass es durchaus nichts gebe, womit seine Werke verglichen werden könnten. (…) Klimt wird niemals äußere Erscheinungen mit inneren Stimmungen behelligen, die nur durch ihn, nicht von selbst mit ihnen verbunden wären. Er stellt aber auch nicht die Erscheinung ohne Stimmung dar, sondern gibt ihr eben die, welche nothwendig zu ihr gehört.“
Aus: Hermann Bahr, Rede über Klimt, 1901.

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Links: Hendrik Jan van Amerom (1786–1833), Lesender Mann, Rijksmuseum, Amsterdam. Rechts: Constantin Hansen (1804–1880), Die Schwestern des Künstlers, Signe und Henriette, beim Lesen eines Buches. Statens Museum for Kunst, Kopenhagen.

Links: Hendrik Jan van Amerom (1786–1833), Lesender Mann, Rijksmuseum, Amsterdam. Rechts: Constantin Hansen (1804–1880), Die Schwestern des Künstlers, Signe und Henriette, beim Lesen eines Buches. Statens Museum for Kunst, Kopenhagen.

„Das Lesen ist für mich, wie ich glaube, lebensnotwendig: einmal, um geistiger Beschränktheit vorzubeugen; zweitens ist es notwendig, um kennenzulernen, was andere gefunden haben; drittens, um das Gefundene beurteilen und über das, was noch zu finden ist, nachdenken zu können. Das Lesen führt dem Geist neue Nahrung zu und erfrischt uns.“
Lucius Annaeus Seneca

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Eugène Grasset: Octobre (1896) Cornelis Dusart: October (um 1700) und

Links: Cornelis Dusart: October (um 1700). Rechts: Eugène Grasset: Octobre (1896).

Der Nebel steigt, es fällt das Laub; / Schenk‘ ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag / Vergolden, ja vergolden! (…)
Und wimmert auch einmal das Herz, – / Stoß an, und laß es klingen!
Wir wissen‘s doch, ein rechtes Herz / Ist gar nicht umzubringen.
Der Nebel steigt, es fällt das Laub; / Schenk‘ ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag / Vergolden, ja vergolden!
Aus dem „Oktoberlied“ von Theodor Storm (1848)

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Fotos B. Denscher

Dort stehen die Tannen und Fichten, es stehen die Erlen und Ahorne, die Buchen und andere Bäume wie die Könige, und das Volk der Gebüsche und das dichte Gedränge der Gräser und Kräuter, der Blumen, der Beeren und Moose steht unter ihnen. Die Quellen gehen von allen Höhen herab und rauschen und murmeln und erzählen, was sie immer erzählt haben, sie gehen über Kiesel wie leichtes Glas und vereinigen sich zu Bächen, um hinaus in die Länder zu kommen, oben singen die Vögel, es leuchten die weißen Wolken, die Regen stürzen nieder, und wenn es Nacht wird, scheint der Mond auf alles, dass es wie ein genetztes Tuch aus silbernen Fäden ist.
Aus: Adalbert Stifter „Granit“ (Bunte Steine, 1853).