BURGEN – STEINERNES VERMÄCHTNIS

Castello di Torrechiara, Parma, Italien, 15.-16. Jhdt. Foto aus dem Band „Frédéric Chaubin: Stone Age“Castello di Torrechiara, Parma, Italien, 15.-16. Jhdt. Foto aus dem Band „Frédéric Chaubin: Stone Age“

Die unverwechselbare Silhouette und der mythische Charakter seien jene Eigenschaften, die man primär einmal mit einer Burg verbinde, meint Frédéric Chaubin, der über zweihundert Burgen in Europa fotografiert und einen entsprechend umfassenden und schwergewichtigen Band herausgebracht hat. 416 großformatige Seiten sind es, auf denen Chaubin „mit Hilfe des Zaubers der Bilder“ über das „Schicksal“ der beeindruckenden Gebäude erzählt.

In seinem einleitenden Essay macht sich Chaubin also Gedanken darüber, was denn eine Burg ausmache. Jedes Kind in Europa wisse, wie so eine Festung aussehe und dass sie zumeist auf einer Anhöhe throne. Ein verhältnismäßig konstantes Modell sei dies, welches seine Anfänge im zehnten Jahrhundert hatte. Passiv, auf Verteidigung eingestellt am Beginn, entwickelte es sich „proaktiv“ weiter, wie es eben die Kriegstechniken der jeweiligen Zeiten verlangten. In den allermeisten Fällen von unbekannten Baumeistern erbaut, wechselten die Burgen im Lauf der Zeiten des Öfteren ihre Besitzer und damit auch ihr Aussehen.

Burg Eltz, Rheinland-Pfalz, Deutschland, 12.-16. Jhdt. Foto aus dem Band „Frédéric Chaubin: Stone Age“

Burg Eltz, Rheinland-Pfalz, Deutschland, 12.-16. Jhdt. Foto aus dem Band „Frédéric Chaubin: Stone Age“

Mit einem Zitat aus Kafkas Schloss, welches die völlige Ruhe des Bauwerks anspricht, leitet Chaubin das Kapitel über die „Stein-Zeit“ ein, schreibt von Loos und Le Corbusier, die den Purismus und die Rustikalität der spanischen Burgen bewundert hätten. Er weiß, dass die Spanier die Bauweise ihrer Festungen von ihren maurischen Widersachern übernahmen – und diese wiederum von den Byzantinern, die die Urform der Turmburg im 6. Jahrhundert schufen.

Von der Philosophie, von der „uterusmimetischen Selbstumhüllung“, wie sie Peter Sloterdijk bezeichnet, ausgehend, gibt Frédéric Chaubin einen architekturhistorischen Überblick über Hoch- und Spätmittelalter, vom 11. bis ins 16. Jahrhundert. „Vertikale Wachsamkeit“ ist das Kapitel über Ursprünge und Wandel des Burgenbaus, „Instabile Grenzen“ behandelt die historischen Veränderungen in Europa, die dann „Vom Krieg zum Frieden“ führen. Wie im 18. und dann besonders im 19. Jahrhundert das Mittelalter neu erfunden wurde und damit die Ruinen vorerst recht willkürlich restauriert, später dann sensibel rekonstruiert wurden, ist Gegenstand des abschließenden Kapitels „Von Ruinen zur Erneuerung.“

Ruine der Burg Rocca Calascio, Abruzzen, Italien, 11.-13. Jhdt. Foto aus dem Band „Frédéric Chaubin: Stone Age“

Ruine der Burg Rocca Calascio, Abruzzen, Italien, 11.-13. Jhdt. Foto aus dem Band „Frédéric Chaubin: Stone Age“

Man sieht es dem Franzosen Chaubin nach, dass er in keinem Land so viele Burgen fotografiert hat wie in Frankreich. Von Armenien im äußersten Osten bis ins Vereinigte Königreich im Westen, von Finnland im Norden bis nach Sizilien im Süden ist er gereist und hat die Vielfalt im Gemeinsamen, die Schönheit im jeweils Besonderen dokumentiert: zu allen Tages- und Jahreszeiten, im Wasser und hoch oben auf Bergen. Apropos Jahreszeiten: wenn man diese schaurig-schönen Winterbilder sieht, ist man versucht zu vergessen, wie hart vermutlich die Lebensbedingungen gerade zu dieser Jahreszeit in den steinernen Gewölben waren. Aber der Meister-Fotograf bietet auch sonnige Idyllen an, abendlich Düsteres oder morgendlich Freundliches. Bei diesem überreichen Angebot an Bauwerken, versteht man dann auch die Faszination, welche die einfachen Linien aus dem Mittelalter auf Pioniere der Moderne ausgeübt haben.

BuchcoverFrédéric Chaubin: Stone Age. Ancient Castles of Europe. Dreisprachig: Englisch, Deutsch und Französisch. Verlag Taschen, Köln 2021.